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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 03.11.2008

Finanzkrise und Entwicklungshilfe

Von Hans Christoph Buch

Verteilung von Lebensmitteln im Sudan (AP)
Verteilung von Lebensmitteln im Sudan (AP)

"Erinnerungen an die Unterentwicklung" hieß ein 1968 verfilmter Roman des Kubaners Edmundo Desnoes, der erste Zweifel anmeldete an der propagandistisch geschönten Selbstdarstellung von Fidel Castros Revolution. Der Titel passt auch auf die vorliegende Betrachtung, die der Krise in der Krise gewidmet ist. Gemeint sind die im Jahr 2000 von den Vereinten Nationen verkündeten Milleniumsziele - früher sagte man Entwicklungshilfe dazu - deren Umsetzung auch ohne Finanzkrisen und Bankencrashs immer unwahrscheinlicher wird.

Dabei traf der Preisanstieg der Grundnahrungsmittel, von Weizen bis zu Mais und Reis, die Ärmsten der Armen am härtesten und hat in Ländern wie Ägypten oder Haiti bereits zu Hungerrevolten geführt. Hier kann und muss von einer moralisch begründeten Bringschuld des Westens die Rede sein, denn die reichen Industrienationen plünderten die Ressourcen der Dritten Welt schamlos aus und profitieren bis heute von einseitigen Handelsbeschränkungen und unfairen Terms of Trade.

Die Geschichte des Kolonialismus war eine Kette von Raubzügen und Massakern bis hin zum Völkermord, in jeder Phase begleitet von der Zerstörung von Lebensformen, Sprachen und Traditionen, die, zum Kulturerbe der Menschheit gehörend, unwiederbringlich verloren sind: Von den Greueltaten spanischer Conquistadoren über die Ausrottung der Ureinwohner Amerikas und Australiens bis zur Tragödie in Belgisch-Kongo, das Joseph Conrad als "Herz der Finsternis" bezeichnet hat. Von hier aus führt ein direkter Weg zu den Kolonialkriegen des 20. Jahrhunderts in Algerien, Tschetschenien und Vietnam, um nur diese Länder zu nennen, deren Nachwirkungen bis in die Gegenwart hineinreichen.

Das Infragestellen kolonialer Verbrechen müsste genau so geächtet werden wie die Leugnung des Holocaust, aber hier hören die Parallelen auch schon auf. Willy Brandts Kniefall an der Mauer des Warschauer Gettos symbolisierte Schuldgefühle und Scham für die Untaten des NS-Regimes. Doch der Inflation von Entschuldigungen für weit zurückliegendes Unrecht haftet ein schaler Beigeschmack an, etwa wenn die katholische Kirche um Vergebung bittet für die Verbrechen der Inquisition oder der Kreuzzüge: Ein selbstgerechtes Ritual, mit dem die Nachgeborenen ihr moralisch reines Gewissen oder ihr politisch korrektes Bewusstsein unter Beweis stellen und historische Schuld von sich abwälzen wollen – pharisäisch ist das passende Wort dafür. Die nachträglichen Entschuldigungen verpflichten zu nichts, im Gegenteil, sie ziehen Schlussstriche unter eine Vergangenheit, die nicht vergehen will.

Demgegenüber ist darauf zu beharren, dass Rechnungen unbezahlt und Wunden offen bleiben, gleichsam als Phantomschmerz, der nicht mit Geld und guten Worte besänftigt werden kann. Mit Blick auf die Geschichte bedeutet dies, dass nicht alle Kolonialpioniere Verbrecher waren wie Henry Morton Stanley, der über Leichen ging, oder der Deutsche Carl Peters, der seine afrikanische Geliebte hängen ließ und dafür vom Reichskolonialgericht rechtskräftig verurteilt worden ist. Das NS-Regime hat Carl Peters posthum rehabilitiert, während es Richard Kandt wegen dessen jüdischer Herkunft aus der Liste der Afrika-Forscher strich. Dabei war Kandt das Gegenteil eines rassistischen Kolonialbeamten: Als Resident des deutschen Kaiserreichs in Kigali widersetzte er sich der Ansiedlung weißer Farmer, weil Ruanda schon damals übervölkert und überweidet war, und sagte lange vor dem Ersten Weltkrieg eine gewaltsame Explosion des Hutu-Tutsi-Konflikts voraus.

Abschließend wäre zu fragen, ob der Genozid am Herero-Volk durch Geldzahlungen an ein von Ovambos beherrschtes Regime wieder gut zu machen ist, das die Bürgerrechte der Hereros im heutigen Namibia mit Füßen tritt. Die Antwort lautet nein, und der Hinweis, es handle sich um eine Neuauflage des Prinzips "teile und herrsche", greift zu kurz, weil die Solidarität mit den Opfern einer verfehlten Politik wichtiger ist als die Stabilisierung eines korrupten Regimes. Die Umbenennung ehemaliger Kolonien in überseeische Départements drückte vor allem das schlechte Gewissen der einstigen Kolonialmacht Frankreich aus, aber sie ist dem offenen oder latenten Rassismus vorzuziehen, der im deutschen Sprachraum in Begriffen wie Sarotti-Mohr oder Lumumba-Becher zum Ausdruck kommt – ganz zu schweigen vom Negerkuss, der politisch korrekt Schaumgebäck heißt.

Hans Christoph Buch, 1944 in Wetzlar geboren, wuchs in Wiesbaden und Marseille auf und las im Jahr seines Abiturs (1963) bereits vor der Gruppe 47. Mit 22 Jahren veröffentlichte er seine Geschichtensammlung ‘Unerhörte Begebenheiten’. Ende der 60er Jahre verschaffte er sich Gehör als Herausgeber theoretischer Schriften, von Dokumentationen und Anthologien. Auch mit seinen Essays versuchte er, politisches und ästhetisches Engagement miteinander zu versöhnen. Erst 1984 erschien sein lang erwartetes Romandebüt: "Die Hochzeit von Port au Prince". Aus seinen Veröffentlichungen: "In Kafkas Schloß", "Wie Karl May Adolf Hitler traf", "Blut im Schuh", "Tanzende Schatten" und zuletzt "Tod in Habana".

Politisches Feuilleton

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