Freitag, 29. August 2014MESZ18:10 Uhr

Lesart

Erster WeltkriegPoesie aus dem Schützengraben
Eine ältere Frau blättert in einem Notizbuch - ihre Hände sind zu sehen.

Ungezählte Gedichte sind während des Ersten Weltkriegs entstanden, allein eine Million sollen im August 1914 entstanden sein. Einige, die den Krieg überstanden, haben Lisbeth Exner und Herbert Kapfer nun zu einer Collage zusammengefügt. Mehr

OriginaltonLesen und Überarbeiten
Aufgenommen am 21.07.2013 in Münster-Altheim.

Kleine Formen erproben und mit den Möglichkeiten des Radios spielen: "Originalton" heißt ein täglicher Bestandteil unserer Sendung "Lesart" - kurze Texte, um die wir Schriftsteller bitten. In dieser Woche befasst sich Bodo Morshäuser mit dem "Kerngeschäft" eines Autors.Mehr

Rapper CroWovon der Panda träumt
Panda-Rapper CRO tritt auf der Seebühne in Bregenz, Vorarlberg in Österreich, vor Tausenden von Zuschauern auf, Juni 2014.

Der 24-jährige Sänger Cro - mit bürgerlichem Namen Carlo Waibel - gilt als einer der erfolgreichsten deutschen Popmusiker. Doch was geht in diesem Kopf vor, der sich auf Konzerten immer hinter einer Pandamaske versteckt?Mehr

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Buchkritik

Wiener KongressMächtige Frauen im Hintergrund
Der österreichische Staatsmann versuchte durch Kongreßdiplomatie, die vorrevolutionäre politische und soziale Ordnung in Europa wiederherzustellen. Er bekämpfte alle liberalen und revolutionären Bewegungen. Klemens Wenzel Fürst von Metternich wurde am 15. Mai 1773 in Koblenz geboren und ist am 11. Juni 1859 in Wien gestorben. Die zeitgenössische Darstellung zeigt stehend (l-r): Wellington, Lobo da Silveira, Saldanha da Gama, Löwenhjelm, Noailles, Metternich, La Tour du Pin, Nesselrode, Dalberg, Rasumofsky, Stewart, Clancarty, Wacken, Gentz, Humbold, Cathcart sowie sitzend (l-r): Hardenberg, Palmella, Castlereagh, Wessenberg, Labrador, Talleyrand und Stackelberg.

Prunkvolle Empfänge, exklusive Soiréen, informelle Gespräche. Die Kulturwissenschaftlerin Hazel Rosenstrauch stellt spannend und detailliert dar, wie gebildete und kluge Frauen vor 200 Jahren den Wiener Kongress beeinflussten.Mehr

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Lesart / Archiv | Beitrag vom 19.08.2012

Faszination des Islams

Volker Koop: "Hitlers Muslime" und Gilbert Achcar: "Die Araber und der Holocaust"

Rezensiert von Matthias Küntzel

Blick auf Kairo
Blick auf Kairo (picture alliance / dpa / Arved Gintenreiter)

Hitler hielt die Araber für rassisch minderwertig - aber nur so lange, wie er nicht auf ihre Unterstützung beim Genozid an den europäischen Juden angewiesen war. Gilbert Achcar und Volker Koop untersuchen das Verhältnis von Nazis und Arabern und deren Verhältnis zum Holocaust.

Volker Koops neues Buch handelt von der Faszination, die der Islam auf die NS-Führung ausübte, und von den muslimischen Militäreinheiten, die im Dienste der Nazis kämpften. Der Autor schildert die Vorgeschichte jener Rekrutierungen und dokumentiert den kurios anmutenden Eifer der Nazis, die muslimischen Soldaten in ihrer Glaubenspraxis zu bestärken.

Cover "Volker Koop: Hitlers Muslime"Cover "Volker Koop: Hitlers Muslime" (be.bra Verlag)Koops Buch ist verdienstvoll, weil es einen zu wenig beachteten Aspekt der NS-Geschichte vertieft. Seine Lektüre ist jedoch sperrig, da der Autor auf übergeordnete Fragestellungen verzichtet und umfangreiche Zitate aneinander reiht. "Dies mag den sogenannten Lesefluss bisweilen beeinträchtigen", räumt Koop in seinem Nachwort ein. In der Tat! Wie aber hielten und halten es Muslime mit den Nazis? Hierüber berichtet Gilbert Achcar in seinem Buch "Die Araber und der Holocaust".

Der erste Teil seiner voluminösen, mit 1.000 Anmerkungen versehenen Studie trägt den Titel "Die Zeit der Shoah". Hier untersucht der Autor, wie die unterschiedlichen arabischen Strömungen zwischen 1933 und 1947 auf den Nationalsozialismus und dessen Antisemitismus reagierten.

