Seit 15:05 Uhr Quasseltag
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 15:05 Uhr Quasseltag
 
 

Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 13.01.2006

Filmfreaks auf Spurensuche

Didier Daeninckx Krimi-Novelle "Statisten"

Rezensiert von Pieke Biermann

Ein zufälliger Fund geheimisvoller Filmrollen lässt zwei Filmfreaks zu Detektiven mutieren. (AP)
Ein zufälliger Fund geheimisvoller Filmrollen lässt zwei Filmfreaks zu Detektiven mutieren. (AP)

Didier Daeninckx, Jahrgang 1949, gilt in Frankreich als "Balzac der Kriminalliteratur". Eine Kostprobe seiner Erzählkunst kann man im jetzt erschienenen Band "Statisten" nachlesen, bei dem ein Fund geheimnisvoller Filmrollen eine detektivische Spurensuche bei ein paar Filmfreaks auslöst.

Seit 15 Jahren ist Valère Notermans mit Elvire verheiratet, und beinah eben so lange ist ihre Ehe "ein weitschweifiges Vakuum". Elvires Angewohnheit, jede banale Handlung mit einem absolut kongruenten Kommentar zu versehen, ödet ihn an. Reibt sie sich Creme irgendwohin, sagt sie: "Ich glaube, ich nehme etwas Creme." Gießt sie sich Milch ein, kommt pünktlich: "Ich hab Lust auf ein Glas Milch... Wird mir gut tun." Valère tröstet sich, bevor er Stammgast in der Bar des Amis wird, mit einer Interpretation: Das "Bild", das Elvire wirft, ist so dürftig, dass es durch den "Ton" verstärkt werden muss.

Auf knappen drei Seiten hat Didier Daeninckx damit die Lebenswirklichkeit seines Protagonisten ausgeleuchtet und gleichzeitig sein Fluchtfeld aufgemacht - "avant le mot". Die Metaphorik von Notermans’ Urteil über sein Ehe-Elend ist nämlich einerseits ein giftiger Seitenhieb seines Autors Daenincks auf schlechte Filme. Genauer gesagt, auf die unerträgliche Un-Poetik von Fernsehkrimiserien, die auch alles zerplappern müssen, weil weder Bild noch Plot irgendeine eigene Relevanz besitzen.

Und andererseits wird aus Notermans’ Flucht in die lebhafte, durch allerlei Kleine-Leute-Schicksale komplizierte, liebenswerte Kiezkneipenwelt durch Zufall ein Weg ins Kino. Jerome Sisovath taucht auf und will ein altes Kiez-Kino wiederbeleben. Das geht schief, Jerome tritt selbst die Flucht an - vor dem Finanzamt.

Die Zeit der kleinen Vorstadtkinos ist passé, dank Fernsehen und Pornos. Aber etwas blüht auf: Festivals für Film-Freaks. Bei denen macht Jerome sich nützlich, und Valère zieht hinterher.

Eines Tages stoßen sie in Lille auf einen anderen Freak, einen Trödler, dem ein seltsamer Schatz in die Hände gefallen ist: ein paar Spulen mit Nitrozellulosefilm. Material, das nicht vor 1935 und nicht mehr nach 1950 benutzt wurde. Ein Stück Film, das so bildmächtig ist, dass es keinen Ton braucht. Es zeigt einen realen Massenmord. Die Opfer, also die "Statisten" dieses Films, sind hübsche junge Frauen. Die ganze Machart legt nahe, das hier ein Großer der Filmgeschichte dran gewesen sein muss. Jemand wie Fritz Lang.

Jetzt wird Notermans Detektiv im Sinne der Daeninckx’schen Poetik. Er rekonstruiert die Geschichte hinter diesem Fundstück, die noch immer auch Gegenwart ist. "Defekte aufzeigen, Manipulationsmechanismen für einen Moment leer laufen lassen, Spuren nachgehen und als Chronist anwesend sein - eine andere Möglichkeit haben wir als Schriftsteller nicht", hat Daeninckx in einem Interview mit Marko Martin gesagt. Notermans/Daeninckx werden die Geschichte des Filmfetzens aufklären, die zurückführt in die Nazi-Okkupation und -kollaboration.

"Statisten" ist ein ungemein starker, spannender kleiner Roman, eine Novelle, genau genommen, die eine "unerhörte Begebenheit" seziert, um beim Alltag anzukommen. Vollkommen "fettfreie", knappe, präzise Prosa, in Frankreich 1995 und jetzt endlich auch auf Deutsch erschienen. Beigebunden ist eine wunderbare Ganz-Kurzgeschichte von 1988 über einen Junkie, der mit seiner Geldbeschaffungsmasche mitten im Pariser Mai 1968 aus Versehen in die falsche Demo gerät.

Didier Daeninckx, Jahrgang 1949, gilt in Frankreich als "Balzac der Kriminalliteratur". Bei uns ist er auch nach einem halben Dutzend verstreut publizierter Romane noch immer komplett zu entdecken. Ein durch und durch politischer Schriftsteller, dessen Werke in seiner Heimat auch politische Schlagkraft entwickelt haben. Sie sollten das auch hier, denn sie erzählen auch unsere Geschichte(n).


Didier Daeninckx: Statisten
Roman; zusammen mit der Kurzgeschichte "Der Mann mit der Sammelbüchse" und einem Glossar
Aus dem Französischen von Matthias Drebber
Assoziation A Noir, Berlin und Hamburg 2005,
120 S., 9,90 €

Buchkritik

Mathias Énard: "Kompass"Sehnsucht nach dem Orient
Der französische Autor Mathias Énard bei einer Pressekonferenz. (afp / Thomas Samson)

Der Roman "Boussole" ist ein Bestseller in Frankreich. Sein Autor Mathias Énard erzählt von der Leidenschaft der Europäer für das Morgenland − und eine unerfüllte Liebesgeschichte. Auch die deutsche Übersetzung "Kompass" ist mitreißend.Mehr

weitere Beiträge

Literatur

Lyrik lesen im LyriksommerGedichte im Gespräch
John Burnside , aufgenommen am 08.10.2014 auf der 66. Frankfurter Buchmesse in Frankfurt am Main (Hessen). (picture-alliance / dpa / Arno Burgi)

Aktuelle Verse von John Burnside, Elke Erb und Dana Ranga: In der zweiten Ausgabe von "Lyrik lesen" diskutieren Jan Bürger, Gregor Dotzauer und Insa Wilke über die Gedichtbände – und haben jeweils auch einen eigenen Lyrik-Tipp im Gepäck.Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandradio Kultur