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Filme der Woche / Archiv | Beitrag vom 16.06.2010

"Five Minutes of heaven"

Thriller um die Folgen des Nordirland-Konflikts

Gesehen von Hans-Ulrich Pönack

Szene aus "Five minutes of heaven" mit Liam Neeson (rechts) (Neue Visionen Filmverleih)
Szene aus "Five minutes of heaven" mit Liam Neeson (rechts) (Neue Visionen Filmverleih)

Nordirland 1975: Der Bürgerkrieg zwischen Katholiken und Protestanten tobt. Der 16-jährige Allistair schließt sich der Ulster Volunteer Force an und erhält den Auftrag, einen Katholiken zu töten. Mit drei Kopfschüssen tötet er den jungen Katholiken James Griffin. Dessen 11-jähriger Bruder Joe beobachtet die Hinrichtung. 33 Jahre später treffen sich Allistair und Joe in einer Fernsehshow wieder …

Der am 26. März 1957 in Hamburg geborene Regisseur Oliver Hirschbiegel zählt zu den spannenden einheimischen wie internationalen Filmemachern, der "interessante" kreative Höhen und Tiefen durchlebt hat. Für seinen TV-Film "Das Urteil" erhielt er 1998 den begehrten Adolf-Grimme-Preis, unseren Fernseh-"Oscar" sozusagen.

Sein erster Kinofilm war 2001 der Psychothriller "Das Experiment" (mit Moritz Bleibtreu), ein vielfach prämiertes Werk und ein heiß diskutierter Stoff. 2004 folgte dann die weltweit vielbeachtete und hitzig diskutierte Bernd-Eichinger-Produktion "Der Untergang" (mit Bruno Ganz als Adolf Hitler), die mit einer Auslands-"Oscar"-Nominierung bedacht wurde.

Der mit Ben Becker glänzend besetzte Fernsehfilm "Ein ganz gewöhnlicher Jude" lief 2005 auch in den Kinos. Zu einem Total-Flop avancierte Hirschbiegels erster Hollywood-Ausflug 2007: Die wiederholte Adaption des gesellschaftspolitischen Horrorstoffes "Die Körperfresser kommen" ging unter dem Titel "Invasion" – mit Nicole Kidman in der Hauptrolle – völlig unter.

Sein jüngster Kinofilm ist eine britisch-irische TV-Co-Produktion, die im Januar 2009 auf dem renommierten amerikanischen "Sundance Festival" uraufgeführt und mit Preisen für Drehbuch und Regie ausgezeichnet wurde. Im Vorjahr wurde sie hierzulande beim "Filmfest München" entdeckt. "Five Minutes to Heaven" besitzt ein universelles Thema: Gewalt und ihre lebenslangen Dauerfolgen.

Das Drehbuch stammt von Guy Hibbert, der fiktionale wie authentische Motive verbindet: "Truth and Reconciliation", also Wahrheit und Aussöhnung, lautet heute ein britisches TV-Programm-Angebot. Für zwei Männer, die in einem abgelegenen irischen Schloß "zusammengeführt" werden sollen. Schuld und Sühne prallen "körperintensiv" aufeinander in Gestalt von Joe Griffin und Alistair Little. 33 Jahre ist es her, dass sie sich das letzte Mal gesehen haben, in Lurgan, einer Kleinstadt in Nordirland, wo 1975 der Bürgerkrieg tobt. Die IRA gegen die Briten; Katholiken gegen Protestanten. Eine ständige Pulverfaßatmosphäre.

Der 16-jährige Alistair tötet "auftragsgemäß" den jungen Katholiken James Griffin. Gewalt als Zeichen, Vernunft spielt keine Rolle. Als Alistair James mit drei gezielten Kopfschüssen tötet, schaut sein 11-jähriger Bruder Joe zu. Alistair wird gefaßt, verbringt zwölf Jahre im Gefängnis.

33 Jahre später ist der Friedensprozess in Nordirland in vollem Gange, sind aber die Beteiligten weiterhin schwer traumatisiert ud sollen sich in einer TV-Show endlich "austauschen", "versöhnen". Was niemand ahnt: Joe will Rache für seinen ermordeten Bruder, will seine "fünf himmlischen Minuten" endlich erleben und plant Alistairs Ermordung. Aber dann entwickelt sich alles ganz anders. Ist Versöhnung überhaupt möglich?

Ein aufwühlender Film, ein packender Menschen-Thriller, ein verbaler Horrorfilm. Was Gewalt mit Menschen lebenslang anstellt, anrichtet, ist das Grundmotiv. Behutsam, zerstörend, aufwühlend, nachvollziehbar, jederzeit. Mit klugen, spannenden "Gedankenaktionen", die unter die Haut gehen, weil die Darsteller so intensiv spielen in einer unglaublich aufregenden körpersprachlichen Dauerbewegung, fiebrig, nervös, kaputt, hoffend, bangend, wütend, deprimierend, als zerfressende An-Spannung, die permanent präsent ist, permanent. Eine sensible, dichte Wut-Trauer-Performance. Mit viel dichtem Suspense-Gefühl und Suspense-Geschmack.

Oliver Hirschbiegel seziert präzise die schauerlichen Folgen von Hass und Gewalt. Über zwei erstklassige Duellisten: Der aus Nordirland stammende Liam Neeson ("Schindlers Liste"; zuletzt "96 Hours") ist als geläuterter Täter ein gebrochener Mensch auf Endlich-Versöhnungssuche. Sein nordirischer Darstellerkollege James Nesbitt (bekannt aus "Bloody Sunday" von Paul Greengrass, dem Berlinale-Siegerfilm von 2002) als vermeintlicher Racheengel Joe besticht in dessen Dauernervosität, Dauerunruhe, in dessen Seelenzerstörung. Eine beeindruckende darstellerische Intensität, fast einem psychologischen Leone-Western gleichkommend. Selten so gebangt, eine hochkarätige Independent-Entdeckung: "Five Minutes of Heaven" wirkt länger nach als viele, viele andere Streifen in diesen Wochen.

Liam Neeson dazu: "Diese Geschichte kann auf jeden Krisenherd der Welt bezogen werden, sie besitzt Allgemeingültigkeit". Wie wahr, leider.

"Five Minutes of Heaven", Großbritannien 2009, Regie, Oliver Hirschbiegel, Darsteller: Liam Neeson, James Nesbitt, Anamaria Marinca u.a., FSK: 12, Länge: 89 Minuten

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