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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 04.12.2009

Ferien auf einer unheimlichen Farm

Hörbuch: Tad Williams, Deborah Beale: "Die Drachen der Tinkerfarm", gelesen von Andreas Fröhlich, 6 CDs, 456 min., HörVerlag München

Auf der Farm leben Tiere mit Augen so groß wie Radkappen. (Stock.XCHNG / Allan Browne)
Auf der Farm leben Tiere mit Augen so groß wie Radkappen. (Stock.XCHNG / Allan Browne)

Der US-Amerikaner Tad Williams gilt als "Tolkien des 21. Jahrhunderts". Im ersten Teil seiner neuen Fantasy-Reihe "Die Drachen der Tinkerfarm" verschlägt es ein Geschwisterpaar auf einen Hof mit beängstigenden Tieren. Geadelt wird der Text durch die Stimme des Schauspielers und Synchronsprechers Andreas Fröhlich.

Gewünscht, nein, gewünscht haben es sich Tyler und seine Schwester Lucinda wirklich nicht, auf der Farm ihres Onkels Gideon die Sommerferien zu verbringen. Und die Dame, die sie begrüßt, wirkt auch nicht gerade Vertrauen erweckend:

"'Willkommen auf der Ordinary Farm, Kinder! Ich bin Patience Needle, Mr. Goldwings rechte Hand und die Haushälterin auf der Farm. Ich werde mich um euch kümmern, während ihr hier seid.´ ´Cool, wann kriegen wir denn die Tiere zu sehen.´ fragte Tyler. Ihr Lächeln verschwand für eine Sekunde. Doch als es zurückkam, wirkte es vollkommen freundlich und natürlich."

So beginnt Andreas Fröhlichs Lesung des ersten Teils der Fantasy-Reihe von Tad Williams und seiner Ehefrau Deborah Beale. Tad Williams, Autor der Science-Fiction-Fantasy-Saga "Otherland", von der eine eindrucksvolle Hörspieladaption vorliegt, hat sich, auch wenn er das selbst nicht gerne hört, den Ruf eines "Tolkien des 21. Jahrhunderts" er-schrieben. Im Mittelpunkt von "Die Drachen der Tinkerfarm" stehen die Geschwister Tyler und Lucina, die es in eine vollkommen fremde Welt und zu ebensolchen Tieren verschlägt:

"Lucinda blickte auf eine lang gestreckte Gestalt, die das Stahlgehege im hinteren Teil der Halle fast vollständig ausfüllte. Eine schuppige Gestalt von der Größe eines kleinen Düsenflugzeugs. Obwohl sie etwas erwartet hatte, von der Tylers Bezeichnung Monster passte, konnte ihr Gehirn die kolossale Erscheinung, die sie vor sich sah, nicht verarbeiten. Es war vielleicht ein riesiger Roboter, eine Freizeitparkattraktion, aber es konnte nicht real sein. Es hob den mächtigen Kopf auf dem langen Hals und erwiderte ihren Blick mit schlangengelben Augen, die fast so große wie Radkappen waren."

Der 1957 geborene Kalifornier Tad Williams hat mit "Otherland" bewiesen, dass Fantasy, hier in Kombination mit Science-Fiction, ein aufregendes Zeitbild liefern kann. Mit "Die Drachen der Tinkerfarm" ist Williams nun zum eher klassischen Figurenensemble des Fantasy-Genres zurückgekehrt. Und damit zum ... Drachen.

"´Es ist ein Drache, ein richtiger, echter Drache.´ Plötzlich erhob Gideon die Stimme. ´Vorsicht, Junge! Wie heißt du noch mal? Tyler. Komm ihr nicht zu nahe. Es geht ihr nicht gut zurzeit."

