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Fazit / Archiv | Beitrag vom 25.10.2015

"Fear" an der Berliner SchaubühneBekenntnis der Hilflosigkeit

Von André Mumot

Szene aus "Fear" an der Berliner Schaubühne (imago / DRAMA-berlin.de)
Szene aus "Fear" an der Berliner Schaubühne (imago / DRAMA-berlin.de)

An der Berliner Schaubühne hatte "Fear" Premiere - ein neues Stück von Falk Richter. Darin geht es um die neuen Ängste in der Gesellschaft, die vielfach in Hass oder Fremdenfeindlichkeit umschlagen, und welche Rolle die Demagogen von AfD und Pegida dabei spielen.

Subtil geht anders: Alina Stiegler gibt die fundamentalistische Christin Gabriele Kuby im blauen Glitzerkleid und langer blonder Perücke als hysterische Glamour-Karikatur. Da geifert und brüllt sie nun über die Rolle der Frau, die sich gefälligst wieder dem Mann zu unterwerfen habe und warnt: "Die ganze Politik hat das gleiche Programm: Homosexualisierung, Zerstörung der Wertebasis!" Eine Lachnummer ist sie an diesem Abend. Nur in der Wirklichkeit, da ist sie eben weniger komisch.

Falk Richter bringt einen Rechercheabend an die Berliner Schaubühne, in dem er sich mit dem Erstarken des Rechtspopulismus auseinandersetzt. Um diffuse Ängste soll es gehen, um eine Annäherung und eine Selbstvergewisserung, in der die Protagonisten von AfD und Pegida entweder als Nazi-Zombies dargestellt oder der Lächerlichkeit preisgegeben werden.

Dabei sind es hier, wie immer bei Falk Richter, die Großstadtintellektuellen, deren innere Kämpfe das Bühnengeschehen bestimmen. In "Fear" sitzen sie gemeinsam in einer kleinen Debattierlaube und beginnen, sich heranzutasten an den Volkszorn, der seine immer hässlichere Fratze zeigt. Kurz schlüpfen die Darstellerinnen und Darsteller in die Rollen von dumpfen Demonstranten und bösartigen Demagogen, nur um sich rasch wieder daraus zurückzuziehen und zu bekennen: "Wir wollen damit eigentlich doch gar nichts zu tun haben." 

Wenn Falk Richter seine eigenen Stücke inszeniert, werden die ganz großen Gefühle gern getanzt, und so ist es auch hier: Drei Tänzer bewegen sich in aggressiven, verzweifelten Choreografien mit großer athletischer Intensität, aber doch nur zu Beginn. Dieser Abend bricht alles ab, was er anfängt, probiert aus, verwirft, zuckt mit den Achseln, albert herum, zürnt und schreit und macht dann dünne Späßchen: Eine Materialsammlung, ein Flickenteppich, der unter Überdruck nach einer Haltung, nach einer Verbindlichkeit sucht, die er nicht findet.

"Fear" ist das Zeugnis eines Schocks

Dabei spielen sich immer wieder die hart rhythmisierten Videos von  Björn Melhus in den Vordergrund, in denen Originalaussagen von Pegida-Mitläufern über Bergdoktor-Panoramen gelegt werden. Ja, man kann es mit der Angst zu tun bekommen, wenn man die menschenverachtenden Aussagen so dröhnend laut um die Ohren geschlagen bekommt.

Und darum geht es: "Fear" ist das Zeugnis eines Schocks, vielleicht auch der verspäteten, naiven Erkenntnis, dass all das tatsächlich stattfindet in Deutschland, dass dieser Hass tatsächlich existiert und etwas mehr als Handgreifliches hat. Falk Richter macht aus alledem keinen runden, keinen wirklich guten Theaterabend, sondern eine wilde, wirre Gegenrede, die darin mündet, dass sich seine Darstellerinnen und Darsteller direkt ans Publikum wenden, aus ihrem Alltag erzählen, dass sie Gegenwelten aufmachen und auf der Bühne einen idyllischen Garten anlegen, dass sie gutherzige Hoffnungen und apellative Reden halten.

Nur um sich doch wieder flüchten zu müssen in Abwehr-Parodien, in krakeelenden Frontalhumor. Nein, subtil ist es nicht, dieses Bekenntnis der Hilflosigkeit, aber immer wieder auf mitreißende Weise ehrlich. Wir wissen nicht, wie wir umgehen sollen mit dieser fatalen Bewegung, sagt der Abend, aber wir schauen hin, wir regen uns auf, wir ekeln und empören uns, wir bestärken uns schulterklopfend darin, anders zu sein. Das wird nicht reichen. Aber es ist ein Anfang - und eine Notwendigkeit.  

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