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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 27.02.2013

Fischernetz und flirtender Ober

"Fremdes Essen. Die Geschichte der ausländischen Gastronomie in der Bundesrepublik Deutschland"

Ein ofenfrische italienische Pizza (Stock.XCHNG)
Ein ofenfrische italienische Pizza (Stock.XCHNG)

Die kulinarische Einwanderung aus Südeuropa nach Deutschland war eine Erfolgsgeschichte. Wie dieser Aufstieg des "fremden Essens" auch mit Klischeevorstellungen, Rassismen und der Exotisierung des "anderen" einherging, das schildert Maren Möhring in einer Studie, die echte Wissenschafts-Rohkost ist.

"Wir hatten Hochachtung vor jeder Olive," zitiert die Autorin die türkische Gastarbeiterin Filiz Yüreklik. "Viele Nahrungsmittel, die fester Bestandteil unserer Küche sind, wie Auberginen, Zucchinis, Schafskäse und Oliven, waren damals in Berlin nahezu unbekannt."

Ein Zustand, wie er heute kaum noch vorstellbar ist. Wie es aber all diese Produkte in die deutsche Küche und damit auch ins Supermarktregal schafften, das erzählt die Potsdamer Historikerin Maren Möhring in ihrem Buch "Fremdes Essen."

Sie erzählt damit ein wichtiges Stück bundesdeutscher Geschichte, die Geschichte der Normalisierung der Einwanderung: Denn die Pizzeria am Eck, der Balkan-Grill und die Döner-Bude, sie zeigten, dass Deutschland ein Einwanderungsland war, lange bevor das hoch kontrovers diskutiert wurde. Durch sie war migrantische Kultur im Stadtbild sichtbar, die Zuwanderer in der Öffentlichkeit waren präsent.

Wie sehr allerdings dieser Aufstieg des "fremden Essens" auch mit Klischeevorstellungen, Rassismen und der Exotisierung des "anderen" einherging, das schildert Möhring unter anderem am Beispiel der Italiener. Die Pizzeria etwa: Ihre Erfolgsgeschichte ist eine Geschichte der Massen-Migration aus Italien, aber auch des Massen-Tourismus nach Italien. Der Besuch beim Italiener war Urlaub zu Hause.

Umso wichtiger war das Ambiente der Restaurants – ein touristischer "Ort der Sehnsucht", bespielt mit dem, was Maren Möhring als "ethnic performance" beschreibt: Die Inneneinrichtung mit Fischernetz, der Wein aus der Korbflasche, und nicht zuletzt das Personal mit südländischem Temperament. Gutgelaunt und fröhlich und der lockere Ober sollte stets auch flirten. All das gehörte zu einem "typischen Italiener" und wurde erwartet. Auch wenn die Lieblingsspeise Pizza in Italien selbst eigentlich nur im Raum Neapel bekannte war.

So begann dann auch bald eine Ausdifferenzierung: Der Verband der italienischen Gastronomen CIAO Italia distanzierte sich. Von dort hieß es etwa: "Wenn sich etwas als ristorante italiano definiert, darf es keine Pizza haben."

Diese neue Welle wurde vor allem auch von den kulturellen Ausläufern der studentischen "Neuen Linken" vorangetrieben, den Milieus der "Toskana-Fraktion", die mit neuen Klischee-Vorstellungen zu ihren Italienern strömten: Die Kritik an den herrschenden Verhältnissen wurde von der Politik in die Kulinarik übertragen. Hier war Protest gegen bürgerliche deutsche Küche möglich, die "einfache Landküche" konnte verbunden werden mit Kritik an verloren gegangener Bodenständigkeit und Authentizität: am liebsten beim italienischen Wirt, der Flugblätter des italienischen Arbeiterkampfes auslegte.

Fast vergessen, weil nahezu von der Bildfläche verschwunden, ist der Balkan-Grill. Dabei setzte er sich noch vor den Pizzerien in den deutschen Städten durch. Vor allem auch, weil er "vertraute Exotik" bot, so Möhring: Cevapcici und andere Balkan-Gerichte, sie seien schon früh massentauglich gewesen, weil sie so nahe an der deutschen rustikalen Küche seien. Sie funktionierten an der Grenze zwischen Einheimischem und Fremdem. Doch genau diese "mangelnde Fremdheit" habe auch das Schicksal des Balkan-Grills besiegelt. Irgendwann, spätestens ab den 1980er-Jahren, war er schlicht nicht mehr exotisch genug, er verschwand beinahe vollständig. Davor, so eine der interessantesten Erkenntnisse Möhrings, befriedigte der Balkan-Grill aber auch so manches revanchistische Gelüst, denn Veteranen und Vertriebene konnten im Balkan-Grill den verlorenen Osten oder das vergangene Habsburgerreich kulinarisch heraufbeschwören.

Im Kapitel "Bockwurst statt Döner", das sich der nationalistisch motivierten Ablehnung der Gastarbeiter-Küche widmet, zeigt sich am deutlichsten, was ein generelles Manko des Buches ist: Die Autorin verzettelt sich in diesem Kapitel in Konzepten und kulturtheoretischen Anwendungen und die eigentliche "Geschichte" kommt zu kurz. Vom phallischen Würstchen und dem männlich codierten Döner Kebab ist hier die Rede. Wie solche Ablehnung sich nun aber konkret zeigte, das fehlt im Buch: Zu viel Konzept, mit zu wenig Inhalt gefüllt.

Insgesamt ist das Buch weder literarisches Fast-Food noch ein elegant zu lesender Gourmet-Happen, sondern vielmehr echte Wissenschafts-Rohkost. Zum Schmökern kann es nicht empfohlen werden. Für den Fachmann aber enthält das Buch viele feine Noten und Nuancen, wichtige Positionierungen innerhalb des wissenschaftlichen Diskurses: So kritisiert Möhring die These von der Liberalisierung der Bundesrepublik, denn für Nicht-Deutsche träfe sie keinesfalls zu.

Damit reiht sich Möhrings Buch ein in jene neueren historischen Studien, die die Erfolgsgeschichte der BRD kritisch hinterfragen und die Erfolgsbilanz nach 1945 relativieren.

Besprochen von Philipp Schnee

Maren Möhring: Fremdes Essen. Die Geschichte der ausländischen Gastronomie in der Bundesrepublik Deutschland
Oldenbourg Verlag, München 2013
555 Seiten, 59,80 Euro

Mehr bei deutschlandradio.de

Links bei dradio.de:

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