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Thema / Archiv | Beitrag vom 04.02.2009

Fischer Verlag rechnet nicht mit niedrigeren Preisen bei E-Books

Geschäftsführer Michael Justus: Verlage werden nicht überflüssig

Michael Justus im Gespräch mit Dieter Kassel

Ein Mann liest in Frankfurt auf der 60. Buchmesse im neuen E-Book der Firma Sony. (AP)
Ein Mann liest in Frankfurt auf der 60. Buchmesse im neuen E-Book der Firma Sony. (AP)

Nach Einschätzung des Fischer Verlags werden E-Books zukünftig nicht günstiger angeboten werden als entsprechende herkömmliche Bücher. Neben den Einstiegskosten für die neue Technologie hätten die Verlage auch Ausgaben pro Titel und Download, sagte der Kaufmännische Geschäftsführer Michael Justus. Er gehe davon aus, "dass die Preise für E-Books in etwa auf dem Niveau der gedruckten Bücher liegen müssen".

Dieter Kassel: Jetzt steht es fest: Am 11. März kommt der Sony Reader PRS-505 auf den Markt. Dann kann man auch in Deutschland Bücher nicht mehr nur auf Papier, sondern auch auf einem technischen Gerät lesen. Nicht alle allerdings, denn es gibt Verlage, die wollen noch nicht mitmachen. Zu diesen gehört der Fischer Verlag und dessen Kaufmännischen Geschäftsführer Michael Justus werden wir gleich fragen, warum er die Euphorie mancher Kollegen aus der Verlagsbranche nicht teilen mag. Vorher stellt Michael Meyer den PRS-505 vor.

(folgt Beitrag)

Dieter Kassel: Michael Meyer über den Sony PRS 505, den ersten E-Book-Reader, der, wie gehört, in Deutschland am 11. März auf den Markt kommt, einen Tag vor Beginn der Leipziger Buchmesse. Man wird dann mit diesem Gerät zahlreiche Bücher von großen deutschen Verlagen lesen können - Hansa, Hoffmann und Campe, DTV, Lübbe und ein paar andere. Viele aber werden jetzt am Anfang noch fehlen im Angebot. Fehlen werden auch die Bücher S. Fischer Verlags, und dessen kaufmännischen Geschäftsführer Michael Justus begrüße ich jetzt am Telefon. Guten Morgen, Herr Justus!

Michael Justus: Guten Morgen!

Kassel: Warum wollen Sie beim Start am 11. März nicht dabei sein, warum sind Sie nicht dabei?

Justus: Das hat ganz wenige prinzipielle und eine ganze Reihe von praktischen Gründen. Wir standen letztlich vor der Wahl, jetzt einige wenige Bestseller beizusteuern oder aber noch ein paar Monate zu warten, bis wir dann gleich mit einem ausgewachsenen E-Book-Programm von vielleicht 500 Titeln dabei sein können. Um das zu machen, fehlen aber im Handel und auch bei uns noch ein paar technische und rechtliche Voraussetzungen. Und da wir uns als Autorenverlag verstehen, der alle Autoren gleichbehandelt und nicht ein paar Bestseller-Autoren bevorzugt, haben wir gesagt, wir warten lieber noch ein paar Monate und dann richtig.

Kassel: Ist es für Sie ein Vorteil oder ein Nachteil, dass definitiv - der Kindle von Amazon wird irgendwann wohl doch auch kommen in diesem Jahr - dass definitiv zwei konkurrierende System auf den Markt kommen?

Justus: Ja, es hat Vor- und Nachteile. Der Vorteil besteht sicherlich darin, dass dann nicht ein Monopolist den Markt beherrschen wird, insofern haben alle Verlage ein Interesse daran, dass es mehrere Anbieter gibt. Der Nachteil besteht natürlich darin, dass wir dann verschiedene Formate ansteuern müssen, und das kostet eine Menge Geld.

Kassel: Geld ist ein Thema, wir haben es gerade in dem Beitrag gehört, ein Drittel weniger sollen Bücher über das Sony-Gerät kosten, das ist nicht in allen Fällen zu schaffen, die Thalia-Website redet inzwischen von im Durchschnitt 20 Prozent weniger. Sind das Preise, mit denen Sie als Verlag leben können?

