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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 20.12.2012

Finster, wahnsinnig und - richtig gut

Jim Thompson: "In die finstere Nacht" und "Blind vor Wut", Heyne, München 2012

Ein Revolver der Marke Smith and Wesson, Kaliber 44 Magnum
Ein Revolver der Marke Smith and Wesson, Kaliber 44 Magnum (AP)

Botschaften aus dem Reich des Wahnsinns: Das Werk der verkannten Roman-Noir-Legende Jim Thompson wird in Deutschland noch einmal neu entdeckt. Zuletzt mit Übersetzungen der beiden Romane "Blind vor Wut" und "In die finstere Nacht".

Als der Regisseur Michael Winterbottom vor zwei Jahren Jim Thompsons 1952 veröffentlichten Roman "The Killer Inside Me" verfilmte, war das Echo verhalten: zu gewalttätig der Film, zu realistisch, und auch mit der Originalvorlage und ihrem Autor wollte sich niemand intensiver beschäftigen. Zum einen, weil der Roman sowieso schon einmal verfilmt worden war und seit langem zu den Klassikern des Roman noir der US-Literatur gehört. Zum anderen war die entscheidende Wiederentdeckung des Jim Thompson in den 90er-Jahren erfolgt. Damals hatte der britische Regisseur Stephen Frears Thompsons Roman "The Grifters" verfilmt, und mit "The Getaway" und "After Dark My Sweet" hatte es Remakes ebenfalls schon einmal verfilmter Romane von Thompson gegeben. In dieser Zeit kümmerte sich auch der Diogenes Verlag um die Neuübersetzung und Wiederveröffentlichung vieler Thompson-Romane.

Umso ehrenwerter ist es, wenn sich nun erneut ein Verlag daran macht, dem 1906 geborenen und 1977 verstorbenen Schriftsteller Thompson ein möglicherweise neues Publikum zuzuführen: der Heyne Verlag in München. Vor einem Jahr erschien dort in der Reihe "Heyne Hardcore" Thompsons stark autobiografisch eingefärbtes, 1942 erstmals erschienenes Debüt "Jetzt und auf Erden". Im Sommer dieses Jahres folgte "In die finstere Nacht" aus dem Jahr 1953, ein Roman aus der besten und produktivsten Zeit des Autors. Und vor ein paar Wochen schließlich eines seiner Spätwerke, "Blind vor Wut".

Interessant an der kleinen Reihe ist, dass sie einen schönen Querschnitt durch Werk und nicht zuletzt Leben von Thompson darstellt. "Jetzt und auf Erden" basiert auf den Erfahrungen des Autors während des Zweiten Weltkriegs als Buchhalter in einer Flugzeugfabrik in San Diego. Sein Leben war bis dato ein recht turbulentes gewesen: Er war Mitglied der Kommunistischen Partei während und nach der großen Depression, er war Arbeiter auf texanischen Ölfeldern, Student an der University of Nebraska, Page in einem Hotel in Fort Worth während der Prohibition. Nur besser wurde alles nicht, sondern eigentlich immer schlechter (am meisten verdiente er in jungen Jahren, zu Prohibitionszeiten, als Alkoholschmuggler).

Wäre das Schreiben nicht gewesen, hätte er sich vermutlich früh zu Tode getrunken. Schwieriges Familienleben mit drei Kindern, Frau, Schwester und Mutter, Trunksucht, Arbeit in der Fabrik, Abrechnung mit dem Vater, neben all dem das Schreiben: "Jetzt und auf Erden" ist düster, manchmal etwas zäh, aber aufschlussreich in Bezug auf Thompsons Leben. Anders "In die Finstere Nacht": Thompson scheint hier auf seinem kreativen Höhepunkt zu sein. Der Roman ist einer von einem Dutzend, die er in den mittleren fünfziger Jahren veröffentlichte. Der kleinwüchsige, augenkranke und an TBC leidende, durchaus aber selbstbewusste Auftragsmörder Carl Bigelow kommt in eine Kleinstadt nicht weit von New York, um hier jemand zu erledigen, verheddert sich aber in der Liebe zu der körperbehinderten Ruth und anderen Obsessionen: "Das Problem mit dem Töten ist, dass es so leicht fällt."

Dieses Buch ist finster, klaustrophobisch, krank und wahnsinnig, eines der besten von Thompson - was sich von dem 1972 entstandenen "Blind vor Wut" nur bedingt sagen lässt. Wie so oft gibt es hier in dem Afroamerikaner und Sohn einer weißen Edelprostituierten Allan Smith einen kaputten, unsympathischen Ich-Erzähler. Smith kommt in eine neue, überwiegend von Weißen besuchte Schule und spielt hier sein oft perverses Spiel mit seinen wenigen schwarzen, zumeist ebenfalls aus gutem Hause stammenden Mitschülern. Es geht um Inzest in zwei Beziehungen, natürlich auch in der zwischen Mutter und Sohn, um Homophobie, schwarzen Selbsthass (und am Rande auch um Black Power), und hätte es damals die Formulierung "politisch inkorrekt" gegeben, "Blind vor Wut" hätte sie sofort verdient. Mal abgesehen davon, dass man nicht so recht weiß, wohin Thompson mit dem Ganzen will, so zäh geht es in den Dialogen manchmal zu: Man könnte díesen Roman durchaus als Mischung aus griechischer Tragödie, Martin Walsers "Muttersohn" und Bret Easton Ellis "American Psycho" bezeichnen. Für Thompson-Liebhaber ein Muss – für Einsteiger eignet sich "In die finstere Nacht" mehr.

Besprochen von Gerrit Bartels

Jim Thompson: In die finstere Nacht / Blind vor Wut
Heyne Verlag, München 2012
270 und 368 Seiten, jeweils 9,99 Euro

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