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Thema / Archiv | Beitrag vom 23.08.2011

"Fernsehen ist sehr schlecht in der Analyse"

TV-Journalist bezweifelt Aussagekraft vieler Filme und Bilder aus Libyen

Akhsam Suliman im Gespräch mit Britta Bürger

In Tripolis zerstören Rebellen ein Bild von Machthaber Gaddafi. (AP)
In Tripolis zerstören Rebellen ein Bild von Machthaber Gaddafi. (AP)

Um die aktuelle Entwicklung in Libyen zu verstehen, solle man Zeitung lesen oder Radio hören, sagt der Berliner Büroleiter des arabischen TV-Senders Al Jazeera, Akhsam Suliman. Das Fernsehen sei für ihn nur ein Ergänzungsmedium, das Atmosphären vermittele und nicht so sehr in die Tiefe gehe.

Britta Bürger: Die Rebellen in Libyen feiern das Ende des Diktators Muammar al-Gaddafi, von dem jedoch noch immer jede Spur fehlt. Die Kämpfe rund um seine Residenz sind in der Nacht weitergegangen, Tripolis soll mittlerweile weitgehend unter Kontrolle der Aufständischen sein. Die hatten allerdings auch schon verkündet, dass sie einen der Gaddafi-Söhne festgenommen hatten, doch Saif al-Islam ist nach BBC-Berichten frei. Er sei im Hotel Rixos in Tripolis sogar mit Journalisten zusammengetroffen.

Wie lässt sich dieses unübersichtliche Szenario im Fernsehen abbilden? Wie viel Inszenierung steckt in den aktuellen Nachrichtensendungen und wo gerät die journalistische Wahrheit in Gefahr? Das wollen wir von Akhsam Suliman erfahren, dem Berliner Büroleiter des arabischen Fernsehsenders Al Jazeera. Guten Morgen, Herr Suliman!

Akhsam Suliman: Guten Morgen!

Bürger: Nicht nur die Rebellen in Tripolis, auch viele internationale Politiker feiern den Sturz des Diktators Gaddafi – besteht hier noch die Gefahr, dass man sich zu früh freut?

Suliman: Das glaube ich nicht, weil das Regime von Herrn Gaddafi ist wirklich jetzt endgültig zu Ende. Das war auch übrigens ganz am Anfang schon klar. Wenn man die inneren Gleichungen einer Gesellschaft und die Außenbeziehungen eines Regimes so dermaßen kaputtfährt, wie Gaddafi das gemacht hat, dann ist es nur eine Frage der Zeit, wann dieser Herrscher abdankt.

Also insofern, wer wirklich unbedingt das Ende vom Regime von Muammar al-Gaddafi, von dem so selbst ernannten Revolutionsführer feiern will, der tut das zu Recht. Wer Libyen der Zukunft, das demokratische Libyen feiern will, dann ist es natürlich sehr zu früh, denn wir wissen gar nicht, was auf uns zukommt in diesem Land. Wir haben einen Übergangsrat, mehr nicht, was nicht demokratisch gewählt wurde. Wir haben Stämme, wir haben eine Situation, die nicht durchschaubar ist. Wie das Ganze jetzt weitergeht, das wird die große Frage bleiben.

Bürger: Es heißt in den Meldungen, die uns erreichen, dass die Rebellen weitgehend die Macht übernommen haben, aber wie das genau aussieht, das kann man sich eben kaum vorstellen. Im Fernsehen sieht man zum Beispiel, dass sie einen Gaddafi-Anhänger gefasst haben. Dieser Mann liegt auf einem Pick-up-Fahrzeug, das ihn abtransportiert, doch man fragt sich wohin. Was passiert derzeit mit all den gefangen genommenen Anhängern des alten Regimes? Das sind ja nicht gerade wenige. Man sieht immer wieder Archivbilder zum Beispiel auch der weiblichen Leibgarde von Gaddafi, aber was ist mit all diesen Frauen?

Suliman: Das ist immer natürlich eine schwierige Frage in einem Land, wo keine Rechtsstaatlichkeit herrscht, weder im alten Libyen noch im jetzt entstehenden Libyen. Was passiert mit diesen Leuten? Keiner weiß es, wahrscheinlich würden sie zu irgendwelchen Lagern gebracht, kontrolliert diesmal von den Rebellen und nicht von Gaddafi und seinen Garden, aber auf jeden Fall wird es hier und da dazu kommen, dass Revanche genommen wird, hier und da wird es dazu kommen, dass Menschenrechtsverletzungen stattfinden würden.

Leider ist das jetzt momentan in dieser feierlichen Stimmung nicht so Thema, weder medial noch politisch, aber das liegt auf der Hand. Und die Szene, die Sie beschrieben haben, gestern von dieser Fernsehmoderatorin, die mit einem Revolver hantiert hatte während der Sendung, ist bezeichnend für die Atmosphäre in einem Land – egal an welche Seite man jetzt mehr glaubt oder sich schlagen will. Diese Moderatorin ist übrigens inzwischen auch verhaftet laut Nachrichten, und dann kann man sich vorstellen, was draus werden kann.

