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Thema / Archiv | Beitrag vom 12.06.2014

FlaggenkultSchlaaaand! - Ein Gänsehautfeeling?

Das Feiern von Schwarz-Rot-Gold belege neues Deutschlandgefühl

Autor Michael Ebmeyer im Gespräch mit Liane von Billerbeck

Germany supporters cheer during a World Cup semifinal against Spain at Durban Stadium in Durban, South Africa, on July 7, 2010. Spain won 1-0.  (picture alliance / dpa / MAXPPP/Kyodo)
Deutsche Fans beim Finalspiel der Fussball-WM 2010 in Durban (picture alliance / dpa / MAXPPP/Kyodo)

Der Schriftsteller Michael Ebmeyer sieht im deutschen Flaggenkult zur Fußball-Weltmeisterschaft einen Ausdruck des neuen Selbstverständnisses als Einwandererland. Er finde die Frage inspirierend, welchen Anteil an diesen Schwarz-Rot-Gold-Feiern eigentlich Einwanderer hätten.

Liane von Billerbeck: Heute beginnt sie, die Fußballweltmeisterschaft in Brasilien, und seit Wochen gibt es wie schon bei der Weltmeisterschaft 2006 hierzulande wieder all überall Beflaggung: Deutschland in Schwarz-Rot-Gold. Die Autos sind beflaggt, und nicht nur das: keine Werbebeilage, gleichgültig wofür, scheint ohne diese drei Farben auszukommen. Schwarz-Rot-Gold brüllt uns geradezu entgegen. Über das Spiel mit Schwarz-Rot-Gold hat der Schriftsteller Michael Ebmeyer ein Büchlein geschrieben, über Fußball und Flaggenfieber, und er ist jetzt im Studio. Herzlich willkommen.

Michael Ebmeyer: Guten Tag! - Hallo.

von Billerbeck: "Ich finde gut, dass ich nicht mehr der einzige bin mit einer Flagge am Auto." Dieses Zitat des damaligen Bundespräsidenten Horst Köhler haben Sie Ihrem Büchlein vorangestellt. Das war 2006, als die Weltmeisterschaft hier in Deutschland stattfand und wir plötzlich ein ganz entspanntes, ein ganz neues, ein schwarz-rot-goldenes Deutschland erlebt haben, das wir bis dahin nicht kannten. Das scheint, jetzt Normalität zu sein bei dieser Weltmeisterschaft. Was ist schlecht daran?

"Gefahr besteht, dass die Gemeinschaft durchdreht"

Ebmeyer: Ich weiß gar nicht, ob das Deutschland, das wir damals erlebt haben und das wir jetzt wieder erleben werden, ganz entspannt ist. Ich glaube, es ist einfach Ausdruck eines Bedürfnisses nach großen Gemeinschaftsgefühlen, das es immer gibt, das es in jeder Kultur gibt, und auch nach gemeinsamen Rauscherlebnissen, und man muss immer nur schauen, was man daraus macht. Die Gefahr besteht eben, dass die Gemeinschaft durchdreht. Das gilt es zu vermeiden und darum muss man für die Gemeinschaftsgefühle einen Rahmen schaffen. Und unter dem Aspekt finde ich wieder den Fußball sehr interessant, denn Sport ist ja immer etwas, das nach Regeln funktioniert, nach Spielregeln.

Die Spielregeln sind dann sozusagen der Rahmen, an die müssen sich ja nicht nur die Spieler halten, sondern auch die Zuschauer müssen sich darauf einlassen. Es gibt jede Menge Regelverstöße, sowohl auf Spielerseite als auch auf Zuschauerseite, aber im Grunde weiß jeder, was die Regeln sind. Im Grunde weiß auch jeder, welche Idee oder welches Ideal den Regeln übergeordnet ist, nämlich Fair Play, was man auch mit das schöne Spiel übersetzt. Das ist ja nicht nur das Spiel, bei dem man den Gegner nicht umhaut, sondern fair heißt ja eigentlich schön. Es soll ein Spiel sein, das Freude macht auch im Anblick. Und wenn man so einen Rahmen schafft, dann können auch Gemeinschaftsgefühle und auch ein Gemeinschaftsrausch kann dann ausgelebt werden, ohne dass gleich alles außer Kontrolle gerät, ohne dass es schlimm wird.

von Billerbeck: Aber es könnte ja schlimm werden, das wissen wir ja in Deutschland. War das der Grund auch, dass es so lange gedauert hat, bis 2006, viele Jahrzehnte, weil wir eben diesen kollektiven Rausch aus der Zeit des Nationalsozialismus noch im Kopf hatten, weil wer ein Geschichtsbewusstsein hat, der hört dann immer sofort, wollt ihr den totalen Krieg von Goebbels, und deshalb sind alle, auch Sie als Kulturwissenschaftler natürlich immer skeptisch bei kollektiven Räuschen?

Ebmeyer: Ich glaube, das ist auch wichtig, skeptisch zu bleiben, auch nach 2006, auch acht Jahre nach 2006. Und selbst wenn es jetzt wieder alles friedlich ist, genau hinschauen muss man weiterhin. Ich glaube auch, dass man die Geschichte dieser neuen Flaggenfreude nicht nur aus der deutschen Geschichte und aus dem Umgang mit der deutschen Vergangenheit erzählen sollte, sondern auch aus der anderen deutschen Geschichte, nämlich aus der Geschichte von Deutschland als Einwanderungsland.

