Seit 16:00 Uhr Nachrichten
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 16:00 Uhr Nachrichten
 
 

Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 01.07.2014

FinanzsystemGeldflut überschwemmt Sparerland

Kann unsere Marktwirtschaft ohne Zinsen funktionieren?

Von Jan Uwe Stahr

Mehrere Geldscheine im Wert von 5, 10, 20 und 50 Euro liegen durcheinander. (dpa / Stephan Persch)
Zinsen sind praktisch abgeschafft. Was bedeutet das für den Kapitalismus? (dpa / Stephan Persch)

Ein höchst kompliziertes Finanzsystem, das von Krise zu Krise taumelt, dazu so geringe Zinsen, dass Sparen sich kaum noch lohnt: Kann unser Kapitalismus so funktionieren? Wie könnten Alternativen aussehen?

Wovon Kapitalismus-Kritiker immer geträumt haben ist Wirklichkeit geworden - die Verzinsung des Geld-Kapitals ist praktisch abgeschafft! Denn wegen der Finanzkrise wird die Welt mit billigem Geld überschwemmt. Das betrifft nicht nur Sparer, Lebensversicherer, Stiftungen und Banken - die gesamte Marktwirtschaft fußte bisher auf dem Prinzip der Geldverzinsung.

Das moderne Geldsystem ist so kompliziert und undurchsichtig geworden, dass selbst Fachleute es manchmal gar nicht mehr verstehen. Und durch die Politik der EZB ist auch Sparen nicht mehr angesagt - die EZB senkt die Zinsen, um die Kreditvergabe anzuheizen. Der traditionelle Sparer ist nicht mehr gefragt, das Geld soll möglichst schnell ausgegeben werden. Wo führt das hin? Wie geht es weiter ohne Zinsen und Sparen? Kann Kapitalismus so funktionieren?

"Das ist dann eigentlich gar nichts mehr"

Die privaten Lebensversicherungen, die uns die Politik in den letzten Jahren so schmackhaft gemacht hat, erwirtschaften kaum noch Geld. Sie sind verpflichtet, das Geld ihrer Versicherten in sichere Anlagen, wie zum Beispiel deutschen Staatsanleihen, zu stecken. Weil das jetzt auch andere große Geldanleger aus aller Welt machen, sind die Zinsen dafür inzwischen nahe null. Gerade hat der Gesetzgeber den in Bedrängnis geratenen Versicherungskonzernen erlaubt, die garantierten Zinsen für neue Verträge nochmals senken. Auf nur noch 1,25 Prozent. 

Helge Kühl, unabhängiger Versicherungsmakler aus Schleswig-Holstein: "Das hört sich vielleicht immer noch viel an, aber man muss wissen, das sind Vorkosten und wenn ich die Nachkostenbetrachtung mir ansehe, dann bin ich in der Regel schon unter einem Prozent oder vielleicht bei null Prozent, also das ist dann eigentlich gar nichts mehr."

Für alle, die Geld für das Alter zurücklegen bedeutet das: Neue Wege beschreiten. Ein gängiger Tipp, den Banken und Berater wie Helge Kühl geben: Mehr Risiko eingehen beim Geldanlegen, aber das Risiko streuen. Ein anderer Ratschlag: "Kaufen Sie sich eine Wohnung oder ein Haus" – allerdings auch hier lauern erhebliche Risiken, warnt Kühl:

Die Gefahr einer Deflation wächst

"Wir haben natürlich parallel zu den Niedrigzinsen auch Niedrigzinsen bei Immobilienfinanzierungen, was natürlich toll ist auf den ersten Blick, natürlich führt das in Großstädten, das haben wir ja gesehen, Berlin, Hamburg, Köln usw. zu hohen Immobilienpreisen. Ob es da noch klug ist jetzt einzusteigen kann ich nicht sagen, dann würde ich Lotto spielen."

Auch die Angst vor einer steigenden Inflation treibt viele Geldanleger zum Immobilienkauf – auch zu stark erhöhten Preisen.. Diejenigen, die beim "Run" auf Wohnimmobilien nicht mithalten können, müssen die Zeche dafür zahlen: Die Mieten steigen immer höher und es bleibt noch weniger Geld übrig, um für das Alter zu sparen. Auch ihre Konsum-Ausgaben müssen viele Mieter einschränken. Das wiederum ist schlecht für die Wirtschaft: Mit der sinkenden Nachfrage nach Produkten sinken die Preise. Die Gefahr einer Deflation wächst. So sorgen die niedrige Zinsen womöglich für weniger Wirtschaftswachstum anstatt für mehr – sind sie das verkehrte Rezept? So richtig zu verstehen scheint das keiner. 

Hören Sie das gesamte Feature um 19:30 Uhr in den Zeitfragen oder bis zum 1.12.2014 in unserem Audio-on-Demand-Angebot. 

Komplettes Sendungsmanuskript als PDF-Dokument

Komplettes Sendungsmanuskript im barrierefreien Textformat

Zeitfragen

SelbststeuerungDie Auto-Autos kommen
Der Straßenverkehr steht vor einem Umbruch - mit Selbststeuerung.  (picture alliance / dpa / Julian Stratenschulte)

Fahrzeuge handeln immer selbstständiger - mit Folgen für Fahrer, Umwelt und Gesellschaft. Der Straßenverkehr steht vor einem Umbruch. Nun wird versucht, die kleinen und großen Unwägbarkeiten dieses Wandels vorauszuahnen.Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandradio Kultur