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Feiertag / Archiv | Beitrag vom 03.08.2008

Fazenda da Esperanza

Heilungsort für Drogenopfer

Von Joachim Opahle, Berlin

Drogenabhängigen wird in der "Fazenda da Esperanza"  geholfen, "clean" zu werden und mit sich ins Reine zu kommen.
Drogenabhängigen wird in der "Fazenda da Esperanza" geholfen, "clean" zu werden und mit sich ins Reine zu kommen. (AP Archiv)

Wenn Mitmenschen in Krisen geraten, haben Christen die Aufgabe, Hilfe zu leisten. An weltweit mehreren Orten wurden in den vergangenen Jahren aus franziskanischem Geist heraus besondere Höfe geschaffen, an denen vor allem junge Menschen geholfen wird, ihre Drogen- oder Alkoholprobleme zu bekämpfen. Auch in Nauen bei Berlin gibt es eine solche "Fazenda da Esperanza", einen Hoffnungs- und Heilungsort für Drogenopfer. Dort wird in kleinen Gruppen gelebt, gearbeitet, gefeiert und auch gebetet. Die Reha-Maßnahme aus dem Geist des Evangeliums ist erstaunlich erfolgreich....

Patrick: "Ich hab immer gesucht nach was, das für mich gut ist - und hab jetzt das gefunden, was ich schon lange gesucht habe. Ich bin mittlerweile sieben Monate hier, was ich nie gedacht hätte, dass ich es geschafft habe."

Patrick war ganz unten, als er nach Gut Neuhof kam: Drogen und Alkohol hatten das Leben des 25-Jährigen ganz schön aus der Balance gebracht. Doch Patrick wollte sich nicht aufgeben. Zusammen mit 30 Leidensgenossen durchlebt und durchleidet er eine Drogenentziehung in der Fazenda de Esperanza, dem Hof der Hoffnung. Hinter der Einrichtung mit dem geheimnisvollen Namen verbirgt sich ein ehemaliger Gutshof in Markee bei Nauen, knapp eine Autostunde westlich von Berlin.

"Die Hauptarbeit ist hier, den Hof zu erhalten. Den Stall zum Beispiel - ich bin gelernter Metzger, bin in der Fleischerei zuständig, Küche gibt's, wir bauen mittlerweile ein Haus für die Gäste, die kommen; Büro für die Schwestern - es gibt immer was zu tun..."

Gut Neuhof ist ein Selbsthilfeprojekt für Drogenabhängige. In den Wohngruppen soll ein Geist der Geschwisterlichkeit und Selbstverantwortung herrschen. Den jungen Männern wird einiges zugemutet: Alkohol, Drogen und Zigaretten sind tabu, ein fester Tagesablauf fordert Disziplin, es gibt festgelegte Aufgaben und Pflichten. Und noch etwas ist besonders: Gut Neuhof ist ein Projekt der Franziskaner, das bedeutet: Meditation und Gebet bilden eine Art geistiges Rückgrad des Alltags:

"Ich hab gewusst, auf was ich mich einlasse: das ist vor allem mit Gott, und ich hab mir gedacht: wer kann mir weiterhelfen außer Gott - und so ist es auch passiert."

Auf die kleine Kapelle neben dem Haupthaus ist man in Gut Neuhof besonders stolz. Die Bewohner haben sie selbst eingerichtet. Der Gebetsraum ist schlicht, aber sehr einladend für Meditation, Gebet oder Gottesdienst:

"Wenn man zu ihm beten tut, man bekommt dabei 'nen Draht; man spürt die Wärme und die Liebe; und vor allem: Man wird getragen von einer Gemeinschaft. Wenn's dir schlecht geht zum Beispiel, kommt die Gemeinschaft und trägt dich, also sie hilft dir, man redet miteinander, egal wie es kommt, man hält auf jeden Fall zusammen, man geht zusammen dort durch..."

