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Länderreport | Beitrag vom 20.01.2016

Firma NeumannDas berühmteste Mikrofon der Welt

Von Ralf Bei der Kellen

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In einem so genannten schalltoten Prüfraum der Microtech Gefell GmbH wird ein hochwertiges Röhren-Kondensatormikrofon für eine Frequenzgangmessung vorbereitet. Das Mikrofon ist in seinem Design einem legendären Modell aus den 50-er Jahren nachempfunden. (picture alliance / dpa / Jan-Peter Kasper)
In einem Prüfraum der Microtech Gefell wird ein hochwertiges Röhren-Kondensatormikrofon für eine Frequenzgangmessung vorbereitet. (picture alliance / dpa / Jan-Peter Kasper)

Im Krieg siedelte der Mikrofonhersteller Neumann von Berlin nach Thüringen um, um dort weiter produzieren zu können. Nach dem Krieg zog ein Teil der Produktion zurück nach Berlin, der andere blieb in Thüringen. Doch dann kam der Mauerbau.

"Ich glaube, Dinge werden dann zum Fetisch, wenn sie mit viel Emotionen besetzt werden – und speziell Emotionen der Sinnlichkeit. Mikrofone, die sehr gut klingen, sind sinnliche Objekte. Und deswegen ziehen sie Fetischisten an. Und es ist auch nichts Falsches daran, zu sagen: Hier eröffnet sich mir eine akustische Welt, die sich mir durch kein anderes Mikrofon eröffnen würde."

Ob George Martin, der Produzent der Beatles, Mikrofon-Fetischist war, ist nicht bekannt. Eines ist aber ganz sicher: Er wusste, wie ein gutes Mikrofon klingt. Sein Lieblingsmikrofon hörte auf den Namen Neumann U47. Bis heute sind die Abbey Road Studios voll mit deutschen Mikrofonen, die ab den 1940er Jahren gebaut wurden.

"Deswegen werde ich davor niederknien und viel Geld dafür bezahlen, um es zu benutzen, um es zu besitzen, um es anzuwenden."

Klaus Heyne wohnt im amerikanischen Bundesstaat Oregon und ist einer der Mikrofonexperten auf diesem Planeten. Seit Jahrzehnten wartet und tuned er die Mikrofone von Neil Young und Barbara Streisand, von Lucas Films und den Disney Studios. Er weiß, wovon er spricht. Und am häufigsten spricht er von Neumann Mikrofonen.

Als 1923 der Rundfunk in Deutschland an den Start geht, verwendet man dort Kohlemikrofone, hergestellt von der Firma Eugen Reisz in Berlin.

An der Entwickelung dieser noch stark rauschenden Mikrofone beteiligt ist damals auch ein Mitarbeiter Reisz', der 1898 in Chorin geborene Georg Neumann. 1928 macht er sich mit der Offenen Handelsgesellschaft OHG Georg Neumann & Co. in Berlin selbstständig. Hier entwickelt und produziert er unter anderem das Kondensatormikrofon, das wesentlich rauschärmer ist und fast die ganze Bandbreite des menschlichen Gehörs abbilden kann. In Film, Rundfunk und bei großen Kundgebungen sieht und hört man bald überall das CMV3, die sogenannte "Neumann-Flasche".

Die Mikrofone wurden als "kriegswichtig" eingestuft 

Aber dann kommt der Krieg auch nach Kreuzberg.

"Seine Firma in der Mitte Berlins wurde 1943 von Alliierten zerstört durch Bomben."

Neumanns Mikrofone sind von den Nazis offiziell als "kriegswichtig" eingestuft, man kann nicht auf sie verzichten – in Radio und auf Kundgebungen werden sie zu Propagandazwecken gebraucht. Also muss nach dem Verlust des Hauses in der Berliner Michaelkirchstrasse ein neuer Standort gefunden werden.

"Und da er im Besitz einer 'Bombenkarte' war, also einer Karte, auf der die Heftigkeit der Bombardierungen eingetragen war, fand er am Südostzipfel Deutschlands im Vogtland in dem kleinen Ort Gefell eine Stelle, die völlig von alliierten Bomben verschont war. Deswegen zog man dort im letzten Kriegsjahr hin und baute die Firma Neumann dort auf."

Gefell, auf halber Strecken zwischen Berlin und München gelegen, hatte damals ungefähr 700 Einwohner. Heute wohnen dort immerhin knapp 2500. Und auch einen Nachfolger der Firma, mit der Georg Neumann hierher zog, gibt es noch.