Bürger: Unterscheidet sich die Berichterstattung von Al Jazeera von der anderer internationaler Nachrichtenkanäle, etwa der BBC oder CNN? Haben Sie bessere Arbeitsbedingungen und andere Kontaktmöglichkeiten als internationale Kollegen?

Suliman: Ich muss zugeben, dass an einem Tag wie dem gestrigen, wo historische Ereignisse jetzt stattfinden wie der Fall einer arabischen Hauptstadt oder wo die Bilder sich praktisch regelrecht aufdrücken auf die Journalisten, diese kleinen Schlachten in einer arabischen Hauptstadt, da ähneln sich wirklich alle Sender – Al Jazeera wie BBC wie CNN.

Allerdings war unsere Berichterstattung die ganzen Monate davor ein bisschen tiefer, ein bisschen intensiver und ein bisschen vielleicht detaillierter. Das heißt, man hat wirklich die Aufständischen begleitet von Bengasi, als sie diese Stadt im Osten Libyens - in Anführungsklammern - 'befreit' haben von der Macht von Gaddafi, bis nach Tripolis. Diese ganze Reise hat Al Jazeera mitgemacht, zum Teil mit Journalisten von außerhalb des Landes, also aus der Zentrale. Bis es ganz gefährlich wurde, hat man wirklich Journalisten auf die Schnelle engagiert, aus dem Land, aus Libyen, allerdings klar, die sind den Rebellen sehr nahestehend. Und bis zum gestrigen Tag, bis jetzt, wo es wirklich darum geht, die Feierlichkeiten zu zeigen und so weiter, da habe ich sogar Mitleid oder Verständnis für jeden Fernsehjournalisten, der sich wirklich dann in diese Bahnen sich ziehen lässt.

Bürger: Allein sieben Geheimdienste sind im Auftrag von Gaddafi damit beschäftigt, auch Journalisten auf Schritt und Tritt zu überwachen. Wie ist das im Fall von Al Jazeera? Sie sagen, Sie haben auch libysche Kollegen engagiert. Stehen diese Reporter unter demselben Druck der Geheimdienste wie andere ausländische Journalisten?

Suliman: Man hat sich bei Al Jazeera – Arabisch muss man sagen – man hat sich schnell entschieden, an der Seite der Rebellen zu berichten. Das heißt, in Tripolis war Al Jazeera Arabisch nicht da, in der Hauptstadt, die unter der Kontrolle von Muammar al-Gaddafi und seinem Regime war.

Und als man versucht hat, die Journalisten reinzuschmuggeln in diese Gebiete, wo Gaddafi, praktisch Gaddafis Macht noch existent war, da hat man das teuer bezahlt. Das heißt, drei Kollegen wurden verhaftet, erst nach wochenlanger Haft freigelassen. Auch im Osten haben wir einen Kameramann verloren, er wurde erschossen, weiß man nicht genau, man denkt, das sind ja die Leute von Gaddafi. Ein anderer Kameramann war bis gestern im Gefängnis, wir wissen nicht, was aus ihm geworden ist in Tripolis. Also man hat schon einen hohen Preis dafür bezahlt, obwohl man nicht unbedingt jetzt die Seite von Muammar al-Gaddafi, die in Tripolis - praktisch Stadt - berichtet hatte, sondern einfach die anderen, praktisch die Bewegung von Osten nach Westen.

Und das ist der Unterschied wahrscheinlich auch zu vielen westlichen Medien, die in der Hauptstadt in Tripolis geblieben waren und haben von da aus mehr berichtet, mithilfe natürlich von Berichterstattung vom Osten, aber hauptsächlich waren sie in der Hauptstadt. Im Falle von Al Jazeera – Al Jazeera Arabisch meine ich – war das nicht der Fall, weil das Regime auch von Gaddafi Al Jazeera als Instrument des ganzen Krieges auch verstanden hatte oder gesehen hatte, weil Al Jazeera von Anfang an sich praktisch an die Seite der Rebellen geschlagen hatte, zumindest wenn man das mit Gaddafis Augen sieht.

Bürger: Wie kann und wie sollte man über die aktuellen Umbrüche in Libyen berichten?, das ist unser Thema im Gespräch mit Akhsam Suliman, dem Berliner Büroleiter des arabischen Fernsehsenders Al Jazeera.

Herr Suliman, mittlerweile sieht man ja auch ständig diese verwackelten Handybilder im Fernsehen, Informationen werden von Bloggern bezogen, wie gehen Sie damit um, wenn man jetzt auf Handybildern zum Beispiel gar nicht genau erkennen kann, wer da gerade wen schlägt oder abführt? Sind das im Grunde nur noch atmosphärische Hintergrundbilder? Denn genau texten kann man dazu doch gar nicht, wenn man nicht verifizieren kann, was man auf den Bildern tatsächlich sieht.