Wir lesen, dass die "westlich orientierten" Araber und die Strömung der "Marxisten" die Nazis verabscheuten. Wir erfahren, dass sich arabische "Nationalisten" häufig antisemitisch artikulierten, während sich die damals entstehende Bewegung der "Panislamisten" mit dem Antisemitismus identifizierte. So nutzte, Achcar zufolge, der seit 1941 in Berlin lebende Großmufti von Jerusalem, Amin el-Husseini …

"… in seinen Radioreden seine religiöse Autorität, um die angebliche Übereinstimmung von islamischem und nationalsozialistischem Umgang mit der Judenfrage zu unterstreichen. Dieser auf einem extrem tendenziösen, hochselektiven Gebrauch islamischer Texte beruhende Diskurs deckt sich, bis hin zu Husseins Lob der ,Endlösung‘, völlig mit dem Antisemitismus der Nazis."

Cover "Gilbert Achcar: Die Araber und der Holocaust"Cover "Gilbert Achcar: Die Araber und der Holocaust" (Nautilus Verlag)Im zweiten Teil des Buches geht es um die arabischen Positionen gegenüber den Juden und dem Holocaust von 1948 bis heute. Achcar konstatiert zutreffend, dass gegenwärtig an die Stelle der früheren Losungen der PLO …

"… die Parolen der fundamentalistischen islamischen Bewegung getreten [sind]. Zugleich hat der Antisemitismus in seiner traditionellen ebenso wie in seiner islamisierten Variante wie auch die damit einhergehende Holocaust-Leugnung enorm zugenommen."

Achcar hat diesen zweiten Teil - in Anlehnung an den Titel des ersten Teils "Die Zeit der Shoah" - mit "Die Zeit der Nakba" überschrieben und damit eine durchaus problematische Symmetrie von jüdischer und palästinensischer Tragödie postuliert; eine Symmetrie, die sein Buch durchzieht. Er bezeichnet Holocaust und Nakba als die "beiden Gesichter des Janus", spricht von "der Erfahrung zweier Verfolgungsgeschichten" und hebt "die direkte Beziehung" zwischen beiden Tragödien hervor.

Von solch "direkter Beziehung" kann aber nur sprechen, wer – wie der Autor! – den Krieg ausblendet, den die arabische Seite vom Zaume brach, um die im November 1947 von den Vereinten Nationen beschlossene "Zwei-Staatenlösung" für Palästina zu verhindern. Dass es im Verlaufe dieses Krieges auch auf jüdischer Seite zu Verbrechen kam, ändert nichts an der Tatsache, dass die Nakba – die "Katastrophe" der Palästinenser – keine Folge des Holocaust, sondern das Resultat dieses unnötigen und verlorenen Krieges war.

Gewiss, auch Achcar betont, dass sich Holocaust und Nakba "nicht völlig entsprechen." Was aber ist mit "nicht völlig" gemeint? War denn der Holocaust die Folge eines Überfalls, bei dem mehrere jüdische Armeen Deutschland auszulöschen suchten? Natürlich nicht. Der Holocaust war auch kein Vernichtungskrieg, er war gar kein Krieg – es war ein Massenmord an wehrlosen, nackten Zivilisten.

Man kann zwischen der Shoah und den Kriegsereignissen von 1948 in Palästina einfach keine Symmetrie herstellen, ohne den Holocaust zu instrumentalisieren und dessen tatsächliche Dimension zu entstellen. Der Autor legt aber auch bei einem anderen Thema – der arabischen Holocaustleugnung – eine befremdliche Parteinahme an den Tag, etwa wenn er fragt:

"Sind alle Formen der Holocaust-Leugnung gleich zu bewerten? Sollte nicht unterschieden werden, ob eine solche Leugnung von Unterdrückern ausgesprochen wird oder von Unterdrückten? Unterscheidet man nicht auch den Rassismus herrschender Weißer von dem beherrschter Schwarzer?"

Während der Autor also dafür eintritt, dem Antisemitismus der "Unterdrückten" mit Verständnis zu begegnen, findet Israel – laut Achcar "der einzige Staat der Welt, der drei Formen kolonialer Unterdrückung miteinander verbindet" – bei ihm kein Pardon. Mit so viel Einseitigkeit wird er bei eingefleischten Antizionisten Beifall erzeugen - die aufgeklärte Öffentlichkeit überzeugt er damit nicht.

"Schade!", kann man in der Bilanz nur sagen. Hier haben die Parolen des Agitators die Nuancen des Analytikers, die den ersten Teil dieses Buches lesenswert machen, übertrumpft. Achcars Studie zeigt, wie man eine wissenschaftliche Arbeit durch Überpolitisierung vermurkst.


Volker Koop: Hitlers Muslime. Die Geschichte einer unheiligen Allianz
be.bra-Verlag, Berlin 2012
288 Seiten, 24,95 Euro

Gilbert Achcar: Die Araber und der Holocaust. Der arabisch-israelische Krieg der Geschichtsschreibungen
Nautilus-Verlag, Hamburg 2012
368 Seiten, 29,90 Euro