Ohne dieses große Gemeinschaftserlebnis ist die Drogenentziehung zum Scheitern verurteilt, sagt Pater Cesar. Der gebürtige Brasilianer kam vor fünf Jahren nach Brandenburg, um den Gutshof bei Nauen zu leiten. Nach dem Taufschein fragt er nicht:

Pater Cesar: "Die Jungs müssen nicht gläubig sein, aber sie sagen nach einer Weile, sie spüren, es gibt was anderes hier. Sie kommen zum Gottesdienst und ich frage, warum kommt ihr zum Gottesdienst, sie sagen: Hier gibt es etwas. Und nach und nach wollen sie doch mehr davon erfahren, so dass sie kommen und bitten: ich möchte meinen Glauben vertiefen. Und manche lassen sich taufen - und andere werden nicht Gläubige, sondern sie wollen diesen Geist im Leben behalten, diese Freundschaft, dieses Gemeinschaftsleben. Ich denk schon, das ist ein Stück Religion, trotz, wenn sie nicht Gläubige werden."

Nicht immer scheint die Sonne auf Gut Neuhof. Es gibt auch schwere Fälle und Rückschläge, doch P.Cesar ist keiner, der sich von Rückschlägen entmutigen lässt:

"Natürlich das kommt vor und man muss beobachten und merken, ob wir wirklich solchen Jugendlichen helfen können Und wir müssen dann mit der Familie oder wenn sie keine Familie mehr haben, mit einer großen Liebe nacherklären - und wenn es so ist, müssen wir einen anderen Therapieplatz für den problematischen Fall suchen. Aber meistens klappt. Sie brauchen viel Geduld, ja viel Geduld."

Jürgen kam aus Bayern nach Brandenburg. Seit drei Monaten lebt er auf Gut Neuhof:

Jürgen: "Dass ich hier bin, ist mir nicht so schwer, aber da ich eine Freundin hab, das ist etwas Schweres, dass halt so 'ne weite Entfernung ist. Aber ich werd's schaffen. Die Gemeinschaft hilft einem auch, dass jeder jedem hilft hier.. man kann mit Leuten reden."

Für Frank geht die Zeit auf Gut Neuhof bald zu Ende. Er fand vor allem den geordneten Tagesablauf wichtig - und die Abwechslung zwischen Arbeitszeiten und Ruhepausen:

Frank: "Man hat viel Zeit über sich nachzudenken... und seine Zukunft in richtige Bahnen zu lenken ...Ich hatte halt Schwierigkeiten, verschiedene Sachen zu akzeptieren, ich hab vieles auf mich bezogen und da muss ich halt noch vieles dran arbeiten, um dann halt ein zufriedenes Leben zu leben."

Geduld und Durchhaltevermögen haben Yvonne geholfen, von Drogen und Kriminalität weg zu kommen. Ein Gefängnispfarrer gab ihr den Tipp, sich an die Franziskaner von Gut Neuhof zu wenden. Sie fand Unterkunft in Riewend, rund 20 Kilometer entfernt von Nauen. Das von Feldern und Wiesen umgebene Anwesen dient als Frauenhaus der Facenda. Yvonnes Drogenkarriere hört sich alarmierend an:

Yvonne: "Ich hab mit 12 angefangen und dann mit 13 mit Amphetamine, Speed, Ecstasy, mit 14 kam das Kokain, das Crack-Rauchen und darauf hat gleich Heroin gefolgt. Und mein Bruder, der war auch drogensüchtig. Da haben wir halt angefangen, nach Holland zu fahren und das Zeug dann, Heroin, hierher zu schmuggeln nach Deutschland und zu verkaufen, um wieder vom Gewinn uns neues zu kaufen. Und das ging alles gut, bis wir von der Polizei observiert worden sind und dann auch verhaftet. War in U-Haft 9 Monate lang, kam dann aber auf Bewährung raus mit Auflage Therapie, da hab ich trotzdem weiter Drogen genommen, dann wurde ich halt rausgeschmissen. Dann war ich eine Woche lang auf der Straße und hab es mir total wieder gegeben."

Ein Jahr verbringen die Frauen üblicherweise auf dem Hof. Ohne Ersatzmedikamente, ohne Zigaretten, abgesondert von alten Kontakten. In zwei Wohngruppen versorgen sie sich selbst durch eigene Arbeit: Sie bauen Gemüse an, halten Hühner und Schafe, stellen Marmelade und Saft her, kochen, waschen und bügeln. Auch Kunsthandwerk entsteht, das auf den umliegenden Märkten zum Kauf angeboten wird.