Suliman: Da haben Sie völlig recht. Man transferiert mehr Atmosphären als Informationen im Fernsehen in solchen Momenten. Man sieht ungefähr, die Lage ist, aha, sehr gefährlich, da wird geschossen, da sind Tote, da sind Verletzte, da sind Feiernde meinetwegen, aber die Information dahinter und dadrunter, die geht verloren leider. Und das ist eine große Frage jetzt, nicht nur bei den arabischen Revolutionen, auch anderswo auf der Welt, damals im Iran übrigens: Was macht man mit diesen Bildern, wie kann man schnell kontrollieren oder überprüfen, was wollte der Aufnehmer, der das Bild aufgenommen hatte, sagen, machen, in die Welt setzen an Gerüchten, an Informationen?

Leider muss ich sagen, im Zeitalter des sehr schnellen Journalismus, der kaum noch zu beschleunigende Journalismus, vor allem Fernsehen, nimmt man das hin, nimmt man die Bilder und relativiert sie ein bisschen durch Texte, die sagen, wir wissen nicht, wie die Quelle ist und ob sie stimmen. Aber wer den Fall verstehen will, was geschieht in Libyen, was geschah in Libyen, was kann in Libyen geschehen, dem rate ich wirklich dringend zu lesen. Zu lesen und Radio zu hören und weniger Fernsehen zu gucken, weil die Bilder, die klauen uns alle, die manipulieren uns alle, unbewusst – Journalisten wie Zuschauer.

Bürger: Das sagt ein Fernsehmann.

Suliman: Ja, das sage ich bewusst auch, weil man erlebt auch das selber. Wenn man in einer Situation ist wie in Tripolis – historisches Ereignis, kleine Kämpfe, Panzer marschieren oder irgendwelche anderen Fahrzeuge marschieren in die Stadt und man stellt sich davor und macht einen Aufsager und erzählt Informationen –, denkt man gar nicht darüber nach in dem Moment, was für einen Quatsch man erzählt hatte. Weil es reicht schon, dass der Panzer im Hintergrund läuft, dass ein paar Schüsse zu hören sind, und schon ist der Zuschauer wirklich gefesselt an das Fernsehen und schon ist der Nachrichtenchef, ist der Intendant, ist der Chefredakteur begeistert von dem einen Journalisten und beklagt sich nicht mehr, warum man solche Bilder und solche Situationen nicht hat. Das liegt in der Natur des Fernsehens, und deswegen, Fernsehen bleibt für mich auch als Fernsehmensch immer ein Ergänzungsmedium, ein Medium, was sehr gut Atmosphären darstellt, aber sehr schlecht in der Analyse.

Bürger: Wir haben über diese CNN-Reporterin schon gesprochen, die wirkte wie eine Schauspielerin in einem Actionfilm, und man fragt sich, wie solche Krisenreporter dann vorbereitet werden für solche Einsätze, ob sie dafür gezielt gecastet werden. Wie ist das bei Al Jazeera?

Suliman: Nein, natürlich wird das nicht gecastet, um Gottes Willen, aber wie gesagt, die Situation an sich macht aus einem diese Figur. Man ist ja … Ich gebe Ihnen ein Beispiel aus der Irakzeit: Als Saddam Hussein gefasst wurde und das erste Mal vor Gericht gestellt wurde in Bagdad damals, unser irakische Kollege, der darüber berichtet hatte, hat wirklich schwer geatmet währenddessen, weil für ihn ist dieser Diktator, der das Land über 30 Jahre, fast 30 Jahre regiert hatte, auf einmal steht dann ein Käfig und wird ihm der Prozess gemacht.

Er ist auch ein Mensch, der Reporter, und er ließ sich von dieser Atmosphäre einfach mitziehen. Und ich glaube, dass die Kollegin von CNN genauso agiert und reagiert hatte. Sie ist in Libyen, sie wartet wahrscheinlich seit Längerem auf Neues, was sie präsentieren kann bei dem Sender, was sie präsentieren kann bei dem Publikum und so weiter. Auf einmal geschieht das historische Ereignis, was wiederum sehr bilderbeladen ist.

Das sind historische Ereignisse, die nicht jetzt im Hintergrund passieren, nein, nein, da sieht man wirklich Waffen und bewaffnete Leute und neue Fahnen und alte Fahnen und Leute, die verhaftet werden. Und in dieser Atmosphäre ist der Mensch der Mensch und ist emotional natürlich auf einer Ebene und neigt dazu, wo er dazu neigt, solche Szenen zu machen als ob ... - manche Journalisten vergessen sogar, dass sie das begleiten sollen, die denken wirklich, es ist ein Schicksal, es ist Gottes Willen, dass sie wirklich gerade vor Ort sind und das alles mitmachen. Und viele machen Bilder und zeigen das dann Jahre später den Enkelkindern. Das ist das Problem mit dem Bild.

Ich finde, man kann das machen und man muss die Atmosphäre ein bisschen wiedergeben, weil es wäre ja auch schlimm, wenn ein Fernsehreporter ganz steif steht und analysiert, während im Hintergrund Panzer laufen. Aber zur Schauspielerei darf es nie kommen oder zu diesen hyperaktiven Actionszenen, was leider der amerikanische Journalismus sehr an sich hat.

Bürger: Akhsam Suliman, der Berliner Büroleiter des arabischen Fernsehsenders Al Jazeera. Ich danke Ihnen sehr fürs Gespräch!

Suliman: Bitte schön!


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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