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Thema / Archiv | Beitrag vom 11.04.2008

"Fehler dieses Systems bekämpfen"

Rudi Dutschke in einem Interview vor rund 40 Jahren

Moderation: Dieter Thoma

Studentenführer Rudi Dutschke bei einer Demonstrationin Berlin im April 1968 (AP Archiv)
Studentenführer Rudi Dutschke bei einer Demonstrationin Berlin im April 1968 (AP Archiv)

Vor 40 Jahren, am 11. April 1968, wurde der Studentenführer Rudi Dutschke Opfer eines Attentats, bei dem er fast sein Leben verlor und von dem er sich nie wieder erholte. Wenige Wochen davor äußerte sich die Symbolfigur des außerparlamentarischen Widerstandes in einem Rundfunkinterview.

Dieter Kassel: Vor 40 Jahren, am 11. April 1968, wurde der Studentenführer Rudi Dutschke Opfer eines Attentats, bei dem er fast sein Leben verlor und von dem er sich nie wieder erholte. Dutschke war für Freund wie Feind vor, aber auch noch nach diesem Attentat die Symbolfigur des außerparlamentarischen Widerstands der außerparlamentarischen Opposition. Aber für ihn bedeutete das nicht, sich nicht auch mit der innerparlamentarischen Opposition auseinanderzusetzen und sogar eine Zusammenarbeit mit ihr zumindest zu versuchen. Aus diesem Grund traf sich Dutschke am 4. Februar 1968 mit dem SPD-Politiker Johannes Rau. Und einen Tag vorher gab er dem Westdeutschen Rundfunk dazu ein Interview. Hier im Deutschlandradio Kultur hören Sie jetzt dieses Interview, das der Moderator Dieter Thoma damals mit Rudi Dutschke führte.

Dieter Thoma: Guten Tag, Herr Dutschke!

Dutschke: Guten Tag!

Thoma: Herr Dutschke, wenn man Streitgespräche macht beziehungsweise ein Streitgespräch auf dem Programm steht und Sie führen eines, weiß man vermutlich, worüber man mit dem anderen streiten will. Worüber wollen Sie?

Dutschke: Ja, es geht primär für mich in diesem Gespräch darum, Herrn Rau zu fragen, inwieweit Opposition innerhalb der Partei Chancen hat, parteipolitisch relevant zu werden. Herr Rau ist einer der integersten Leute innerhalb der SPD, hat auf dem letzten Parteitag gegen die Notstandsgesetze etc. gesprochen. Nun aber die Frage an einen Oppositionellen innerhalb der Partei, wie ist er in der Lage, mit welchen Kämpfen, mit welchen sozialen Kräften, sich zu koordinieren, um seine eigenen politischen Ansichten in der Partei durchzusetzen. Oder ist er nur in der Lage, als Einzelkämpfer in der Partei hin und wieder für gute Beschlüsse zu sorgen auf niedriger Ebene, aber in der Partei relativ irrelevant. So wird für mich eine Frage sein, wie effizient kann ein Oppositioneller wie Rau innerhalb der SPD überhaupt sein.

Thoma: Ja, nun wird dabei wohl sicherlich mit aufgeworfen werden, dass Johannes Rau innerhalb der SPD, das heißt, innerhalb der Parteien versucht, Opposition zu machen, bzw. im Augenblick ist ja die SPD in Düsseldorf Regierungspartei, und dass die außerparlamentarische Opposition diese Plattform ja weitgehend ablehnt und dass die Gemeinsamkeiten da vermutlich schwierig sind. Wie stellen Sie sich das vor?

Dutschke: Ja, es gibt natürlich (…) Elemente in einer außerparlamentarischen Opposition, die jeglichen Kontakt mit der Partei ablehnen. Das scheint uns aber, vielen von uns scheint das nicht richtig zu sein. Es geht gerade darum, dass alle wirklich demokratischen Kräfte in und außerhalb der Parteien, in und außerhalb der Institutionen in gemeinsamen Kämpfen sich koordinieren und die Fehler dieses Systems, die strukturellen Fehler des Systems an den Ecken und Enden, wo sie bekämpfbar sind, wirklich bekämpfen. Es geht also wirklich darum, ob ein Rau bereit ist, mit uns zusammenzuarbeiten, wie wir, in diesem Falle spreche ich von mir und meinen Freunden, wie wir bereit sind, mit denen in der Partei zusammenzuarbeiten, die nicht die Partei als Partei bejahen, sondern die Partei als ein Instrument, als eine Organisation zur Erreichung demokratischer Ziele begreifen.