Das Vorzimmer zur Anmeldung in dem schlichten Fabrikgebäude sieht aus, als entstamme es einer Folge "Polizeiruf 110" aus den 1970er Jahren: Um einen Tisch stehen vier hellbraune, stoffbezogene Sessel, die heute auf den Trödelmärkten des Berliner In-Bezirks Prenzlauer Berg sicher Höchstpreise erzielen würden.

Jochem Kühnast, Jahrgang 1935, betritt das Zimmer mit einem Elan, als sei er höchstens 60. Ganz selbstverständlich benutzt er Begriffe wie "sweet spot" oder "consumer". Statt einer Pause macht er einen "Break".

"Das sind jetzt solche Stühle, die wieder so im Kommen sind, die jetzt so'n Touch haben. Im Grunde genommen habe ich nischt so gegen die Stühle, sie sind ein bisschen rechtwinklig. Kommense..."

Jochem ist der Sohn von Erich Kühnast, dem Betriebsleiter Georg Neumanns. Seine Familie ist heute Mitinhaberin der Firma. Enkelin Elisabeth ist Vertriebsingenieurin. Urenkel Arthur ist erst sechs Monate – und kann daher noch nicht mitwirken.

Die Bombardierung Berlins, von der 1943 auch das Wohnhaus der Familie betroffen war, ist Jochem Kühnast noch sehr präsent:

"Und das war gewaltig, was sich da abspielte. Ich erinnere mich noch, in dem Haus in Berlin, da flogen die Fenster, komplett wie sie waren mit Rahmen, im Haus in der Mitte zusammen und lagen dann auf'm Wohnzimmertisch. Und im Herrenzimmer stand so'n großer eichener, schwarzer Bücherschrank. Und der kippte um, knallte auf den darunter befindlichen Keller, die Kellerdecke bekam nen Riss – naja, jedenfalls waren wir dann irgendwie verschüttet... und dann wurde mit viel Mühe noch die Kellertür geöffnet, und ich musste als Kind die Ziegel alle reinholen, die ham wir dann alle im Kellergang gestapelt, bis wir uns dann selber befreien konnten."

Ende 1943 siedelt die 35 Männer und Frauen starke Belegschaft des Betriebes nach Gefell über.

Kulturschock auf beiden Seiten

Wir gehen ins schräg gegenüberliegende Museum, in dem die Erzeugnisse der Gefeller Firma ausgestellt sind. Anhand ihrer erklärt Jochem Kühnast den Kulturschock, den die Berliner ebenso erlitten wie auch die ländlichen Gefeller, auf die sie hier trafen.

"Also, es liefen die Ochsengespanne rum, Kuhgespanne, so mit sonnem großen Kumt an der Stirn, und die trotteten da so ganz gemächlich die Ortsstraße runter und guckten einen doof an mit ihren großen Augen. Naja, jedenfalls kamen wir dann alle in Gefell hier an, und die Landbevölkerung hat gestaunt, was die irren Berliner hier für Hektik verbreiten und so hektisch rumrennen, obwohl sie garnischt zu tun hatten."

Für die Neuankömmlinge werden auf einer Wiese Behelfsheime errichtet. Langsam nähert man sich an. Schließlich gelingt es den Berlinern, sich den Respekt der Landbevölkerung zu verschaffen.

"Jedenfalls ging das dann los, dass wir alles repariert haben, was mit Elektrik zu tun hatte – Heizkissen, Nachtischlampen..."

Jochem Kühnast zeigt auf ein Ausstellungsstück in einer der Vitrinen, mit dem Sinatra & Co. beim besten Willen nichts hätten anfangen können:

"Dieser Pulsator erzeugte eigentlich einen Unterdruck für die Melkmaschinen und man konnte dann die Kühe automatisch melken. Ich würde mal so sagen: Das war eigentlich das Integrationsobjekt für Städter und Landbevölkerung. Die ham sofort erkannt, dass das Zeug vernünftig ist und da entwickelte sich ein rasanter Markt."

Dann war der Krieg vorbei. Am 1. Juli 1945 fiel das ursprünglich von den Amerikanern besetzte Thüringen im Zuge eines Gebietsaustausches unter den Alliierten unter sowjetische Kontrolle. Georg Neumann geht zurück nach Berlin, um dort 1947 die Georg Neumann GmbH zu gründen.