Rekuperation - zu deutsch: Befreiung von Abhängigkeit - ist das Ziel des Aufenthalts in der Fazenda da Esperanza. Es geht dabei jedoch nicht nur um die Befreiung von etwas, nämlich von körperlicher Abhängigkeit, sondern auch um die Befreiung zu etwas, zu einem sinnerfüllten und perspektivenreichen Leben. Geistige Inspiration erfahren die Bewohner der Fazenda beim morgendlichen Gebetstreffen. Jeder sucht sich eine Bibelstelle aus und versucht, sein Leben in den kommenden Stunden daran auszurichten. Das ist nicht immer leicht, erzählt Yvonne:

Yvonne: "Ja erst hab ich natürlich gedacht, was reden die da überhaupt von Gott und Jesus. Das war für mich unfassbar. Ich hab auch nie mit gebetet. Weil ja, ich fand das einfach doof, dass man so Gott da anfängt anzubeten, weil, man spricht's ja auch laut und so... Aber nach einer Zeit, so nach zwei Monaten, hat sich das so richtig in mir getan. Ich hab erst da so reingeschnuppert gehabt, kann man sagen. Ich hab das alles ein bisschen so beobachtet und so und nach einer Zeit hat sich das wilde Tier in mir dann auch gebändigt und ich hab dann auch irgendwann angefangen mitzumachen, mitzubeten ... "

Auch Teresa musste anfangs schlucken, wenn es galt, die Bibel zur Hand zu nehmen und nach einem Wort für den Tag zu suchen.

Teresa: "Es ist jeden Tag eine neue Herausforderung, das Wort zu leben und überhaupt ein Wort zu finden, das ist auch jeden Tag eine neue Herausforderung, weil (...) ich hab mich vorher nie so intensiv mit der Bibel beschäftigt und dann gleich so, dass man eine Diskussionsrunde schon in der Früh startet über einen bestimmten Bibeltext, das sowieso nicht. Und das ist schon sehr tief greifend, das zu versuchen zu leben und meistens hat es damit zu tun, dass man's in Bezug auf andere Menschen anwenden kann. Gerade wenn man so wie wir 24 Stunden aufeinander sitzt..."

Das anfängliche Unverständnis und Sträuben gegen die Beschäftigung mit einem biblischen Gedanken gehört zu den Alltagserfahrungen auf der Fazenda. Matthias Fenski, der als Pfarrer die Arbeit auf der Fazenda begleitet, erläutert den Sinn der täglichen biblischen Orientierung:

"Ich nehme mir ein Tagesmotto und dadurch bekommt mein Leben und mein Tagesablauf einen Sinn, weil ich es in Verbindung mit Jesus bringe oder, wenn ich nicht an Gott glaube oder eine andere Religion als die christliche habe, kann ich zumindest da einen Impuls bekommen, weil das etwas ist, woran sich jeder festhalten kann, auch wenn er eben gerade von der Straße kommt und noch nie eine Kirche von innen gesehen hat, mit so einem kurzen Satz kann man sich auseinander setzen und wenn man sich mit anderen darüber austauscht, am Anfang macht man vielleicht noch keine Erfahrungen mit diesem Satz, aber nach einer Woche oder nach ein paar Wochen beginnt man was damit anzufangen und es kann einen verändern und das ist eine sehr wirkungsvolle Sache."

Freiwerden von der Droge bedeutet vor allem Freiwerden von dem, was zur Abhängigkeit geführt hat. Missglückte menschliche Beziehungen spielen da eine große Rolle. Viele Frauen und Männer, die den Drogenhof aufsuchen, haben in ihrem Leben wenig Liebe erfahren. Ihnen fehlt das Erlebnis einer tragenden menschlichen Gemeinschaft, angefangen bei der eigenen Familie, sagt Julia Cortez, die Hofleiterin:

"Zuhaus hat man nur Geld bekommen von Eltern, weil die keine Liebe geben konnten und dann immer auf dem Tisch dieses Geld. Schau mal hier für dich, heute hast du deine 80 Euro oder heute hast du deine 50 Euro. Und hier, wir haben kein Geld, wir können gar nichts, also materiell geben, aber unsere Aufmerksamkeit, wir können zusammen da sein und wenn einer eine Krise hat, genau in dem Moment (...) sind wir da, nicht einfach so, ja du bist immer so, geh mal weg, nee, (...) das können wir nicht machen, genau in dem Moment sollen wir da sein für die Mädels. (...) Das ist für mich (...) hier Familie sein. Einer für die andere da sein..."