Justus: Nein, definitiv nicht. Ich glaube, das ist ein Phänomen jetzt der Versuchsphase im E-Book-Bereich und beruht auch vielleicht noch ein bisschen auf einem Missverständnis, was die Kosten angeht. Wir gehen eher davon aus, dass bei einem nachhaltigen E-Book-Geschäft die Preise für E-Books in etwa auf dem Niveau der gedruckten Bücher liegen müssen.

Kassel: Das verwundert jetzt natürlich ein bisschen, weil zum einen der Käufer natürlich sagt, bei einem Kaufpreis zum Beispiel für dieses Sony-Gerät von 300 Euro, er möchte das Geld natürlich irgendwo anders wieder reinholen, und auf der anderen Seite sagt man sich, ein Verlag spart ja enorme Kosten, Sie müssen nichts mehr auf Berge von Papier drucken.

Justus: Wir haben da ein bisschen nachgerechnet und diese Illusion, muss ich sagen, dass es weniger kostet, hat sich inzwischen in Luft aufgelöst. Das hat zwei Gründe: Vor etwa einem Jahr war von dem EPUB-Format noch kaum die Rede, inzwischen haben sich die Verlage damit beschäftigt und kennen jetzt nun auch die Kosten, um in dieses EPUB-Format zu konvertieren. Das ist viel. Es braucht auch eine große Infrastruktur, es braucht Personal, das in den Verlagen noch nicht vorhanden ist, um dieses Format ansteuern zu können und gleichzeitig dann auch noch das Amazon-Format anzusteuern.

Und das andere ist letztlich, dass dieses EPUB-Format auch nicht mehr wie ein Abfallprodukt des gedruckten Buches daherkommt, sondern auch sehr viel leistungsfähiger ist für den Leser. Man kann sich als Leser die Schriftgröße einstellen, man kann freien Text umbrechen, man kann aus dem Register bestimmte Kapitelanfänge anspringen usw. Das heißt auch, das E-Book bietet damit gewisse Vorzüge, die das gedruckte Buch nicht hat, sodass wir die Leistungsfähigkeit in etwa auf dem Niveau des gedruckten Buchs sehen.

Kassel: Muss man vielleicht erklären, EPUB ist ein an sich offenes Format, das dieses Sony-Gerät auch nutzt, Amazon hat aber ein eigenes bei seinem Kindle, das auch exklusiv nur für dieses Gerät da sein soll. Und diese Formate sind untereinander nicht kompatibel. Das ist natürlich ein technisches Wirrwarr, wie wir es von anderen Geschichten, von den Videorekordern in den 80ern bis zu heute diversen Betriebssystemen, kennen. Aber sind nicht die Kosten, die durch diese technischen Probleme verursacht werden, Einmalkosten? Sie brauchen doch einmal die Software, einmal die Infrastruktur, und wenn das bezahlt ist, fangen wir an zu sparen.

Justus: Es sind Einmalkosten da, die sind auch erheblich, aber wir haben überraschenderweise auch Kosten pro Titel, den wir konvertieren müssen, und auch pro Download. Es ist ja letztlich so, dass wir die Bücher, die E-Book-Downloads, mit dem Buchhandel abrechnen müssen. Wir müssen die Honorare mit den Autoren abrechnen. Das ist ein sehr kleinteiliges Geschäft. Wir haben inzwischen Angebote von Dienstleistern vorliegen, und die wollen einen relativ großen Anteil vom Umsatz haben, das heißt also von jedem verdienten Euro, das ist nicht weniger, als wir es im Buchgeschäft gewöhnt sind. Insofern müssen wir E-Books in etwa so kalkulieren wie gedruckte Bücher.

Kassel: Wenn wir nun gucken, dass in Deutschland ja ein paar Verlage doch sagen, wir machen das erst mal billiger, wenn wir in die USA gucken, wo der Kindle ja schon so eine gewisse Verbreitung erreicht hat und wo - es gibt in Amerika ja keine Buchpreisbindung, also ein genauer Prozentwert ist heikel, aber wo doch auch die E-Books spürbar billiger verkauft werden als die gedruckten -, was heißt denn das für die Kollegen der anderen Verlage? Haben die aus Ihrer Sicht einfach noch nicht zu Ende kalkuliert?