Einen erfreulich hohen Anteil an der Ausgestaltung dieser Fußballparties haben die sogenannten Bindestrich-Deutschen, also die Migranten oder Deutschen mit Migrationshintergrund, wie es immer so schön heißt. Es gibt ja durchaus die These, dass die angefangen hätten mit dem sogenannten unbefangenen Flagge zeigen zu den Fußballfesten und dass die sozusagen den immer etwas verklemmten deutschen Kartoffeln erst beigebracht haben, wie man mit der eigenen Flagge fröhlich feiern kann, ohne dass danach das ganze Land in einen nationalistischen Rausch verfällt.

Neues Deutschland-Gefühl resultiert aus Selbstbild als Einwanderungsland 

von Billerbeck: Das merkt man ja aus einigen Ländern, die viele Migranten haben. Da werden ja gerade diese Symbole besonders hochgehalten. Gucken wir uns die USA an: da spielt dieses Gefühl eine große Rolle, die Hand aufs Herz, die Hand auf die Fahne, man schwört darauf. Das spielt eine ganz große Rolle. Das heißt, die Migranten haben uns deutschen Kartoffeln beigebracht, wie es ist, fröhlich und entspannt, um das Wort noch mal zu sagen, oder, um ein schlimmeres Wort noch einzuführen, stolz auf die eigene Mannschaft mit der Fahne zu feiern?

Ebmeyer: Ich weiß nicht, ob sie es uns wirklich beigebracht haben, aber ich finde diese These erst mal sehr inspirierend zu sagen, wir schauen uns an, welchen Anteil an diesen Schwarz-Rot-Gold-Feiern haben eigentlich die nicht Volksdeutschen, wie die Rechten das dann nennen, und inwiefern drückt sich hierin wirklich was aus, eine neue Realität, ein neues Deutschland, das ein Einwanderungsland ist, ein buntes Land.

Klar, der Flaggenkult ist oft in den Ländern am größten, die sich als Einwanderungsland nicht nur von der Geschichte, sondern auch vom Selbstverständnis her begreifen, eben die USA, oder vielleicht Argentinien, Brasilien auch, oder Kanada, und mittlerweile ist Deutschland ja längst in dieser Realität als Einwanderungsland angekommen, ohne dass das politisch wirklich und ohne Wenn und Aber und Hintertürchen anerkannt wird, und jetzt kann diese Art, mit Schwarz-Rot-Gold zu feiern, oder überhaupt mit Flaggen zu feiern - ich finde es nämlich auch wichtig, dass nicht nur deutsche Flaggen gezeigt werden dürfen bei der Fußball-WM -, diese Art zu feiern kann wirklich eine erste Erscheinungsform dieses neuen Deutschland-Gefühls sein, das eher an dem Selbstbild von Einwanderungsländern orientiert ist als an dem alten aggressiven Blut und Boden-Mythos.

von Billerbeck: Interessant ist ja, wenn wir noch mal zum Fußball zurückkommen, dass die deutsche Nationalmannschaft nicht etwa Schwarz-Rot-Gold trägt, sondern Schwarz-Weiß-Rot. Das war die Flagge des Kaiserreiches, die Reichskriegsflagge, die Fahne der NSDAP hat diese drei Farben. Komischerweise wird das kaum diskutiert, wir reden hier über Schwarz-Rot-Gold.

Ziemlich unbedarft oder taktlos mit Schwarz-Weiß-Rot zu hantieren

Ebmeyer: Ja. Das ist ja auch furchtbar! Das WM-Trikot der deutschen Nationalmannschaft ist, finde ich, sowieso das Hässlichste, was jemals eine deutsche Nationalelf getragen hat, und dass man dann auch noch doch ziemlich unbedarft oder taktlos mit diesen Farben Schwarz-Weiß-Rot da hantiert, finde ich eine ganz symptomatische Fehlleistung, ähnlich wie bei dem Überkommerz, der von dieser WM Besitz ergreift, dass es dann auch immer wieder zu so Auswüchsen kommt, wie dass eine Reinigungsmittelfirma ihr Produkt zum Spülführer ernennt, oder dass ein in braunes Papier verpackter Schokoriegel dann für die Dauer der Fußballfestspiele plötzlich Stürmer heißt, oder dieses Mal der Fall mit Ariel 88, dass das Waschmittel plötzlich eine 88 drauf hat, was ja als rechtsradikaler Code für "Heil Hitler" ziemlich bekannt ist, und dann steht da noch "neu konzentriert" oder so was drauf. Da wird irgendwie ganz wüst herumassoziiert und immer zwanghaft doch zurückgegriffen auf ein Wort oder auch Bild und Gedankeninventar des deutschen Nationalismus oder gar Nationalsozialismus.

von Billerbeck: Ist das einfach doof oder unhistorisch, oder einfach rechts?

Ebmeyer: Das ist in den meisten Fällen, glaube ich, einfach doof, in allen Fällen unhistorisch und in den unappetitlichsten Fällen auch rechts. Aber gerade solche Fälle zeigen uns, dass wir genau hingucken müssen, und wenn jetzt selbst das Trikot der deutschen Nationalmannschaft solche Assoziationen weckt und die, die das gestaltet und durchgewinkt haben, das nicht merken, dann ist es sehr schade und dann kann man auch wieder ein bisschen sich Sorgen machen um dieses vermeintlich so entspannte neue Deutschland-Gefühl. Andererseits können ja die Fans, die schwarz-rot-goldene Fahnen schwenken, nichts dafür, dass der DFB sich für ein schwarz-weiß-rotes Trikot entscheidet.

von Billerbeck: Michael Ebmeyer sagt das, Autor des Buches "Das Spiel mit Schwarz-Rot-Gold: Über Fußball und Flaggenfieber". Das kleine Büchlein ist bei Kein & Aber erschienen und Michael Ebmeyer war mein Gast. Danke Ihnen.

Ebmeyer: Vielen Dank.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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