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Vollbild | Beitrag vom 28.02.2015

Filmstart "Beste Freunde"Das zweite Erwachsenwerden

Moderation: Patrick Wellinski

Die Schauspielerin Katherina Wackernagel beim Filmfest München 2014 (dpa / picture alliance / Tobias Hase)
Die Schauspielerin Katherina Wackernagel beim Filmfest München 2014 (dpa / picture alliance / Tobias Hase)

Katharina Wackernagel spielt in "Beste Freunde" eine Bloggerin, die um ihre uralte Vertrautheit mit einem Mann kämpft. Im Interview sprechen sie und Filmpartner Sebastian Schwarz über Realitätsflucht, Sturheit, Sesshaftigkeit und deutsches Independent-Kino.

Patrick Wellinski: Bei mir sind die Hauptdarstellerin, Katharina Wackernagel, hallo, und Sebastian Schwarz, der Hauptdarsteller. Wenn wir Mark und Susi kennenlernen im Film "Beste Freunde", da sind sie ja schon längst Freunde. Wie sind sie aber das geworden, die Freunde?

Wackernagel: Das sieht man auch in dem Film, es gibt Rückblenden, die haben wir in Spanien gedreht, in Madrid und in Barcelona, und da hat man sozusagen die Möglichkeit, einzusteigen in die tiefe uralte Vertrautheit, die die beiden miteinander pflegen, bevor dann eben die schöne, kalte Blonde ins Spiel kommt und alles durcheinander bringt.

Wellinski: Herr Schwarz, war es denn Freundschaft auf den ersten Blick zwischen den beiden?

Schwarz: Ja, das war Freundschaft auf den ersten Blick. Ich glaube, die kennen sich ja auch sehr lange, und sie ist ja sozusagen fast schon die verloren gegangene Schwester, die er nicht hatte, die ja dann auch bei den Eltern ein- und ausgeht und, glaube ich, ein engeres Verhältnis zu den Eltern hat als er selber. Und insofern war das eher eine sehr lange, tiefgreifende und für beide wirklich evident wichtige Freundschaft.

Wellinski: Der Film funktioniert ja auf zwei Ebenen, Sie haben es schon erwähnt. Die eine sind die Rückblenden, das sind also Blog-Einträge meistens, die Kamera ist dort sehr bewegt. Dort sind die beiden ja auch noch sehr innig. Ich hatte das Gefühl, dass Mark vielleicht doch früher verliebt war in Susi.

Schwarz: Ja, absolut, definitiv. Der war sehr, sehr verliebt in Susi. Das wird ja auch an einer Stelle klar, weil ja auch der Vater immer noch hofft, dass er diesen Mormonenartikel entdeckt, wo drin steht, dass man Homosexualität heilen kann. Also, er hofft immer noch, dass die beiden irgendwie zueinander finden. Jedes Mittel ist ihm recht.

Wellinski: Genau. Denn Susi Q. ist lesbisch und zweifelt daran nie im Film, hatte ich das Gefühl.

Wackernagel: Nee. Das steht für sie nie zur Debatte, ein Liebesverhältnis mit Mark anzufangen, auch, wenn sie in ihrem Kampf um die Freundschaft jedes Mittel benutzt, um ihn zurückzugewinnen, unter anderem auch versucht, ihn zu verführen, was natürlich kläglich scheitert.

Wellinski: Die beiden kommen immer wieder zurück, Berlin, das ist so ihr Rastplatz, wo sie dann immer wieder rausgehen in die Welt. Aber dann bleibt der Rastplatz plötzlich mehr, denn Mark verliebt sich in Vivian. Die beiden wollen heiraten, er will sesshaft werden. Und dann beginnt eine andere Bewegung in dem Film, vor allem die von Susi. Was treibt sie eigentlich an? Ist das reiner Egoismus? Weil sie nicht möchte, dass ihr bester Freund sesshaft wird? Oder wie würden Sie das beschreiben?