Ein Grammy für die Neumann-Mikrofone

Berlin, Leipziger Straße Ecke Mauerstraße. Der Kontrast zwischen dem funktionalen kastenförmigen Bau im thüringischen Gefell und dem 1905 fertig gestellten Jugendstilhaus Leipziger Straße 112 in der Nähe des Potsdamer Platzes könnte kaum größer sein. Hier, im Herzen Berlins, residiert seit dem 1. Juni 2015 die Georg Neumann GmbH.

"Guten Morgen... entschuldigen Sie bitte, dass ich zu spät komme, aber in der Leipziger Straße ist nichts vorhersehbar..."

Wolfgang Fraissinet, Jahrgang 1958, gebürtiger Berliner hugenottischer Abstammung, ist seit 1990 Geschäftsführer der Neumann GmbH.

"Wir haben eben hier sehr viel Glas und Stahl verbaut in den Headquarters und das Ganze ist ja eben ein Dachgeschoss mit zwei Ebenen und Galerie dazwischen, und da müssen wir schon noch einiges tun, dass wir die Nachhallzeiten ein bisschen runterbringen, also... Das nur als Entschuldigung, wenn man als Audio-Unternehmen mit so einer Nachhallzeit arbeitet..."

Durch die verglaste Fassade blickt man auf das Museum für Kommunikation. Auf einem Bildschirm im Foyer laufen Mitschnitte von Künstlern, die mit Neumann-Mikrofonen aufgetreten sind: Nora Jones, Udo Jürgens, Yoko Ono. Mikrofone und Auszeichnungen sind in einer "Wall Of Fame"-Vitrine versammelt – darunter auch ein Grammy von 1999.

"Ein Dank sozusagen in dem Fall der NARAS, der National Association of Recording Arts an Sciences, die ja den Grammy vergibt, an die Gesamtleistung Neumanns in der Mikrofontechnik oder in der Tontechnik."

Und hier steht auch das berühmteste Mikrofon der Welt: Das Neumann U47.

"Ich habe original Fotos von den Capitol-Studios in Los Angeles, die man mir geschenkt hat, wo Frank Sinatra mit seinem U47 drauf ist. Es gibt wirklich ein, das gibt es immer noch dort, wo so'n Klebestreifen auf der Box drauf ist, da steht 'Frank' drauf – und das ist genau das U47, mit dem er die meisten seiner Titel eingesungen hat. Es gibt eine Reihe von Künstlern, die sich eben ein U47 gönnen, weil es eben ein Sammlerstück ist."

Während man in West-Berlin im Bezirk Tempelhof das U 47 entwickelt, bleibt Erich Kühnast in Gefell – man hatte wohl die Idee, dass die Georg Neumann GmbH den Westen, und das Werk in Gefell die östliche Hemisphäre beliefern könnte. Neumann leitet zunächst noch beide Betriebe. Wobei für die Gefeller bald die Materialbeschaffung zum Problem wird.

"Da es ja nach dem Krieg nichts gab, nutzten wir die Gelegenheit, hier von diesem Lancaster-Bomber, das war also ein viermotoriger Bomber, der kam aus Chemnitz zurück – der hatte dort einen Angriff geflogen und wurde dann von der Luftwaffe hier abgeschossen. Ich selber hab' das miterlebt, das Flugzeug flog über unsere Behelfsheime, und da dachten sie: jetzt ist alles vorbei. Es war ein mörderischer Lärm, und – wie man so schön sagt – acht Grad daneben. Das Flugzeug landete oberhalb des Ortes – im Wald. Auch nicht mal auf der Hauptstraße. Also... war sehr anständig."

Aus den Propellerteilen gewann man das begehrte Aluminium.

"Das war High-End! Erste Qualität."

Eine frühe Form des Recyclings und des Erfindungsreichtums, der oft aus der Not der DDR geboren wurde. 1956 wird der Betrieb in die Halbstaatlichkeit gezwungen, da er sonst von der Material- bzw. Kontingentvergabe abgeschnitten gewesen wäre. Und dann kommt 1961:

Walter Ulbricht: "Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten!"

