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Mahlzeit / Archiv | Beitrag vom 07.04.2007

Faule Eier - faule Tricks

Seit einigen Jahren überschwemmen imitierte Eier den chinesischen Markt. Dieses Kunst-Ei für höchste Ansprüche sieht täuschend echt aus, es lässt sich auch aufschlagen und braten wie ein Spiegelei, auch wenn’s vielleicht ein wenig ausdruckslos schmeckt. Es handelt sich ganz ernsthaft um künstliche Eier in künstlicher Schale. Dank der niedrigen chinesischen Lohnkosten sind diese "Gelege" auch noch billiger als die eines echten Huhns, das zweifelsohne erst einmal satt werden muss, um Eier legen zu können.

Wie soll das funktionieren?
Man nehme:
Natriumalginat plus Wasser und rühre 1,5 Stunden, bis die Masse zu erstarren beginnt; gebe Gelatine hinzu, rühre erneut und warte zehn Stunden, bis alle Luftblasen entwichen sind.
Nun mische man Alaun, Natriumbenzoat, Glucono-delta-Lacton, Carboxymethylcellulose, Calciumcarbid und Lysin in die Masse. Dieses "Eiweiß" fülle man in eine Plastikform.
Einen walnussgroßen Teil der Masse färbe man mit Canthaxanthin dottergelb und erzeuge durch Behandlung mit Calciumchlorid eine "Haut". Solcherart stabilisiert, lasse man sie in die Eiweißform gleiten, überschichte das Ganze mit dem verbliebenen Eiweiß und stabilisiere es durch eine weitere Behandlung mit Calciumchlorid, damit das Kunst-Ei seine Form behält.
Schließlich umhülle man das "Ei" mit einer "Schale" aus einer Mischung aus geschmolzenem Paraffin mit Gips und lasse alles gut abkühlen und trocknen.
Zu diesem Zweck gibt es Wochenendkurse für die stolze Summe von 600 US-Dollar, in denen man die erforderlichen Utensilien wie zum Beispiel Förmchen sowie das nötige Knowhow erhält, um in Heimarbeit Eier legen zu können.

Und warum glauben Sie so einen Mist, Herr Pollmer? Der erste April ist doch schon rum.
Das Ganze findet sich beispielsweise in der Fachpresse, die sich auf zahlreiche Berichte in der chinesischen Tagespresse beruft. Darin sind auch die Zutaten genannt und samt den erforderlichen Werkzeugen abgebildet. Ich habe mir den Spaß gemacht und die Zeitungen im Internet auf das entsprechende Bildmaterial durchgesehen. Inzwischen erscheinen die ersten Klagen über die nachgemachten Eier aus China in den Tageszeitungen südlicher Nachbarstaaten. Dort habe man sie auf den Märkten entdeckt. Insider sprechen längst nicht mehr von "Heimarbeit", sondern von einer "Industrie".

Abgesehen davon: Diese Produkte sind bei uns schon viel länger bekannt. Bereits um 1900 hat es in den USA eine maschinelle Eier-Produktion gegeben, über die die lebensmittelchemische Fachpresse berichtete: Damals "kamen aus Amerika einige nachgemachte Eier herüber, wahrhafte Kunstwerke der Fälschungstechnik, bei denen Eiweiß, Dotter und Schale maschinell hergestellt waren, der aus pflanzlichen Eiweißstoffen bestehende Inhalt beim Erhitzen wirklich gerann, kurz die Täuschung vollkommen war!" Doch sollen sich die Eier nicht "rentiert" haben, der Transport war wohl zu teuer.

Aber bitteschön – Sie werden uns doch nicht weismachen, dass solche Eier auch bei uns auf den Markt kommen?
Naja. Als komplettes Ei natürlich nicht, das würde dem einen oder anderen schon noch auffallen. Wenn Sie sie zum Beispiel für österliche Gebräuche einfärben, dann ist Schale etwas brüchiger als beim traditionellen Legeprodukt. Aber China exportiert jede Menge Eiprodukte, egal ob Volleipulver, Eigelbpulver oder Eiweißpulver nach Europa. Dieses wird in großem Stil zur Weiterverarbeitung verwendet. Es ist nicht einfach an einem Lieferschein zu erkennen, welche Art von "Ei" zur Verarbeitung gelangt ist. Die künstlichen Eier sind jedenfalls deutlich billiger, und unsere Einkäufer lassen bekanntlich nichts unversucht, um den Lieferanten noch schnell ein paar Cent runterzuhandeln.

Ist das riskant?
Wenn das stimmt, was unsere selbsternannten Ernährungsmediziner glauben verbreiten zu müssen, dann sind sie sicherlich viel gesünder als echte Eier vom lebenden Huhn. Denn die "faulen" Eier – ganz gleich woher, versprechen den viel besungenen Genuss ohne Reue. Millionen Menschen fürchten sich bei jedem Bissen vor tierischen Fetten, Cholesterin und Vogelgrippe. Diese Eier sind völlig frei davon – und damit ein Musterbeispiel für Functional Food. Keine Salmonellen, kein Cholesterin und kaum Kalorien: Der Wunsch nach einem gesunden Leben nach den Vorgaben unserer amtlichen Ernährungsvorbeter ist den chinesischen Food-Designern auf überzeugende Art gelungen. Hier schließt sich der Kreis von Verfälschung, Ernährungsängsten und technischem Fortschritt.

Quellen:
Pollmer U, Niehaus M: Food Design: Panschen erlaubt. Hirzel-Verlag, Stuttgart 2007
ATY Lee: Faked eggs: the worlds most unbelievable invention. International Journal of Toxicology 2005/2, e1

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