Justus: Ich glaube, die probieren erst mal aus und spekulieren darauf, dass dieses Geschäft in absehbarer Zeit sowieso noch keine große Rolle spielen wird. Wenn dieses Geschäft dann eine Rolle spielen wird und dann auch die Autoren, Buchhändler und Verlagsmitarbeiter ernähren muss, dann wird das anders aussehen. Und man kann jetzt aus neusten Entwicklungen aus den USA sehen, dass sich der Trend dort auch umkehrt. Dort ist die Versuchsphase jetzt praktisch am Ende, und es werden auch schickere Lesegeräte angesteuert, es wird jetzt konsequent das EPUB-Format mit allen Leistungsmerkmalen genutzt. Und schon zeigt sich, dass dort auch E-Books teurer angeboten werden, sie sind zum Teil sogar teurer als die gedruckten Bücher und werden trotzdem gekauft, weil die neuen Lesegeräte und das EPUB-Format halt auch eine Menge zu bieten haben, mehr als das vielleicht vor etwa einem Jahr noch der Fall war.

Kassel: Wir reden gerade in Deutschlandradio Kultur mit Michael Justus von den Fischer-Verlagen über den E-Book-Markt in den USA, vor allen Dingen aber auch dem in Deutschland, wo es am 1. März losgeht mit dem Verkauf des ersten entsprechenden Lesegerätes. Sie haben es ein bisschen schon erwähnt gerade, Herr Justus, die Frage ist ja, und dazu gibt es verschiedene Ansichten: Wenn ein Mensch ein E-Book liest mit einem der zur Verfügung stehenden Geräte, liest er dann noch normale Bücher oder nicht oder umgekehrt, ist das eine Umverteilung im Markt oder gewinnt man dadurch neue Leser, vielleicht auch fürs gedruckte Buch? Wie sehen Sie das?

Justus: Das ist ganz schwer vorauszusagen. Wir haben gewisse Erfahrungen aus dem Fachbuchbereich, wo es schon seit etwa zehn Jahren viele elektronische Fachpublikationen gibt. Dort zeigt die Erfahrung, dass Verkäufe von elektronischen Publikationen auf Kosten von gedruckten Verkäufen gehen. Also wir tun gut daran, aus rein kaufmännischer Sicht erst mal davon auszugehen, dass jedes verkaufte E-Book auf Kosten eines gedruckten Buchs geht und so entsprechend auch die Kalkulation und die Strukturen zu gestalten. Wenn es dann besser kommt, umso besser.

Kassel: Für den Bereich der Belletristik, da kann man sehr bedingt - das hinkt manchmal, aber ein bisschen geht's - durchaus Vergleiche zur Musikindustrie anstellen, die nun durch das Internet ein bisschen der Gefahr ausgesetzt wird, in Teilen überflüssig zu werden, wird auch der Verlag als Mittler zwischen Autor und Leser in irgendeiner Zeit mal überflüssig werden durchs E-Book?

Justus: Ich glaube grundsätzlich nicht. Das ist allerdings auch mit Ausnahmen versehen. Wer populäre Nachschlagewerke und bestimmte Arten von Ratgebern sind ja durchs Internet schon weitgehend verdrängt worden, aber bei belletristischen Autoren und Texten glaube ich das zunächst nicht. Vielleicht sogar im Gegenteil: Wenn es eine ungebremste Flut von Veröffentlichungen im Web gibt, dann wird es für das Publikum vielleicht sogar wichtiger denn je, eine Instanz zu haben, die bestimmte Autoren und Texte in den Mittelpunkt der öffentlichen Wahrnehmung rückt, um sie überhaupt bemerken zu können. Man möchte ja schließlich wissen, was man zum Beispiel in den Strandurlaub als Lektüre mitnehmen kann oder was sich zu Weihnachten zu verschenken lohnt, oder man will auch mit anderen Lesern über aktuelle Bestseller reden oder vielleicht auch mal seinen Lieblingsdichter live erleben. Das sind alles Dinge, für die sorgen Verlage. Das ist praktisch in der nicht wahrnehmbaren Masse der Web-Veröffentlichungen gar nicht zu gewährleisten.

Kassel: Also Verlage werden bleiben, aber das E-Book wird kommen. Und wie sich das Ganze am Ende rechnet, das werden wir sehen. Michael Justus war das über den E-Book-Markt, der in Deutschland so richtig in Schwung wohl kommen wird ab 11. März, wenn der Sony-E-Book-Reader, das erste richtige Lesegerät für diese Bücher, auch bei uns auf den Markt kommt. Herr Justus, ich danke Ihnen für das Gespräch!

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