Thoma: Nun ist die Formulierung solcher Zusammenarbeitsmöglichkeiten, ist natürlich immer eine Sache, die zunächst sehr real scheint. Der Vorwurf, der gegen Sie vielfach erhoben wird, ist der, dass Sie jedoch eigentlich Utopisten seien, das heißt, Dingen nachjagen, die real gar nicht zu verwirklichen seien oder aber erst in einer Zukunft zu verwirklichen sind, die im Augenblick keine Rolle spielt. Sehen Sie selbst das anders, und sehen Sie sich selbst eigentlich mehr realistischer als ihre Kritiker?

Dutschke: Ja, der Utopievorwurf ist schon seit Jahrhunderten gegen alle diejenigen erhoben worden, die Forderungen hatten an die Gegenwart, die scheinbar über die Gegenwart hinausgingen. Insofern sind wir Utopisten. Aber was heißt das schon? Wenn das Denunziation ist, lässt uns das kalt. Eher ist das für uns ein Privileg, Utopist zu sein. Denn das bedeutet zu begreifen, dass die Gegenwart in ihrer faktischen Existenz von uns verändert werden muss und verändert werden kann. Dass sie verändert werden kann, geben alle Kritiker von links bis rechts zu. Es geht nur um die Qualität der Veränderung. Und da stellt sich die Frage der Reform, der sogenannten Reform oder der wirklichen Veränderung in einem langfristigen Sinne. Für Letzteres sind wir. Und das hat wenig mit Utopismus zu tun. Wer uns vor anderthalb Jahren gesagt hätte, wir würden 1967/68 Zehntausende von Menschen mobilisieren können, zu dem hätten wir gesagt, du bist ein Utopist. Heute können wir das. Und insofern sollte sich der Utopismusvorwurf einfach schon praktisch als absurdum geführt haben, dadurch, dass Tausende von Menschen gegenwärtig antiautoritär sich verhalten, Aktionen durchführen, Aufklärung machen. Das scheint mir doch alles andere als Spinnerei zu sein, sondern praktisch wirkliche, kritische Tätigkeit von Schülern, Studenten, jungen Arbeitern und allen möglichen anderen Gruppen in der Gesellschaft. Oder sehen Sie das anders?

Thoma: Insoweit richtig. Ich würde nur in der Tatsache, dass 10.000 zu mobilisieren sind, noch nicht einen Beweis dafür sehen, dass nicht diese auch durch eine Utopie zu begeistern und auf die Straße zu bringen wären?

Dutschke: Na, das ist die Frage. Womit begeistern wir sie denn bzw. wofür kommen sie? Sie kommen nicht zu sehr für einen ausgearbeitetes Programm, das existiert nicht. Sie kommen, weil sie Interessenbedürfnisse und Wünsche haben. Interessen, nämlich nicht mehr autoritär regiert zu sein, ob nun in der Schule, im Betrieb oder in der Universität. Dieses antiautoritäre Verhalten ist ein Grundelement unseres ganzen oppositionellen Denkens. Das braucht nicht manipuliert zu werden, das bedarf keines Chefideologen, sondern das ist ein Grundverhalten der Opposition außerhalb der Institutionen heute, und das ist materialistisch und alles andere als utopistisch.

Thoma: Herr Dutschke, wenn Sie Ziele aufbauen und jetzt denen, die, wie Sie sagen, die Sie mobilisieren, verkünden. Sind das nur ausgedachte Ziele?

Dutschke: Noch etwas.

Thoma: Ja?

Dutschke: Ich muss Sie unterbrechen. Wir helfen mit zu mobilisieren. Aber das, was an Selbsttätigkeit bei den Schülern, Studenten und jungen Arbeitern gegenwärtig vorhanden ist, von Bremen bis München bis Freiburg, das ist alles andere als halt von einer Führung gemacht. Sondern das entsteht spontan und wird getragen von denen, die sich daran beteiligen. Keine Partei lenkt das, keine Partei zentralisiert, keine Partei organisiert im zentralistischen Sinne. All das sind neue Momente von Opposition in Deutschland. Und das scheint mir sehr wichtig zu sein. Denn halt dadurch wird die ganze Personifizierung der Opposition, zum Beispiel in Dutschke, die ja nur ein Resultat der Unfähigkeit der herrschenden Manipulation ist, gesellschaftliche Konflikte, gesellschaftlich zu begreifen und nicht personell. All das müssen Sie sehen. Das scheint mir strukturell was Neues zu sein, dass heute Opposition stattfindet jenseits von einzelnen Parteien, jenseits von einzelnen sogenannten Führern. Ja, unmittelbare Bedürfnisse werden politisiert. Sie sehen, aus Fahrpreiserhöhungen kann eine Revolte werden mit politischen Inhalten, wie in Bremen. Und das scheint mir recht wichtig zu sein, wenn Schüler und Arbeiter zusammenarbeiten.