Wackernagel: Ich glaube, es ist eine Mischung. Es ist Egoismus, natürlich ganz weit vorne. Sie will ihr Leben weiter führen, und dazu braucht sie Mark und will ihn zurück. Zum anderen ist es aber, glaube ich, auch die Angst vor der Realität, die Flucht vor dem Hier und Jetzt, vor dem Älterwerden und Sich-anpassen-Müssen, die Fragen, die sich einem Mitte 30 stellen: War's das jetzt? Wo bist du jetzt, wo stehst du jetzt, wie bist du jetzt? Dann muss man sagen, ist natürlich immer diese Job-Geschichte – klar, man kann das irgendwie machen, von der Hand in den Mund, irgendwie rumfliegen, bloggen, ein bisschen Geld zusammenkriegen. Aber, ja, einmal wird das mit so einem Augenzwinkern gesagt, sie bewerben sich für einen Job, der sagt, ihr könnt ruhig irgendwie so freestyle euer Ding machen, ach scheiß auf die Rente, so Crowdfunding ist doch super. Aber letztendlich führt ja kein Weg da vorbei. Die Rechnungen kommen nach Hause, man muss das irgendwie trotzdem alles finanzieren. Rente, davon will natürlich Susi Q. nichts wissen. Aber sie weiß, ganz irgendwo hinten im Hinterkopf, das existiert. Und eigentlich kann es nicht so weitergehen. Aber sie will sich der Realität noch nicht stellen.

Wellinski: Warum fällt es Mark eigentlich so leicht, alles plötzlich abzubrechen und so sesshaft zu werden?

Schwarz: Nö, der hat sich verliebt. Es ist von einigen Kollegen und Freunden, die in dem Film waren, sehr schön beschrieben worden, das teilt sich ja so. Es gibt so einige Leute, die wirklich eher an Susi dran sind und sagen, ja, was soll das, ihr Spießer, kann doch nicht sein, ja, das ist blöd, entscheide dich um. Und andere sagen, nee, genau, es geht ja irgendwie weiter, was auch Katharina gerade sagt, das Leben geht ja weiter und man entwickelt sich weiter, und plötzlich steht man vor Entscheidungen, die man treffen muss. Und ich glaube, der größte Motor ist da die Liebe zu dieser, zu seiner späteren dann Frau, ja.

Wellinski: Der Film fasst das ja so ein bisschen mit Blick auf die Generation, beide Mittdreißiger, überhaupt, die Freunde auch im gleichen Alter. Alle kennen sich auch aus der Jugend, und ich hatte das Gefühl, dass der Film versucht, zu umkreisen, dass es zumindest Susi schwer fällt, erwachsen zu werden. Aber ist es das? Kann sie nicht erwachsen werden, ohne dann sesshaft werden? Das war so der Gegensatz, der mich sehr interessiert hat.

Wackernagel: Also das Erwachsenwerden ist natürlich ein bisschen im übertragenen Sinne gemeint. Es ist halt sozusagen diese zweite Phase im Leben, wo man über sich reflektiert und hinterfragt, wo man jetzt angekommen ist. Weil man ist mit 35 irgendwo schon angekommen, aber ob das jetzt sozusagen die Endstation ist, also man sich jetzt entscheidet für den Lebensweg oder ob man eben sich alles noch offen halten will. Ich glaube, wir nennen es das zweite Erwachsenwerden, weil es ein ähnliches Gefühl ist wie nach der Schule: Man geht da raus, man hat so lange darauf hin gewartet, dass es so weit ist, dass man das alles machen kann, dass es einen erschlägt und man erst mal gar nicht weiß, was man machen soll. Oder vielleicht alles auf einmal ausprobiert und nirgendwo richtig landet.

Sebastian Schwarz in Shakespeares Komödie "Viel Lärm um Nichts" 2013 in der Schaubühne am Lehniner Platz in Berlin, Regie Marius von Mayenburg. (dpa / picture alliance / Claudia Esch-Kenkel)Sebastian Schwarz in Shakespeares Komödie "Viel Lärm um Nichts" 2013 in der Schaubühne am Lehniner Platz in Berlin, Regie Marius von Mayenburg. (dpa / picture alliance / Claudia Esch-Kenkel)

Schwarz: Es geht ja um so viel dort. Und ich sag ja immer, irgendwie ist zwischen 15 und 35, ist ja jedes Jahr entscheidend, weil ja jedes Jahr wirklich anders ist. Also, wenn ich heute als 30-Jähriger mit einer 23-Jährigen rede, dann denke ich immer, oh Gott, was war da bei mir, also – da entscheidet sich ja jedes Jahr so viel. Kinder, nicht Kinder, Karriere geht weiter – irgendwie kommt man dann natürlich an den Punkt, wo man sagt, man blickt jetzt zurück, und es ist jedes Jahr irgendwas passiert, was dem Leben eine neue Richtung gegeben hat. Und das beschreibt der Film, glaube ich, ganz gut, und Susi, ich hab gerade zur Katharina gesagt, wo wir uns unten getroffen haben, ja, gestern, es gibt diese Szene ja auch in dem Film, wo sie dann mit diesem Makler dort steht und Rückenschmerzen hat, und der sagt, aber eine Veränderung ist doch gut. Nein, es bleibt alles so, wie es ist, es muss alles so bleiben. Und daran hält sie so krampfhaft fest. Es bleibt nicht alles so, wie es – wie es halt ist.