Mit den eigenen Abgründen und Schwächen konfrontiert sein, um auch die schönen Seiten und den Kern der eigenen Person zu finden. Das ist harte Arbeit. Für Yvonne wurde ein berühmtes Bibelwort zum Leitmotiv für ihr neues Leben:

"Was mir ein ganz wichtiges Evangelium war. Da heißt das: (...) alter Wein, dass man den nicht durch neue Weinschläuche fließen lassen kann, weil er dann nicht schmeckt oder auf ein Kleid, ein neues Kleid kein altes Stück Stoff drauf nähen kann. Und für mich bleibt es so, dass man, wenn man neu anfängt, dass man alles Alte auch lassen muss. Man kann nicht irgendwie irgendwas festhalten, wo einen zurückerinnert, wo einen zurückholt, nein, weil wenn du neu anfängst, muss es komplett sein mit allem Drum und Dran."

Weltweit haben die Franziskaner bereits mehrere Dutzend Fazendas da Esperanza gegründet. Man findet sie in Brasilien, in Paraguay, Mexiko oder auf den Philippinen. Sie sind Anlaufstellen für eine immer größer werdende Zahl von Straßenkindern, die aus Familie oder Schule herausgefallen sind oder nie eine Chance hatten zu Ausbildung und Beruf. Auch in der reichen Bundesrepublik gibt es Bedarf für derartige Einrichtungen. Neben der Fazenda bei Berlin steht eine weitere Gründung im Oberallgäu unmittelbar bevor. Pater Hans Stapel, deutschsprachiger Franziskaner in Brasilien, gehört zu den Initiatoren der weltweiten Idee:

"Die Facendas sind eigentlich entstanden aus der Notwendigkeit heraus, den Jugendlichen zu helfen, die abhängig geworden sind in Droge, Alkohol und so vielen anderen Abhängigkeiten. Ich habe einfach gesehen: sie kommen alleine nicht raus. Ich hab auch festgestellt, dass viele andere Therapien zum Teil ein bisschen schwierig waren für sie, denn das Problem ist nicht nur die Droge, sondern an der Wurzel, warum nehmen sie die Droge. Und in vielen Gesprächen und Kontakten - Nächte hab ich zugehört - habe ich festgestellt: im Grunde ist ein Problem: Sie haben es nicht gelernt, radikal in der Liebe zu wachsen."

"Alles, was ihr von anderen erwartet, das tut auch ihnen" - dieser Satz aus dem Evangelium gehört zu den Tageslosungen, über die häufig nachgedacht wird, wenn man abends auf Gut Neuhof in den Wohngruppen zusammenkommt, um den Tag noch einmal zu überdenken. Pater Hans ist beeindruckt von der Energie, die seine Schützlinge aufbringen, um ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen:

"Sie suchen etwas, und deshalb sind die Drogensüchtigen Menschen, die ehrlich sind, denn sie suchen. Sie geben sich nicht zufrieden mit etwas Falschem. Und irgendwann kommen sie dann auf die Facendas und - Gott sei Dank - viele finden hier das neue Leben, werden neue Menschen - das ist schön: ich komme durch die ganze Welt: überall treffe ich sie, die, die es schon geschafft haben, und sehe, was sie auch an Positivem weitergeben. Es sind ja nicht nur sie, die neue Menschen werden, ihre ganze Familie: heute morgen, eine Mutter hat uns ihre Erfahrung erzählt, wie auch sie ihren Mann neu verstehen gelernt hat und wie sie neue Beziehungen mit der Tochter und dem Sohn und der ganzen Familie auch wieder 'ne neue Hoffnung, sagt sie, 'nen neuen Glauben und neue Freude."

