Seit 11:05 Uhr Deutschlandrundfahrt
 
Sonntag, 29. Mai 2016MESZ11:33 Uhr

Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 10.04.2015

Feministin Laurie PennyRasende Kampfschrift für alle Unangepassten

Von Susanne Billig

Ein Transsexueller während der Proben für die erste von der Lesbian, Gay, Bisexual und Transgender Initiative der Türkei organisierte Fashion Show im November 2014. Auf dem Kleid steht: Wir wollen leben. (picture alliance / dpa / Sedat Suna)
"Wir wollen leben" steht auf dem Kleid eines Transsexuellen. Für die Unsäglichen und Unnatürlichen sei ihr Buch geschrieben, sagt Autorin Laurie Penny. (picture alliance / dpa / Sedat Suna)

In "Unsagbare Dinge - Sex, Lügen und Revolution" prangert die Bloggerin Laurie Penny kämpferisch-aggressiv gesellschaftliche Misstände an. Ein Herz zeigt sie für all jene, die der Norm nicht entsprechen und an den Rand gedrängt werden.

Die seelische und körperliche Zurichtung von Frauen via Werbung und Privat-TV, Misogynie im Internet, verflachtes und normiertes Begehren, der Wirtschaftscrash 2008, der jungen Menschen weltweit die Lebensperspektiven raubte: In ihrem neuen Buch "Unsagbare Dinge - Sex, Lügen und Revolution" umkreist Laurie Penny in fünf langen Kapiteln Missstände, die sie in Rage versetzen und dazu inspirieren, ihren fulminanten Stil auszufahren und in großen Wellen so vehement damit über die Seiten zu wogen, dass es die reine Freude ist.

Von kämpferisch-aggressiven Höhen stürzt die junge Bloggerin in düstere Täler kassandrischer Prophezeiungen und findet in ihrem Rasen doch immer wieder sanfte Töne, wenn sie über die Menschen spricht, die ihr am Herzen liegen, die Queers und Transgender, die auf tausenderlei Weise Nicht-Angepassten, Nicht-Weißen und Nicht-Funktionstüchtigen. Wie schon in ihrem letzten Buch "Fleischmarkt: Weibliche Körper im Kapitalismus" zeigt sich die Autorin bestens über aktuelle soziologische Debatten informiert, wälzt Literatur, zitiert, recherchiert und stützt ihren linksfeministischen Ingrimm mit überzeugenden Zahlenkolonnen: Frauen schlucken zweimal so viele Psychopharmaka wie Männer und unternehmen dreimal so viele Suizidversuche. Die Selbstmordrate junger Menschen in den USA hat sich in den letzten 30 Jahren verdreifach. Viermal so viele homo- wie heterosexuelle Jugendliche versuchen, sich das Leben zu nehmen.

Harsche Abrechnung mit etablierten Feministinnen

Laurie Penny, Wortführerin eines vitalen jungen Feminismus, rechnet harsch mit ihren etablierten Vorgängerinnen ab. Der heutige Mainstream-Feminismus nütze in erster Linie den heterosexuellen, gut verdienenden, weißen Frauen der oberen Mittelschicht, diagnostiziert die Autorin und donnert eine volle Breitseite Revolutionsromantik auf das Papier: Öffentliche Karrierefeministinnen seien derzeit vor allem damit beschäftigt, mehr Frauen in Vorstände zu bringen. "Dabei besteht das Hauptproblem darin, dass es schon viel zu viele Vorstandszimmer gibt und keins von ihnen brennt."

Weil sie vieles zusammen denkt – Wirtschaft und Begehren, Körpermaße und Profit, Angst und Alltagsnormen – bereitet es Laurie Penny keine Mühe, auch Männern einen würdigen Platz in ihrem Buch einzuräumen. In dem berührenden Kapitel "Verlorene Jungs" befasst sie sich mit deformierenden Männlichkeitsidealen, die um so mehr Verwirrungen und Verwüstungen in den Herzen von Jungen und Männern anrichteten, je mehr der wirtschaftliche Niedergang all die scheinbar so selbstverständlichen Vorteile und Privilegien einkassiere. Übrig bleibe vielen nur eine Krisenerfahrung – sichtbar unter anderem an den steigenden Fällen von Magersucht, die auch Laurie Penny vor einigen Jahren an den Rand der Lebensfähigkeit manövrierte.

Ihr Buch sei für die Unsäglichen und Unnatürlichen geschrieben, erklärt Laurie Penny. Für die Schrägen und alle, die zu viel wollen. "Wenn ihr so jemand seid oder sein könntet, dann ist dieses Buch für euch." Für die anderen ist es übrigens auch.

Laurie Penny: Unsagbare Dinge. Sex, Lügen und Revolution
Aus dem Englischen von Anne Emmert
Edition Nautilus, Broschur, Hamburg 2015
288 Seiten, 16,90 Euro


Mehr zum Thema:

So jung und schon Feministin
(Deutschlandradio Kultur, Buchkritik, 29.5.2012)

Buchkritik

weitere Beiträge

Literatur

Reform des UrhebervertragsrechtsDavid gegen Goliath?
(Deutschlandradio / Jörg Plath)

Kreative verdienen durchschnittlich weniger als 20000 Euro brutto jährlich. Eine Novelle des Urhebervertragsrechts will nun ihre Position stärken. Bei Verlagen und interessanterweise auch bei nicht wenigen Autoren hat das Vorhaben bereits für starke Unruhe gesorgt.Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

fghjghj