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Fazit / Archiv | Beitrag vom 18.01.2016

Film "Bunker" von Nikias Chryssos Mit Biederbürgern in der Vorhölle

Von Stefan Keim

Filmszene aus Nikias Chryssos' Film "der Bunker": Zu sehen ist der 30-jährige Schauspieler Daniel Fripan, der einen achtjährigen Jungen beim Unterricht verkörpert. (Foto: Kataskop Filmproduktion & Geißendörfer Film- und Fernsehproduktion KG (c)2015 )
Filmszene aus Nikias Chryssos' Film "Der Bunker": Zu sehen ist der 30-jährige Schauspieler Daniel Fripan, der einen achtjährigen Jungen beim Unterricht verkörpert. (Foto: Kataskop Filmproduktion & Geißendörfer Film- und Fernsehproduktion KG (c)2015 )

Keine Fördermittel, kein Fernsehgeld, und die Schauspieler drehten bisher Krimis. Egal. Das Kinodebüt "Der Bunker" von Nikias Chryssos lässt unseren Kritiker hymnisch werden. Er spielt in einer abgeschlossenen, surrealen Welt, in der ein Achtjähriger auf das Präsidentenamt vorbereitet wird.

Ein junger Mann stapft durch den Schnee. Im weißen Nirgendwo findet er eine Tür. Dahinter verbirgt sich sein Ziel, der "Bunker". Herzlich heißt ihn ein etwas altertümlich angezogener Mann willkommen und führt ihn in einen fensterlosen Raum, sein Zimmer.

Filmausschnitt: "Aber es kommt kein Licht hinein. – Dafür aber auch keins hinaus. Sie haben doch nach Ruhe gesucht. – Das stimmt. – Hier haben Sie sie."

Der junge Mann ist einfach nur "der Student". Wie er heißt, bleibt den ganzen Film lang ein Geheimnis. Auch sonst gibt es kaum Informationen über ihn. Er ist ein Phantom und gleichzeitig der Stellvertreter des Publikums, ein einigermaßen vernünftiges Wesen in einer seltsamen, surrealen Sphäre. Die Freundlichkeit des Vaters – auch er trägt keinen Namen – wirkt von Anfang an aufdringlich, unangenehm, auf der Schwelle zum Wahnsinn.

Filmausschnitt: "Wenn Sie mal Hilfe benötigen, ich hab' auch Diplome. – Sehr freundlich. – Dann freu' ich mich schon auf unseren geistigen Austausch, von einem Intellektuellen zum anderen."

Ein achtjähriges Kind im Bunker soll unterrichtet werden

Nur einer hat einen Namen in diesem Film. Klaus, der achtjährige Sohn der Kleinfamilie im Bunker. Der während des Drehs 30-jährige Schauspieler Daniel Fripan verkörpert ihn, mit blondem, glatten Prinz-Eisenherz-Haarschnitt und großen, traurigen Augen. Seine Mutter bittet den Studenten, Klaus zu unterrichten.

Filmausschnitt: "Ich weiß nicht, was ich machen soll. Ohne Bildung wird Klaus zugrunde gehen. Helfen Sie mir doch! Ein paar Stunden!"

Oona von Maydell wispert und flüstert fast die ganze Zeit. Die Mutter ist eine verführerische, sehr seltsame Frau, die mit einem unsichtbaren Wesen namens Heinrich spricht und die Macht im Hause hat. Mit Ausnahme von Anfang und Ende spielt der komplette Film im Bunker. Er ist eine abgeschlossene Welt für sich, jedes Zimmer ein anderer Vorhof der Hölle.

Chryssos: "Eine wichtige Farbe für uns war da zum Beispiel Rot, weil dieser Bunker für uns auch so eine Art Höllenloch ist, eine Mischung aus Höllenloch und Mutterleib, in der dieser Student versinkt."

Ein stilistisch völlig ungewöhnlicher Film

Der Regisseur Nikias Chryssos hat bisher Kurzfilme gedreht und dafür einige Preise bekommen. "Der Bunker" ist sein Langfilmdebüt, er hat auch das Drehbuch geschrieben und zusammen mit der Kinolegende Hans W. Geißendörfer und seiner Tochter Hana produziert. Es ist ein stilistisch völlig ungewöhnlicher Film geworden, ein Unikat im deutschen Gegenwartskino. David Lynch, Luis Bunuel, Franz Kafka kommen einem als künstlerische Bezugspunkte in den Sinn.

Chryssos: "Es ist sehr schwierig, den in ein Genre einzuordnen. Ich wollte das auch bewusst nicht machen. Der Film ist komplett ohne Fördermittel, ohne Fernsehgelder entstanden. Es gab also von Anfang an keinen Verleih, der bei der Finanzierung dabei war. Es war also alles offen. Umso schöner, dass der Film jetzt im Kino zu sehen ist."

Ein schräger, eigenwilliger Film, eine Herzensangelegenheit für alle Beteiligten. Die Schauspieler waren bisher in Fernsehkrimis zu sehen. Hier können sie zeigen, was in ihnen steckt. David Scheller ist ein latent explosiver Kleinbürger mit kindlichen und gewalttätigen Neigungen. Pit Bukowski wirkt als Student oft wie gelähmt, angewidert und fasziniert zugleich von dieser wunderlichen Familie.

Filmausschnitt: "Klaus hat mir erzählt, Sie haben große Pläne mit ihm. – Ja, Präsident. – Finden Sie nicht, dass es ein bisschen hoch gegriffen ist? – Wie meinen Sie das? – Naja, Präsident wollen viele werden."

"Etwas perverse Welt"

Um Präsident zu werden, meinen die Eltern, müsse Klaus alle Hauptstädte der Welt auswendig können. Der Junge scheitert an dieser Aufgabe, bis ihm der Student mit einem Stock die Hände blutig schlägt.

Filmausschnitt: "Klaus, Hauptstadt von Frankreich? – New York. – (Schlag) Ohhh... - Paris? – Richtig."

Chryssos: "Es klingt irgendwie zynisch, aber es ist auch eine Form der Kommunikation, auch wenn das schädigend ist für das Kind. Und dass im Bunker, in dieser verzerrten Welt, die Prügel, die der Student dem Jungen gibt, tatsächlich dazu führen, dass er lernt, ist natürlich nicht so zu sehen, dass ich die Prügelstraße befürworten würde. Sondern es ist einfach Teil dieser etwas perversen Welt, in der die Menschen sich da bewegen."

Filmausschnitt: "Wir können auch mal was anderes machen. Vielleicht was spielen. – Spielen? Was is'n das? – Du weißt nicht, was Spielen ist? Du hast noch nie gespielt?"

Bis zum Schluss bleibt der Film rätselhaft, offen für Deutungen und die Fantasien der Zuschauer. Eine philosophische Groteske und ein subtiler Schauerschocker. Nikias Chryssos zeigt, dass gerade jenseits der Filmförderungen unangepasstes, extremes Kino möglich ist.

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