Dass Gut Neuhof aus bescheidenen Anfängen nach mittlerweile achtjährigem Bestehen ein Erfolg wurde, ist nicht zuletzt dem Einsatz des katholischen Berliner Pfarrers Georg Schlütter zu verdanken. Als langjähriger Gemeindeleiter in Berlin-Kreuzberg musste er reichlich Erfahrung mit Drogensüchtigen und Aussteigern aller Art machen:

Pfarrer Georg Schlütter: "Angefangen hat es damit, dass ich in Brasilien von einem Freund aufmerksam gemacht wurde, ich sollte mal nach Sao Paulo fahren und dort auf die Facenda gehen und mir diese Arbeit angucken."

Bei dieser Gelegenheit traf er dort mit der damaligen Familienministerin Claudia Nolte zusammen, die sich vor Ort über Projekte für Straßenkinder informierte:

"....und die hat mich dann gebeten und hat gesagt: können sie das nicht nach Deutschland holen - ich helfe ihnen durch eine Anschubfinanzierung."

Schließlich fand sich durch einen Zufall der abgelegene alte Gutshof in der Nähe von Nauen - allerdings: das Gemäuer war in einem beklagenswerten Zustand, erinnert sich Pfarrer Schlütter:

"Das war eine einzige Müllhalde mit den zerfallenen Gebäuden da drin. Und mir ging es nicht so, dass ich sofort die Ärmel hochgekrempelt habe und was machen wollte, sondern dass ich die Ärmel runtergetan habe und dachte, hier musst du dir ne warme Jacke anziehen gegen die Kälte, die dich hier ankriecht und bin aber nach Hause gefahren und hab in Brasilien angerufen, den Frei Hans. Und Frei Hans sagte dann sofort am Telefon: das ist eigentlich ideal, wenn ihr so ein Grundstück gefunden habt, denn jungen Leuten darf man nichts Fertiges vorsetzen."

Für Patrick geht die Zeit auf Gut Neuhof in diesen Wochen zu Ende. Für die Zukunft hat er große Pläne:

"Ich mache erst mal nach Hause - Urlaub 14 Tage, und dann - ich habe einen Wunsch - ich möchte nach Afrika, den Kindern helfen, die dort sind, am besten nach Ostafrika, ja und dann wird ich mal sehen, wo ich gebraucht werde."

Für Leidensgenossen hat Patrick folgenden Ratschlag bereit:

"Wenn man drogenabhängig ist oder - egal -den Sinn des Lebens nicht finden tut, und man weiß nich, was is, dann kommt man am besten her, man guckt sich das an, und man kann auch eine Woche oder 14 Tage leben, indem man sich anmelden tut hier, und mit der Gemeinschaft leben, auf jeden Fall ist es empfehlenswert, herzukommen und sich das anzugucken..."

Teresa ist überzeugt, dass schon wenige Monate auf der Facenda ihre Persönlichkeit verändert haben. Sie hat eine entscheidende Entdeckung gemacht:

"Ich hab vorher gedacht, die Freiheit finde ich draußen, aber irgendwie merke ich immer mehr, dass die Freiheit innen in meinem Herzen liegt, also und in meinem Glauben, den ich hier hoffentlich noch ganz finden werde. Und draußen wird einem viel über Freiheit vorgegaukelt, aber irgendwie habe ich das Gefühl, hier immer mehr meine Freiheit zu finden, also mich wirklich hier frei zu fühlen und dann auch als freier Mensch hier raus zu gehen."

Und Jana fasst ihre Erfahrungen auf Gut Neuhof so zusammen:

"Der Anfang war ziemlich schwer, aber dann ist das so familiär halt, man verbringt den ganzen Tag zusammen und dann entstehen halt auch Freundschaften und so weiter und das zieht eben dann einen auch hoch - und der Glaube halt."

Hinweis:
Die redaktionelle und inhaltliche Verantwortung für diesen Beitrag liegt bei Pfarrer Lutz Nehk, katholischer Senderbeauftragter Deutschlandradio Kultur.