Was "Die Drachen der Tinkerfarm" aber aus diesem Meer von Hörbuch-Lesungen herausragen lässt, das ist der, der hier liest. Wenn einer wie Andreas Fröhlich vorliest, dann adelt er einen Text. Also: Andreas Fröhlich, 1965 in Berlin geboren, ab 1978 Bob Andrews in der Hörspielserie "Die drei ???", Schauspieler, Synchronregisseur, Synchronsprecher, Vorleser. Welche Ausdrucksstärke Andreas Fröhlichs Stimme hat, lässt sich an seiner Tätigkeit des Synchronsprechens vielleicht am deutlichsten zeigen: Von Christian Brückner ist bekannt, dass seine deutsche Synchronisation von Robert de Niro einen nachhaltigen und suggestiven Eindruck hinterlässt. Der Mythos des Stars de Niro hat hierzulande viel auch mit Brückners Stimme zu tun. Das Gleiche gilt aber auch für Andreas Fröhlich, wenn er John Cusack und vor allem Edward Norton synchronisiert. Norton gelang 1996 an der Seite von Richard Gere in dem Thriller "Zwielicht" der Durchbruch. Seit ´96 synchronisiert Andreas Fröhlich Edward Norton grandios:

Dialogbeispiel 1: "Wissen Sie, wer ich bin?" – [Edward Norton/Andreas Fröhlich: "Nein, Sir, nein, weiß ich nicht!" – "Ich bin das, was man einen Staranwalt nennt!" – "Ich habe kein Geld. Nein, nein, nein, Sir."

Dialogbeispiel 2: "Wie denkst du, ist das abgelaufen? Wilde Schießerei? Kurze Distanz? Er immer der Schütze war, er war kein Amateur. Ich muss was mit dir bereden. Ich habe das nirgendwo herum erzählt. Ich habe mit dieser Lysette gesprochen. Sie sagte, es war ein Cop. Sie sagte, es war Jimmy."

Übrigens, einer anderen Figur hat Andreas Fröhlich ebenfalls seine Stimme gegeben, einer, die zwar aus dem Computer stammt, aber von der Kritik als Erstes computeranimiertes Wesen Lebendigkeit bescheinigt wurde: der Gollum in Peter Jacksons Filmtrilogie "Der Herr der Ringe" – Synchronregie übrigens: Andreas Fröhlich.

"Die Diebe, die Diebe, die dreckigen kleinen Diebe. Wo ist er? Wo ist er? Sie haben ihn uns gestohlen, mein Schatz!"

Der Hörbuchmarkt lebt bei der unüberschaubaren Zahl von Lesungen geradezu von dem Marketing-Satz: Gelesen von der Synchronstimme von ... George Clooney, Brad Pitt, Al Pacino, Jodie Foster und und und. Nun gibt es über Synchronstimmen allerdings eine traurige Botschaft zu vermelden: Nicht selten wirken sie zusammen mit dem Bild des Schauspielers großartig, cool, faszinierend, mythisch. Aber wehe, das Bild ist weg! Es ist, als ob eine Aura weg bricht! Synchronisieren und Vorlesen sind zwei ganz unterschiedliche Handwerke oder Künste, die nicht automatisch eine Synthese eingehen. Andreas Fröhlich ist da eine der großen Ausnahmen.

Ob Fröhlich den Fantasy-Roman "Eragon" liest, einen Text des französischen Schriftstellers Frédéric Beigbeder, das Johannes-Evangelium für die Deutsche Bibelgesellschaft oder jetzt den ersten Band von Tad Williams und Deborah Beales "Tinkerfarm"-Saga: Nichts bricht da weg! Immer wieder stellt sich beim Zuhörer dieses Gefühl aus diesen altvorderen Zeiten ein - vielleicht in unseren Genen eingelagert, wer weiß -, wenn wir ums Lagerfeuer herum saßen, der Wind heulte, unheimliche Schatten vorbeizogen, und der eine die Geschichten erzählte, und wir fast wohlig versanken in der Stimme und in eine andere Welt weggetragen wurden.

"´Ist das alles wirklich passiert?´ fragte Lucinda."

... am Ende des ersten Bandes der "Tinkerfarm"-Saga.

"´Das fragst du ständig.´ Tyler sah zum Zugfenster auf die vorbeiziehenden Felder und Häuser und versuchte nachzudenken. So vieles von den Erlebnissen des Sommer verstand er noch immer nicht."

Egal ob Fantasy-Liebhaber, Tad-Williams-Fan oder nicht, von Andreas Fröhlichs Stimme muss man sich am Ende der mehr als sieben Stunden Zuhörzeit regelrecht losreißen.

Besprochen von Hartwig Tegeler

Tad Williams/Deborah Beale
Die Drachen der Tinkerfarm

Gelesen von Andreas Fröhlich
Übersetzung Hans-Ulrich Möhring
6 CDs, 456 min - HörVerlag München, 19,90 Euro

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