Sagt der Genosse Walter Ulbricht am 15. Juni – natürlich in ein Mikrofon aus Gefell. Der Bau der Mauer beeinträchtigte Georg Neumann zunehmend, die Kontrolle über seinen Betrieb in Gefell auszuüben. Jochem Kühnast lebt zu dieser Zeit in Ost-Berlin. Am Ostkreuz hatte er die Schule für Schwermaschinenbau und Elektrotechnik absolviert und arbeitete nun in der Entwicklungsstelle des Messgerätewerks Zwönitz in Berlin auf dem Gebiet der Ton- und Messtechnik. Viele seiner Kollegen hatten sich bereits nach West-Berlin abgesetzt. Auch Jochem Kühnast spielt mit dem Gedanken.

Der Export in die "sozialistischen Brüderländer" boomt

"Keiner hätte bessere Startmöglichkeiten gehabt als ich – meine Tante wohnte in West-Berlin... Naja, damals war schon die Neumann GmbH in West-Berlin, da hätte ich sicherlich auch ne Arbeitsstelle gehabt. Ham wir denn anders entschieden, weil eben doch die Sippenhaft zu erwarten war – in dem Moment, wo ich nach West-Berlin gegangen wäre, hätten sie meinem Vater hier Schwierigkeiten gemacht mit der Firma. Ergo ham' wir uns entschieden: Wir bleiben."

Kühnast geht zurück nach Gefell. Reisen ins nicht-sozialistische Ausland lehnt er ab – zu risikoreich. Was ihm später durch seine 365 Seiten starke Stasi-Akte bestätigt wird: Es gab den Verdacht, er verschiebe Know-How in den Westen. Sämtliche Telefone wurden abgehört. 1972 wird die Kommanditgesellschaft Georg Neumann & Co. vom sozialistischen Staat enteignet. Ab jetzt arbeitet man dort im VEB Mikrofontechnik Gefell.

"Von Litauen bis Ungarn wurden in den Nachrichtensendungen Neumann-DDR-Mikrofone eingesetzt."

Der Export in die sozialistischen Bruderländer boomt – bis nach China gehen die Gefeller Erzeugnisse. Und während die Mikrofone der Georg Neumann GmbH die Stimmen von Abba, den Wings und den BeeGees einfangen, schickt die DDR 1978 ein Messmikrofon aus Gefell in den Weltraum - zusammen mit Sigmund Jähn. Auch bei der Entwicklung der Drahtlos-Technik war man vorne mit dabei – wovon sich das Publikum regelmäßig in der Fernseh-Unterhaltungsshow "Ein Kessel Buntes" überzeugen konnte. Aber, so Jochem Kühnast:

"Sie sollten nicht alles glauben, was da auf der Bühne war. Da gab's unter anderem Dummies. Die waren niemals drahtlos, das war einfach ein Holzmodell, bunt anlackiert – das wurde einfach verlangt. Und dann ham wir das gemacht. Ich war ja damals dagegen, aber mein Vater hat gesagt – wenn sie das haben wollen...aber sie wollten eben modern erscheinen. Also – Marketing gab's auch zu der Zeit."

Eines der interessantesten Exponate des Museums ist eine Jubiläumszeitung vom 7. Mai 1954. Darin abgedruckt: ein Gedicht mit dem Titel "Zwei sind eins", verfasst vom damaligen juristischen Berater der Firma, dem Rechtsanwalt Fritz Drechsler:

"Noch sind wir getrennt.
Im Geschick der Betriebe spiegelt sich Deutschlands Schicksal wieder.
Wir wissen es alle: der Tag ist nicht fern
Der die Schwestern vereint und die Brüder."

Günter Schabowski: "Also Jenossen, mir is das so mitgeteilt worden, dass eine solche Mitteilung heute schon verbreitet worden ist, sie müsste eigentlich in Ihrem Besitz sein..."

Jochem Kühnast: "Auch wir sind dann eins.
Wir schaffen nicht mehr
durch Grenzen und Schranken geschieden. Das Mikrofon, ob aus Ost oder West
verkündet die Einheit, den Frieden."

Günter Schabowski: "... das ist, nach meiner Kenntnis ist das sofort. Unverzüglich."

Jochem Kühnast: "Na, das überhaupt, das Ding mit dem Schabowski, also ich hab' mal recherchiert, der hat ein MV 692 benutzt, ne M70-Kapsel und nen Windschutz."

