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Interview / Archiv | Beitrag vom 06.06.2012

Finanzexperte: Entwicklung an den Märkten ist "besorgniserregend"

Max Otte: Es fehlt ein stimmiges Gesamtkonzept

Max Otte im Gespräch mit André Hatting

Max Otte sieht "besorgniserregende Entwicklungen".
Max Otte sieht "besorgniserregende Entwicklungen". (Max Otte)

Der europäische Finanzmarkt befindet sich nach Ansicht von Max Otte, Professor für Allgemeine und Internationale Betriebswirtschaftslehre an der Fachhochschule Worms, derzeit in einer kritischen Phase.

André Hatting: Die europäische Wirtschaftskrise, das war irgendwie immer das Problem der anderen: der Griechen, Iren, Italiener, Spanier und Portugiesen. Deutschland, Insel der Glückseligen, umgeben von Krisenstaaten. Bei uns wächst die Wirtschaft, die Arbeitslosenzahlen sinken, der Finanzmarkt funktioniert.

Am Montag dann aber der Warnschuss: Der deutsche Leitindex DAX fällt unter die Sechstausender-Marke - Erinnerungen an den Sommer letzten Jahres werden wach, damals verlor der DAX in wenigen Wochen 30 Prozent. Und plötzlich ist sie wieder da, die Angst vor der Ansteckung. Am Telefon begrüße ich jetzt Max Otte, er ist Professor für allgemeine und internationale Betriebswirtschaftslehre an der Fachhochschule Worms, und er hatte schon vor sechs Jahren als einer der ersten vor dem großen Crash gewarnt. Guten Morgen, Herr Otte!

Max Otte: Guten Morgen!

Hatting: Herr Otte, wenn es jetzt die deutschen Anleger mit der Angst zu tun bekommen, wie nahe sind wir dann dem großen Knall?

Otte: Die Situation ist schon etwas besorgniserregend, weil jetzt in Europa was passiert – der Finanzmarkt, der dividiert sich langsam auseinander. Also in Spanien werden zum Beispiel 100 Milliarden, wurden in den ersten drei Monaten des Jahres abgezogen von Bankkonten, die Staaten können sich mehr und mehr nur im eigenen Land refinanzieren, es findet weniger grenzüberschreitender Kapitalverkehr statt, da ist schon eine Rückentwicklung, der man Einhalt gebieten muss, also da sind schon besorgniserregende Entwicklungen im Gange.

Hatting: Wie sehr beeinflusst diese reale oder eingebildete Angst die Entwicklung der Krise? Ist sie stimulierend für diese Krise?

Otte: Natürlich, Sie können natürlich einen sich selbst verstärkenden Zyklus bekommen. Das sehen wir jetzt in Südeuropa, wo auch das völlig kontraproduktive Spardiktat, möchte ich mal sagen, des Sparpakts greift. Natürlich hat Griechenland über die Verhältnisse gelebt, Spanien und so weiter. Nur wenn sie jetzt mitten in eine massive Krise hinein noch die Staatsausgaben extrem kürzen, dann würgen sie natürlich die Wirtschaft noch mehr ab und fahren also weiter in den Abgrund. Und das ist eigentlich sehr kontraproduktiv.

Hatting: Bislang waren die Folgen der Krise für Deutschland absehbar, sie haben Deutschland nicht richtig erreicht, weil der Export in die Schwellenländer boomte. Aber langsam lässt auch hier die Nachfrage nach. Sind das die ersten Anzeichen dafür, dass uns die Krise erreicht hat?

Otte: Es wird sicherlich Auswirkungen auf Deutschland haben. Ob die jetzt dramatisch sind, das kann man bezweifeln, aber das Wirtschaftswachstum wird sich weiter eintrüben, vielleicht gibt es auch eine Rezession. Rezession ist ja nun keine Katastrophe, das ist wie ein Schnupfen. Zum Glück steht die deutsche Wirtschaft ja sehr weit und sehr breit da, wir haben eben den massiven Export in die Schwellenländer, in die Welt, nicht nur in die Eurozone, und von daher sind wir eigentlich auf eventuelle Krisenszenarien ganz gut vorbereitet. Aber irgendwas wird auch hier ankommen, selbstverständlich.

Hatting: Die Bundesregierung beginnt jetzt langsam ihren Kurs zu veränder. Es soll zwar immer noch keine Wirtschaftsunion, aber immerhin eine Bankenunion geben. Heißt, mehr Kontrolle der nationalen Kreditinstitute durch Brüssel. Ist das der richtige Schritt?

Otte: Es ist sicherlich ein Schritt, dass man sich überlegt, die Banken besser zu kontrollieren, auch zu refinanzieren, und zum Beispiel wäre es wichtig – und darüber wird auch nachgedacht –, dass der Stabilitätsfonds Geld nicht nur an die Staaten gibt, sondern aktiv bei der Reorganisation einzelner Banken mitwirken kann, also eine europäische Institution, die quasi mit dem chirurgischen Messer einzelne Banken operieren kann. Das ist besser, als wie wir es jetzt machen, undifferenziert Geld an ganze Länder zu geben, da versickert vieles. Und wenn man die Institution mit dieser Macht ausstatten würde, wäre es sicherlich sehr viel präziser. Aber so weit ist die Bundesregierung noch nicht ganz.

