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Lesart / Archiv | Beitrag vom 17.11.2013

"Fesseln, begeistern oder eben auch abstoßen"

Egon Bahr: "Das musst du erzählen", Hans-Joachim Noack: "Willy Brandt"

Rezensiert von Stefan Berkholz

Willy Brandt (l) und Egon Bahr 1972 im Gespräch. (picture-alliance / Sven Simon)
Willy Brandt (l) und Egon Bahr 1972 im Gespräch. (picture-alliance / Sven Simon)

Egon Bahr und Hans-Joachim Noack haben Willy Brandt viele Jahre begleitet: Bahr als sein Berater im Berliner Rathaus Schöneberg - und Noack als Zeitungsjournalist. Beide erinnern sich in ihren Büchern.

Egon Bahr: "Brandt war ein sehr empfindsamer Mensch. Und er war ein sehr verschlossener Mensch. Das ist das Ergebnis seines Lebenslaufs, der nun wirklich schwierig gewesen ist. Und man konnte ihm nur näher kommen, wenn man ihm nicht zu nahe kommen wollte."

So Egon Bahr, der treue Weggefährte und politische Berater Willy Brandts. Der Journalist Hans-Joachim Noack, der mit Brandt viele Interviews geführt hat und ihn jahrzehntelang aus nächster Nähe bis zu seinem Tod 1992 beobachtete, bestätigt Bahrs Einschätzung:

"Brandt konnte Massen fesseln, begeistern oder eben auch abstoßen. Und er konnte im kleinen Kreis auf eine Weise von Lampenfieber befallen werden, wie man das ein über das andere Mal erlebt und bestaunt hat. (...) Eines der Rätsel, die nie wirklich aufgeklärt worden sind, hat schon was mit dieser Brandtschen Psyche zu tun."

Cover: "Joachim Noack: Willy Brandt" (Rowohlt Verlag)Cover: "Joachim Noack: Willy Brandt" (Rowohlt Verlag)Eine Prägung wohl aus seiner Kindheit, in der er ohne leiblichen Vater aufwuchs und unter "extremer Einsamkeit" gelitten habe, wie seine letzte Ehefrau, Brigitte Seebacher, schrieb.

Solche psychologischen Annäherungen kommen in Noacks Buch allerdings eher selten vor. Der Journalist hat in erster Linie eine nüchterne politische Zeitchronik verfasst, eine dichte, differenzierte Analyse, mit Willy Brandt im Mittelpunkt. Der Mensch kommt darin zu kurz.

Noack zeichnet Brandts radikale politische Anfänge in der Weimarer Republik nach, seine Wandlung vom fundamentalistischen Linkssozialisten zum gemäßigten Sozialdemokraten, die gefährdeten Stationen im Exil, seine Entwicklung nach 1945 vom Frontstadtkommandanten im Kalten Krieg zum Versöhnungspolitiker in Zeiten der Entspannung, schließlich zwei Jahrzehnte als elder statesman und Friedensbotschafter.

Noack: "Ihn völlig neu zu erfinden, diesen Anspruch auch nur zu erheben, wäre ja albern gewesen, auf jeden Fall nicht intelligent. Sondern ich wollte ihn neu deuten, wieder entdecken, und zwar in dieser seiner Zeit. (...) Also ein Konglomerat aus Zeitreise und Personenporträt."

Auch Egon Bahrs Buch enthält kein dichtes Porträt, wie man dem Titel "Erinnerungen an Willy Brandt" entnehmen könnte. Bahr durchläuft Stationen seiner eigenen Laufbahn, macht sich Gedanken über Macht und Eitelkeit im politischen Geschäft, über Sympathie und Antipathie, über Intrigen, Erfolge, Diplomatie.

Kniefall in Warschau aus der Intuition des Augenblicks

Einige Ereignisse hebt er besonders hervor, zum Beispiel Brandts spontanen Kniefall in Warschau im Dezember 1970.

Bahr: "Es kam aus der Intuition des Augenblicks heraus. Ich hab' ihm am Abend gesagt, das war aber doll. Und er sagte, ich hatte plötzlich das Empfinden, Kranz niederlegen reicht nicht.

Und ich habe gar keinen Zweifel, dass das (...) ein wichtiger Grund gewesen ist dafür, dass er den Friedensnobelpreis bekommen hat. (...) Ein Mensch, der ohne persönliche Schuld um Vergebung bittet für die Schuld seines Volkes, der ist reif für den Friedensnobelpreis."


Bahr referiert die Entwicklung und Umsetzung der Ostpolitik; er schildert Verhandlungen in Moskau oder Warschau, Begegnungen in Washington, kurz: die Regierungsarbeit eines Diplomaten zwischen der deutschen Regierung und dem Ausland.

Von 1969 bis 1974 war er Staatssekretär im Bundeskanzleramt und damit Brandts Mittels- und Vertrauensmann. Er fügt allerlei weitere Charakterisierungen hinzu, Anekdoten und Beurteilungen auch zu Hans-Dietrich Genscher, Erich Honecker oder Henry Kissinger. Und natürlich verstreute Bemerkungen und Studien zum Freund Brandt.

Wer allerdings die Memoiren von 1996, "Zu meiner Zeit", bereits im Bücherschrank stehen hat, kann sich die "Erinnerungen an Willy Brandt" sparen. Das sagt nichts gegen ihre Qualität. Nur sollte man dem Propyläen-Verlag und seinem Autor nicht durchgehen lassen, eine gekürzte und überarbeitete Neuauflage als ein originales Buch auszugeben.

Cover: "Egon Bahr: Das musst du erzählen" (Propyläen Verlag)Cover: "Egon Bahr: Das musst du erzählen" (Propyläen Verlag)Während Bahrs Buch in klarer, persönlicher Sprache verfasst ist, legt der Journalist Hans-Joachim Noack hingegen besonderen Wert auf seinen betont nüchternen und ausgewogenen Berichtsstil.

Noack: "Ich wollte Brandt den Nachgeborenen als eine Figur präsentieren, der man überhaupt nicht gerecht wird, wenn man sie entweder holzschnittartig verklärt oder - wie es ja zu seinen Lebzeiten häufig vorgekommen ist - auch auf unangemessene Weise verteufelt.

Möglichst nüchterner Blick auf den Gegenstand der Beschreibung, das war das, was ich mir selber zur Aufgabe zu machen versucht habe."


Seiner Betrachtung fehlt das Persönliche. Der Leser bemerkt - bis auf die Einleitung - kaum etwas davon, dass der Journalist dem Politiker häufig begegnet ist, ihn einst interviewt und auch mit Zeitgenossen gesprochen hat. Das Buch wirkt eher wie eine sehr schlüssige Zusammenfassung vorliegender Literatur.

An Peter Merseburgers umfangreiche Biografie von 2002 beispielsweise reicht diese komprimierte Studie von Hans-Joachim Noack nicht heran. Wer sich einen ersten Überblick zum politischen Wirken Brandts verschaffen will, ist bei Noack gut aufgehoben.

Wer hingegen Neuigkeiten erfahren möchte, muss warten, zum Beispiel auch auf den für Dezember angekündigten Briefwechsel Willy Brandt - Helmut Schmidt.


Hans-Joachim Noack: Willy Brandt. Ein Leben, ein Jahrhundert
Rowohlt Berlin 2013
352 Seiten, 19,95 Euro

Egon Bahr: Das musst du erzählen
Erinnerungen an Willy Brandt

Propyläen Verlag Berlin 2013,
240 Seiten, 19,99 Euro

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