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Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 28.09.2010

Fataler Besuch auf dem Tempelberg

Vor zehn Jahren wurde die zweite Intifada ausgelöst

Von Matthias Bertsch

Blick auf den Tempelberg in Jerusalem.  (AP Archiv)
Blick auf den Tempelberg in Jerusalem. (AP Archiv)

Als der israelische Oppositionsführer Ariel Scharon am 28. September 2000 den Tempelberg in Jerusalem besuchte, machte er damit den Anspruch Israels auf das gesamte Stadtgebiet deutlich. Das führte letztendlich zu einem blutigen Konflikt: der zweiten Intifada.

"Ich bin gekommen mit einer Botschaft des Friedens. Ich glaube, wir können mit den Palästinensern zusammenleben. Ich kam hier an den heiligsten Ort des jüdischen Volkes um zu sehen, was hier los ist und wie es weitergeht, aber nicht als Provokation."

Als der damalige israelische Oppositionsführer Ariel Scharon am 28. September 2000 unter dem Schutz zahlloser Sicherheitskräfte den arabisch verwalteten Tempelberg in der Jerusalemer Altstadt besuchte, wusste er genau, was er tat, betont der Direktor der Stiftung Wissenschaft und Politik, Volker Perthes.

"Scharon wollte damit zeigen, dass Jerusalem israelisch bleibt und nicht nur Jerusalem, der säkulare Teil der Stadt, sondern eben auch die heiligen Stätten des Islam israelisch bleiben. Das war eine Provokation und sie hat genau das erzielt, was sie vielleicht auch erzielen sollte, nämlich den Zorn auf der anderen Seite, bei den Palästinensern zu erhöhen."

In die zornigen Proteste gegen den Besuch Scharons mischte sich die Enttäuschung über den Gipfel von Camp David. Im Juli 2000 hatten der israelische Ministerpräsident Ehud Barak und Palästinenserführer Jassir Arafat zwei Wochen lang unter Beteiligung von US-Präsident Bill Clinton über eine Lösung des Nahostkonfliktes verhandelt. Wer für das Scheitern verantwortlich war, ist bis heute umstritten. Tatsache ist, dass der von den Palästinensern erhoffte eigene Staat wieder in weite Ferne gerückt war. Überraschender als die Proteste in den besetzten Gebieten waren für viele Israelis die Proteste der israelischen Araber, die sich an zahlreichen Orten innerhalb Israels mit den Palästinensern solidarisierten.

"Das ist nicht zuletzt dadurch verstärkt worden, dass in den allerersten Tagen der zweiten Intifada die israelische Polizei auch in eine Demonstration israelischer Araber hineingeschossen hat, und in den ersten Tagen 13 arabisch-israelische Staatsbürger zu Tode gekommen sind. Dies hat vielen israelischen Arabern das Gefühl gegeben, dass sie letztlich weniger israelische Staatsbürger als in erster Linie Palästinenser wie ihre Brüder und Schwestern in der Westbank und dem Gazastreifen sind."

Im Unterschied zur ersten Intifada, die im Dezember 1987 begonnen hatte und mit dem Friedensabkommen von Oslo zu Ende gegangen war, zeichnete sich die zweite Intifada durch ihr deutlich höheres Maß an Gewalt aus. Durch palästinensische Selbstmordattentate und israelische Vergeltungsaktionen wurden mehr als 1000 Israelis und über 3000 Palästinenser getötet.

"Die zweite Intifada war bald keine Intifada - also kein Aufstand - mehr, sondern ein Krieg zwischen der palästinensischen Autorität, irregulären Organisationen auf palästinensischer Seite, die Hamas spielte plötzlich eine Rolle im Aufstand, eine gewaltsame Rolle in diesem Aufstand, und natürlich der israelischen Armee auf der anderen Seite."

Da er sie nicht aufhalten konnte, versuchte Palästinenserpräsident Jassir Arafat, sich an die Spitze der zweiten Intifada zu stellen. Doch in seiner Partei, der Fatah, war längst ein anderer zur zentralen Figur des Aufstandes geworden: der heute 51-jährige Marwan Barghouti, der seit acht Jahren in Israel im Gefängnis sitzt.

"Noch nie war das palästinensische Volk so vereint wie jetzt. Alle politischen Strömungen sind jetzt vereint in dieser Intifada, auch der islamische Jihad, die Hamas und Fatah, und zusammen lenken sie die Intifada."

Auf israelischer Seite war Ariel Scharon der Nutznießer der zweiten Intifada. Er wurde vier Monate nach Beginn des Aufstandes zum neuen Ministerpräsidenten gewählt – vor allem wegen seiner kompromisslosen Haltung gegenüber den Palästinensern.

"Ich werde Jerusalem behalten, ich werde das Jordantal behalten, und ich werde keine palästinensischen Flüchtlinge nach Israel lassen. Ich werde auch den Golan und den Negev behalten."

Offiziell beendet wurde die zweite Intifada im Februar 2005 durch einen Waffenstillstand zwischen Scharon und dem Nachfolger Arafats, Mahmud Abbas. Doch sie könnte jederzeit wieder aufbrechen, denn der Grundkonflikt, wer auf dem Gebiet zwischen Mittelmeer und Jordan das Sagen hat, ist nach wie vor nicht gelöst.

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