Thoma: Aber, Herr Dutschke, eine Frage hätte ich eben da noch. Sind es also nur gedachte Ziele oder gibt es Beispiele irgendwo, an denen Sie sich auch orientieren und wo Sie sagen, dort ist ein Teil dessen, das ich eigentlich erreichen möchte, verwirklicht?

Dutschke: Na, Letzteres kann man nicht sagen. Denn die Geschichte war bisher halt Geschichte von Unterdrückung, in allen Ländern, von den sogenannten sozialistischen Ländern bis in unsere westlichen sogenannten freien Länder. Und diese Geschichte der Unterdrückung ist noch nicht durchbrochen. Es gibt große Ansätze auf ganz unterentwickelter, ökonomischer Basis natürlich in Kuba und in China. Aber das kann für uns kein Modell darum sein, weil wir hochentwickelte kapitalistische Staaten sind, die, wenn sie ihre kapitalistischen Fesseln sprengen, ganz andere Möglichkeiten haben, ganz andere historische Möglichkeiten verwirklichen können. Darum kann auch Kuba und China für uns kein Modell sein, weil wir in der Tat etwas Größeres, etwas Besseres, etwas Universelleres leisten könnten, wenn wir unsere Fesseln sprengen.

Thoma: Ja. Eine Frage, die sich sicherlich bei vielen aufdrängt, die Sie sofort gleichsetzen mit denen, die so etwas tun. Halten Sie es für richtig, wenn man bei Zeitungen, die man nicht mag, Fensterscheiben einschmeißt und wenn man Professoren, mit denen man nicht einverstanden ist, wenn man denen das Licht abdreht und ihnen die Möglichkeit nimmt, miteinander zu reden?

Dutschke: Letztes würde ich erst einmal unterscheiden, von dem Letzteren halte ich wenig. Das kann man zu Beginn einer Revolte mal als ein Übergangsstadium haben, wo man sehr schnell begreift, dass das kein Mittel ist, um wirklich politische Arbeit in Kontinuität fortzusetzen. Zum Ersteren will ich ganz klar sagen, wer da mit Vergleichen kommt, à la Kristallnacht usw., scheint mir nicht zu begreifen, worum es mit Springer geht. Wir müssen ja davon reden, das sind nicht irgendwelche Filialen, es ist nicht irgendein Verlag, sondern es ist das gigantischste Monopol der Manipulation in der Bundesrepublik und in West-Berlin, Axel Cäsar Springer. Wir haben alles Mögliche an Aufklärung geleistet, alles Mögliche versucht, die Öffentlichkeit darauf hinzuweisen, was dort geschieht. Die Bundesrepublik, die Regierung, das Parlament, die Institutionen, die Parteien sind nicht bereit, etwas zu unternehmen. Was bleibt uns anderes übrig, als mit eigenen ohnmächtigen Mitteln zu protestieren? Möchte ich von Ihnen wissen. Sollen wir es unseren Gesetzgebern überlassen, dass sie noch zehn Jahre warten, bis Springer 90 Prozent des gesamten Marktes beherrscht? Wir werden dem nicht tatenlos zuschauen und haben begonnen, etwas zu tun. Und darunter fällt auch das Werfen von Steinen. Das ist eine ohnmächtige Form des Protestes. Ich hoffe, dass er bald wirksamer wird.

Kassel: Das war ein Originalinterview des Westdeutschen Rundfunks mit Rudi Dutschke vom 3. Februar 1968. Gut zwei Monate später, am 11. April 68, wurde Dutschke bei einem Attentat schwer verletzt und überlebte nur knapp. Einzelheiten zu diesem Anschlag hören Sie dann in einer guten halben Stunde, am Ende dieser Stunde in unserem "Kalenderblatt".

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