Hatting: Das wollte ich gerade sagen: Die Bundesregierung mauert genau in diesem Punkt, und nicht nur der US-Großinvestor, aber vielleicht einer der bekanntesten, nämlich George Soros, der warnt. Er sagt, die EU habe noch drei Monate Zeit, um diese Schuldenkrise zu lösen, und Deutschland muss hier eine Vorreiterrolle übernehmen. Sehen Sie das ähnlich dramatisch, oder halten Sie das für Panikmache?

Otte: Wenn George Soros warnt, dann muss man das ernst nehmen. Er hat ja nicht nur das Pfund damals aus der Währungsunion gezogen oder aus dem Vorläufer, er hat auch im Januar 2007, was die wenigsten sich erinnern werden, vor einer extrem massiven Rezession gewarnt, die dann in Form der Finanzkrise kam, da ist also was dran. Ich denke, es ist trotzdem nicht ganz so dramatisch, wie er es hinstellt, weil im Zweifelsfalle, bevor uns ein Land aus der Währungsunion bricht, die EZB massiv Geld drucken wird. Die EZB kann das jederzeit, es ist zwar nicht hundertprozentig durch das Mandat gedeckt, sie hat es aber vorher schon getan. Also, wenn die anderen Institutionen noch nicht da sind und noch nicht funktionieren, dann wird die EZB das machen.

Hatting: Ist das in diesem Zusammenhang auch sinnvoll, dass die EZB die Zinsen senkt heute?

Otte: Das ist eher eine symbolische Sache. Wir sind ja schon bei ein Prozent unten, und was wollen Sie, wenn Sie jetzt von eins auf null-acht gehen? Dieses Zufluten mit Liquidität, das stützt wieder nur die Banken. Ob diese Liquidität dann in der Realwirtschaft ankommt, sei dahingestellt. Das sind wieder diese Makromaßnahmen, wo man quasi mit der Gießkanne versucht, etwas zu erreichen, und man hätte besser ein Skalpell oder gezielte Maßnahmen, um in einzelnen Bereichen was zu machen.

Hatting: Apropos Gießkanne: Wenn man sich die Lösungsvorschläge anguckt, dann haben wir eigentlich auch so eine Art Gießkanne. Es gibt da den beschlossenen permanenten Rettungsschirm, dann gibt es die Forderung nach einer zentralen Bankenaufsicht, das hatte ich schon angesprochen, Euro-Bonds sind ein Evergreen, und Sie, Herr Otte, haben die Finanzhilfen, die direkten Finanzhilfen angesprochen, wie Spanien sie jetzt will, Deutschland aber nicht. Ist es so, dass man diese verschiedenen Möglichkeiten zusammenbündeln muss, oder gibt es auch so was wie eine Notbremse, die jetzt ganz dringend gezogen werden muss?

Otte: Man muss das nicht bündeln, es ist zum Teil sogar widersprüchlich. Wenn die Europäische Union im Moment einen extrem restriktiven Fiskalpakt fährt, also bei der Finanzpolitik und der Haushaltspolitik spart, gleichzeitig aber bei der Geldpolitik extrem expansiv ist, also aufs Gas drückt, dann sind das widersprüchliche Signale.

Man muss also wirklich jetzt endlich mal anfangen, ein Gesamtkonzept zu machen und die Bundesrepublik müsste runter von der Doktrin, dass man nur Staaten das Geld gibt. Also noch mal, ich finde das, was Spanien fordert, dass man also auf einer Mikroebene, auf der Ebene der einzelnen Banken interveniert und auch Bankinsolvenzen zulässt und ein geordnetes Insolvenzverfahren, das müssen wir auch schaffen, dann wären wir einen Schritt weiter.

Hatting: Als vor einem Jahr schon einmal der DAX abrutschte, jagte eine Euro-Krisenkonferenz die andere, es wurden Rettungsschirme gespannt, Fonds aufgelegt, Sparkuren verordnet. Muss man jetzt, ein Jahr später, sagen, alles umsonst?

Otte: In der Tat. So wie wir das jetzt gemacht haben - ich bin ja auch schon länger ein Kritiker dieser Politik, wir haben weder den Euro gerettet noch Griechenland noch Europa, wir haben damals ausschließlich Zeit erkauft, dass die Banken sich zurückziehen konnten aus Griechenland, wir haben also wieder die Finanzdienstleister und die großen Finanzinstitute gerächt, gerettet.

Es fehlte eben der große Wurf, der auch zum Beispiel das von Frau Merkel geforderte geordnete Insolvenzverfahren beinhalten würde. Sie hat das ja vor anderthalb Jahren mehrfach gefordert, dann aber diese Forderung relativ schnell aufgegeben. Also wir brauchen endlich ein stimmiges Gesamtkonzept. So wie wir jetzt rumeiern, wird es nichts bringen.

Hatting: Max Otte, Professor für allgemeine und internationale Betriebswirtschaftslehre an der Fachhochschule Worms. Vielen Dank für das Gespräch, Herr Otte!

Otte: Guten Tag!


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.