Wackernagel: Und ihre Bockigkeit, das ist natürlich auf eine gewisse Art auch kindisch. Also, diese Sturheit, letztendlich – es geht ihr ja gar nicht um die Wohnung. Es geht ihr um die Wohnung erst, wo jemand ihr die Wohnung wegnehmen will. Und ich glaube, das hat natürlich auch ein bisschen was mit der Freundschaft zu tun. Mark war immer verliebt in sie, er war immer da, er war natürlich ihr bester Freund, und es war irgendwie eine super Beziehung, aber wenn sie sich ein bisschen ihm öffnen würde, dann könnte man ja auch sagen, na ja, aber wir können ja auch weiter Freunde bleiben. Vivian ist halt deine Partnerin. Ich will ja sowieso nichts von dir, außer, dass wir weiter Freunde sind. Aber auch das will sie nicht, weil in dem Moment, wo Vivian da ist, hat sie das Gefühl, jemand nimmt ihr den Freund weg, und dagegen muss gekämpft werden. Deswegen ist es natürlich dieses Dagegensein, womit sich Susi selber im Weg steht. Und das wiederum führt zu dieser Idee, wo man sagt, man redet übers Erwachsenenwerden, weil das kennt man auch von sich früher im Erwachsenwerden.

Wellinski: Also  im Kern wirklich ein Film über dieses Prinzip Freundschaft. Was sind denn Ihre Definitionen von Freundschaft?

Schwarz: Vertrauen.

Wackernagel: Vertrauen, wollte ich auch gerade sagen. Also einfach diese Gelassenheit miteinander, dass man – also, da muss schon richtig viel passieren, dass der andere sich umdreht und sagt, okay, das war's jetzt. Man kann sich einfach auf den anderen verlassen.

Wellinski: Frau Wackernagel, Sie haben den Film auch produziert, der Regisseur ist Ihr Bruder. Warum produzieren Sie einen Film wie "Beste Freunde"?

Wackernagel: Ich würde jetzt mal sagen, Jonas und ich sind, was Filmemachen angeht, mit Susi Q.s Eigenschaften gesegnet. Wir sind extrem sturköpfig, extrem ungeduldig, und wenn man jetzt in Deutschland die normalen Filmförderungswege geht, dann muss man einfach mit ein bisschen mehr Geduld und vielleicht auch ein bisschen mehr Anpassungsvermögen gesegnet sein, als wir es sind. Also, Jonas hat das Buch geschrieben zusammen mit dem Carlos Val, und es war einfach für uns klar, wir wollen das machen, wir wollen es genauso machen, wie es da steht, mit unseren Mitteln, und haben uns dann einfach entschieden, selber zu produzieren. Und ich bin jetzt keine ausführende Produzentin, ich kann das nicht leisten. Und trotzdem kann ich natürlich so ein Projekt finanziell unterstützen und einfach das Ganze auf den Weg bringen, mit Kontakten, mit Kraft und Energie einfach dafür kämpfen, dass man so ein eigenes Ding machen kann. Und damit gehen wir jetzt auch auf Kino-Tour, ziehen durchs Land, zeigen den Film. Ich glaube daran, dass man auch kleine Kinofilme rausbringen kann und Leute dazu bringen kann, ins Kino zu gehen.

Wellinski: Herr Schwarz, Sie sind eigentlich mit zwei Beinen fest im Theater auch verankert, und ich hatte so das Gefühl, wenn ich Ihre Filmografie mir ansehe, dass Sie sehr genau sich aussuchen, wo Sie dann hingehen vor die Kamera. Ist es denn auch vielleicht deshalb, weil sie sich so ein Projekt aussuchen, weil sie die Leute sehr gut kennen und weil Sie dann davon überzeugt sind, dass da so ein gewisse Spirit auch den Stoff nach vorne trägt?