Anfang und Ende der innerdeutschen Mauer – beides wurde durch Mikrofone aus Gefell übertragen. Zu einer Wiedervereinigung der beiden Betriebe kommt es nach der Wende nicht. Wohl aber zu einer gewissen Zusammenarbeit. Wolfgang Fraissinet:

"Zum Fall der Mauer war es so, dass eine unserer ersten Tätigkeiten war, dass die Gefeller sich mal an uns gewendet haben und haben gesagt: Mensch, wir haben ja in der DDR auch viel mit Wirtschaft zu tun gehabt, aber Ein- und Verkaufen, das war ja eher zentral und staatlich organisiert als dass es der Betrieb selber gemacht hätte und wir suchen jetzt eigentlich ein eigenes Vertriebsnetz auf der Welt und könnt ihr uns nicht aus alter Verbundenheit ein bisschen dabei helfen. Das haben wir auch gemacht."

Aus ehemaligen Kollegen wurden Konkurrenten 

Wofür man im Vogtland sehr dankbar war. Dann aber kommt die D-Mark – und mit ihr große wirtschaftliche Schwierigkeiten. Der Export in die ehemaligen sozialistischen Bruderstaaten kollabiert, neue Absatzmärkte sind erst ansatzweise erschlossen. Hinzu kommt die zähe Reprivatisierung der Georg Neumann KG durch die Treuhand. Die Firma war zwar enteignet worden, ihre Produktionsmittel waren nach 1972 in der Hand des VEB Mikrofontechnik Gefell gewesen, aber sie war nicht aus dem Handelsregister gelöscht worden. Jochem Kühnast war staatlicher Leiter des VEB und parallel immer noch Prokurist der Georg Neumann KG. Und diese war nach der Wende in der Lage, die Rückübertragungsansprüche an die Treuhand zu stellen. Fluch und Segen zugleich wurde dafür ein anderer Trend, den der seit 1974 in den USA lebende Mikrofonexperte Klaus Heyne beobachten konnte:

"Und dieses Unwissen der Kundschaft, speziell auch im Ausland über die Historie dieser beiden Firmen, hat dann auch dazu geführt, dass gleich nach der Wende viele skrupellose Händler in den Ostblock gefahren und geflogen sind, und haben sich reihenweise Microtech Gefell Neumann-Label-Mikrofone aufgekauft zu Spottpreisen, um die dann im Ausland, speziell auch in Amerika, mit riesigen Profiten zu verkaufen. Entweder wussten sie, dass das nicht dasselbe war und haben es ausgebeutet oder sie wussten es nicht, weil wie gesagt das Firmenschild sehr, sehr ähnlich aussieht zwischen den beiden Marken."

Bis zur Verstaatlichung 1972 unterschied sich das Logo auf den Mikrofonen nur in einem: Der Schriftzug der Neumann Berlin-Mikrofone wurde von einem Rhombus, der der Neumann-Gefell-Mikrofone von einem Kreis umgeben. Dadurch gelangt aber die Firma, die seit 1990 unter dem Namen "Microtech Gefell" firmiert, bei Studiobesitzern und Musikern weltweit wieder ins Bewusstsein.

Aus ehemaligen Kollegen sind heute Konkurrenten geworden – oder, milder ausgedrückt: Mitbewerber um die Gunst der Mikrofonkäufer. Auch wenn man es bei der Georg Neumann GmbH nicht gerne sieht, dass man sich bei Microtech Gefell hier und da noch auf den Namen Georg Neumanns beruft. Auf der anderen Seite kommt es aber immer wieder zu kleinen Kooperationen. So benutzt man in Berlin ein Messmikrofon der Gefeller Kollegen, und in Gefell verbaut man auch Kapseln von Sennheiser, seit 1992 Eigentümer der Georg Neumann GmbH. Alles in allem ist es eine überwiegend friedliche Ko-Existenz. Denn:

Wolfgang Fraissinet: "Kein Tonstudio hat nur Neumann-Mikrofone oder nur Gefeller Mikrofone oder nur Sennheiser Mikrofone – das ist immer ein Mix aus verschiedenen Geräten für verschiedene Einsatzzwecke und verschiedene Klangeigenschaften – und das soll auch so bleiben."

Dass beide Betriebe sich nach so vielen Jahren noch immer am Markt behaupten können, ist allein schon eine deutsch-deutsche Erfolgsgeschichte – zumal angesichts der Konkurrenz aus Fernost. Und auch heute noch werden die wichtigen Ereignisse durch ihre Mikrofone übertragen: Im Plenarsaal des Reichstagsgebäudes steht am Rednerpult das Zeilen-Mikrofon KEM 970 aus Gefell. Die Mikrofone an den 300 Parlamentarierplätzen sind von der Georg Neumann GmbH. Man schreibt also weiter zusammen Geschichte. 

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