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Profil / Archiv | Beitrag vom 21.07.2008

Faszination Gebäude

Künstlerin Susanne Schuricht im Porträt

Von Judith Kochendörfer

Um die individuelle Wahrnehmung geht es Susanne Schuricht mit dem "Double Room" (Michael Reitz)
Um die individuelle Wahrnehmung geht es Susanne Schuricht mit dem "Double Room" (Michael Reitz)

"Double Room", "doppelter Raum" heißt ein Objekt der Installationskünstlerin Susanne Schuricht. Es ist eine Art weißer Kubus mit verschiebbaren Türen, der letztes Jahr im Berliner Tiergarten stand, und im Oktober nach Melbourne verschifft wird, zum dortigen "Screens"-Festival. Neben Installationen werden von Susanne Schuricht auch Fotografien ausgestellt und publiziert.

"Jetzt musst du mal ausprobieren, dich vielleicht einfach hinzulegen und alles zu verschieben... Es ist groß genug, dass du in der Hocke oben rankommst. Du kannst eben nicht durchrennen. Dadurch pausierst du eher."

Der "Double Room" ist ein liegender Quader, weiß, mit Schiebetüren an Decke und Seiten, etwa anderthalb Meter hoch und zweieinhalb Meter breit. Er steht vorzugsweise auf öffentlichen Plätzen oder in Galerien. Augenblicklich aber hat er seinen Platz in Susanne Schurichts Berliner Studio gefunden.

"Wenn es draußen ist, schaut man in die Umgebung. Und wenn es drinnen ist, kannst du trotzdem die Umgebung, das was da ist, auch in Ausschnitten wahrnehmen, und vor allem die anderen Leute, und die Interaktion wird dann noch viel stärker zwischen den Leuten."

Um die individuelle Wahrnehmung geht es Susanne Schuricht mit dem "Double Room". Um die Bilder, die jeder selbst entstehen lassen kann, indem er in den Kubus hinein und aus ihm herausschaut, indem er die Türen verschiebt und so ganz neue Ausschnitte von der "Welt da draußen" präsentiert bekommt.

"Ich wollte eigentlich nie Künstler werden. Ich hatte immer viel zu viel Respekt davor."

Susanne Schuricht redet gern und lacht viel. Sie ist Mitte 30, hat kinnlange blonde Haare und trägt Jeans und weißen Pullover, obwohl es sommerlich warm ist, aber wenn man drinnen ist, wird einem schnell kühl, meint sie. Wir trinken French Soda, Mineralwasser mit Johannisbeersirup. Wir hören Musik, die sie als sehr "räumlich" bezeichnet, Steve Reich oder "Art of Noise".

Studiert hat Susanne Schuricht Industriedesign und experimentelle Mediengestaltung an der Universität der Künste in Berlin. Davor machte sie eine Ausbildung zur Gemälderestauratorin.

"Ich wollte lieber etwas erhalten, das schon vorhanden ist, als etwas hineingeben in die Welt. Tatsächlich ist meine Natur aber eher Letzteres. Deswegen hat sich das irgendwann durchgesetzt."

Susanne Schuricht hatte einen Dirigenten als Urgroßvater, aber die direkte Familie ist nicht in künstlerischen Berufen tätig. Der Vater war Lehrer und Germanist, die Mutter Krankenschwester. Geboren ist Susanne Schuricht noch in Deutschland, aber gleich danach ging es für sieben Jahre in die Türkei, nach Istanbul und Ankara, wo die jüngere Schwester zur Welt kam.

"Wir sind sehr viel gereist durch die anliegenden Länder wie Jordanien, Syrien usf. Und in all diesen islamischen Ländern hat man diese arabische Architektur, die nur Spalten als Fenster haben, weil es dort so heiß ist, oder die eine Zwischensituation zwischen innen und außen haben. Ähnlich wie in Japan kann man Fenster verschieben, hat Gitter, der Übergang zwischen außen und innen ist so gestaffelt. Diese Situation - das Thema innen – außen hat mich stark beeinflusst."

In Japan war Susanne Schuricht für eine Studienreise, und was sie dort ebenso wie im Nahen Osten faszinierte, waren die Gebäude. Offene, veränderbare Räume mit beweglichen Wänden, die die verschiedensten Lichteinfälle möglich machen. Nach einem ähnlichen Konzept funktioniert der "Double Room".

Wovon Susanne Schuricht am besten leben kann, sind allerdings nicht so sehr die Installationen, sondern der Verkauf ihrer Fotos. Dubai, Tokio, Berlin. Straßenzüge, Wolkenkratzer, künstlich kreierte Stadtteile, Baustellen. Nie verfremdet, kaum nachbearbeitet, und doch wirken sie surreal, bestehen fast nur aus Farbflächen oder Lichtkugeln, und am unteren Bildrand entdeckt man manchmal ein Straßenschild oder einen Trupp Bauarbeiter bei der Arbeit.

"Obwohl es so schön ist und ästhetisch aussieht, zeigt es die verstärkte Realität, dass die dort Tag und Nacht arbeiten, und wer arbeitet dort Tag und Nacht? Die Ärmsten der Ärmsten. Das hat immer so was bühnenhaftes, die Bilder, du denkst, das ist irreal, aber grade das ist eben real, wie wir unsere Welt schaffen als Bühne, wenn man das so betrachtet."

Auch der "Double Room" ist eine Art Bühne für die Benutzer: Mit den Schiebetüren rahmen sie die Welt ein und werden gleichzeitig selbst eingerahmt. Es gibt Fotos aus dem Raum heraus, in den Raum hinein, und Videoinstallationen. Erst durch die Art, wie das Objekt benutzt wird, und wie der Betrachter damit seine Sichtweisen kennenlernen und erweitern kann, ist das Kunstwerk vollständig.

"Sobald man sich seiner selbst und seiner Umgebung mehr bewusst wird, wird man ein aktiver Teilnehmer, ein aktiver Sehender. Und sehen ist für mich Erkenntnis, und insofern langfristig kann es das Denken verändern. Insofern glaube ich, dass Kunst ihren Beitrag gibt. Langfristig kann sie ein Stück weit Einfluss nehmen."

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