Schwarz: Ich bin an der Schaubühne, und das nimmt natürlich viel Zeit eh in Anspruch. Also, da ist Drehen sowieso als Hauptfeld gar nicht so möglich wie bei Katharina –

Wackernagel: Ansonsten würde er natürlich alles machen, ne.

Schwarz: Nein! Aber man muss es sagen. Um die Frage zurückzukommen, ich hab zum Beispiel für hier, für den Film, ein SAT.1-Projekt abgesagt, ein Bezahl-Projekt, weil mir die Arbeit mit Jonas extrem wichtig ist. Und man muss sagen, dadurch, dass wir uns so gut kennen und Jonas das uns auf den Leib schreibt, ist die Arbeitsbeziehung so eine besondere – die habe ich mit zwei Leuten, das ist Marius von Mayenburg am Theater, und das ist Jonas Grosch beim Film. Weil der fordert und fördert anders. Also, der kennt uns, ist dadurch sehr kritisch, weil er natürlich weiß, kenn ich von dir, machs mal anders, und auch in der Rolle wieder – ich werde ja oft bei Film und Fernsehen auch so komödiantisch besetzt, und hier einfach so eine Möglichkeit zu haben, auch in die Tiefenschärfe zu gehen von einer Figur, da ist Jonas halt wahnsinnig genau, und da kann ich mich immer nur wieder bedanken, weil das ist so eine tolle Erfahrung als Schauspieler, mit diesem Regisseur zu arbeiten, dass ich dafür alles andere abgesagt hätte – auch Spielberg.

Wellinski: Was auch so durch kam, ist, dass dieser Film sicherlich mit den normalen Förderwegen vielleicht anders entstanden wäre oder vielleicht gar nicht entstanden wäre. Macht man denn dieses Kino auch, was sehr wichtig erscheint, und was auch gerade im Kommen ist, wie ich meine, weil man auch ein anderes deutsches Kino haben möchte, also ein Kino jenseits von Förderrichtlinien und Fördergremien?

Wackernagel: Na ja, ich will das jetzt nicht verallgemeinern. Ich finde schon, dass das deutsche Kino absolut was zu bieten hat. Ich finde nur, dass wir – wir haben einerseits kommerziell funktionierende Komödien, und wir haben andererseits diese – wir haben die Berliner Schule, wir haben die eher Sozialdramen, kritische Filme. Ich finde, es gibt so was, es gibt so eine Lücke dazwischen, also das, was die Amerikaner mit ihren Independent-Produktionen haben, das gibt es kaum in Deutschland. Oder aus Skandinavien, so Tragikomödien, das ist ja hier in Deutschland auch schon ein ganz belegter Begriff, und keiner traut sich da ran. Und ich hab nun mal das Gefühl, dieses Prinzip in Deutschland, dass man, wenn man Förderung beantragt, eigentlich einen Fernsehsender im Boot haben muss, das schließt so ein bisschen ungewöhnlichere Projekte fürs Kino, die halt spezielle Kinoprojekte sind, auch wiederum aus, weil wenn die Redakteure, die eigentlich fürs Fernsehen verantwortlich sind – die setzen natürlich auch die Fernsehmaßstäbe an. Ich glaube aber, dass Kino andere Maßstäbe haben muss und kann. Ich will das alles nicht verallgemeinern, weil es gibt immer wieder ganz schöne, besondere Fundstücke sozusagen, aber, ja, der Indie-Film in Deutschland ist noch relativ klein. Und da finde ich es gut, wenn wir ab und zu was liefern.

Wellinski: Herr Schwarz, haben Sie auch eine Sehnsucht nach einem deutschen Independent-Kino?

Schwarz: Ich finde wirklich das deutsche Kino toll, und die Vielfalt, die es ja hat, könnte ja noch erweitert werden, indem man diesem Independent mehr Raum gibt. Es ist ja nicht nur Jonas Aron Lehmann, das ist ein anderer Regisseur, der das probiert und da tolle Sachen macht. Denen sollte man auch mehr Platz geben. Und ich hoffe und wünsche mir, dass die Förderung sich da auch auf macht und nicht nur die Projekte finanziert, die sowieso von vornherein die abgesehenen vier Millionen erreichen werden, sondern dass man auch kleine Sparten weiter nutzt und fördert und denen den Raum gibt.

Wellinski: Sebastian Schwarz und Katharina Wackernagel. Vielen Dank für den Besuch!

Wackernagel: Danke!

Schwarz: Danke schön!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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