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Lesart / Archiv | Beitrag vom 19.08.2012

Faszination des Islams

Volker Koop: "Hitlers Muslime" und Gilbert Achcar: "Die Araber und der Holocaust"

Rezensiert von Matthias Küntzel

Blick auf Kairo
Blick auf Kairo (picture alliance / dpa / Arved Gintenreiter)

Hitler hielt die Araber für rassisch minderwertig - aber nur so lange, wie er nicht auf ihre Unterstützung beim Genozid an den europäischen Juden angewiesen war. Gilbert Achcar und Volker Koop untersuchen das Verhältnis von Nazis und Arabern und deren Verhältnis zum Holocaust.

Volker Koops neues Buch handelt von der Faszination, die der Islam auf die NS-Führung ausübte, und von den muslimischen Militäreinheiten, die im Dienste der Nazis kämpften. Der Autor schildert die Vorgeschichte jener Rekrutierungen und dokumentiert den kurios anmutenden Eifer der Nazis, die muslimischen Soldaten in ihrer Glaubenspraxis zu bestärken.

Cover "Volker Koop: Hitlers Muslime"Cover "Volker Koop: Hitlers Muslime" (be.bra Verlag)Koops Buch ist verdienstvoll, weil es einen zu wenig beachteten Aspekt der NS-Geschichte vertieft. Seine Lektüre ist jedoch sperrig, da der Autor auf übergeordnete Fragestellungen verzichtet und umfangreiche Zitate aneinander reiht. "Dies mag den sogenannten Lesefluss bisweilen beeinträchtigen", räumt Koop in seinem Nachwort ein. In der Tat! Wie aber hielten und halten es Muslime mit den Nazis? Hierüber berichtet Gilbert Achcar in seinem Buch "Die Araber und der Holocaust".

Der erste Teil seiner voluminösen, mit 1.000 Anmerkungen versehenen Studie trägt den Titel "Die Zeit der Shoah". Hier untersucht der Autor, wie die unterschiedlichen arabischen Strömungen zwischen 1933 und 1947 auf den Nationalsozialismus und dessen Antisemitismus reagierten.

Wir lesen, dass die "westlich orientierten" Araber und die Strömung der "Marxisten" die Nazis verabscheuten. Wir erfahren, dass sich arabische "Nationalisten" häufig antisemitisch artikulierten, während sich die damals entstehende Bewegung der "Panislamisten" mit dem Antisemitismus identifizierte. So nutzte, Achcar zufolge, der seit 1941 in Berlin lebende Großmufti von Jerusalem, Amin el-Husseini …

"… in seinen Radioreden seine religiöse Autorität, um die angebliche Übereinstimmung von islamischem und nationalsozialistischem Umgang mit der Judenfrage zu unterstreichen. Dieser auf einem extrem tendenziösen, hochselektiven Gebrauch islamischer Texte beruhende Diskurs deckt sich, bis hin zu Husseins Lob der ,Endlösung‘, völlig mit dem Antisemitismus der Nazis."

Cover "Gilbert Achcar: Die Araber und der Holocaust"Cover "Gilbert Achcar: Die Araber und der Holocaust" (Nautilus Verlag)Im zweiten Teil des Buches geht es um die arabischen Positionen gegenüber den Juden und dem Holocaust von 1948 bis heute. Achcar konstatiert zutreffend, dass gegenwärtig an die Stelle der früheren Losungen der PLO …

"… die Parolen der fundamentalistischen islamischen Bewegung getreten [sind]. Zugleich hat der Antisemitismus in seiner traditionellen ebenso wie in seiner islamisierten Variante wie auch die damit einhergehende Holocaust-Leugnung enorm zugenommen."

Achcar hat diesen zweiten Teil - in Anlehnung an den Titel des ersten Teils "Die Zeit der Shoah" - mit "Die Zeit der Nakba" überschrieben und damit eine durchaus problematische Symmetrie von jüdischer und palästinensischer Tragödie postuliert; eine Symmetrie, die sein Buch durchzieht. Er bezeichnet Holocaust und Nakba als die "beiden Gesichter des Janus", spricht von "der Erfahrung zweier Verfolgungsgeschichten" und hebt "die direkte Beziehung" zwischen beiden Tragödien hervor.

Von solch "direkter Beziehung" kann aber nur sprechen, wer – wie der Autor! – den Krieg ausblendet, den die arabische Seite vom Zaume brach, um die im November 1947 von den Vereinten Nationen beschlossene "Zwei-Staatenlösung" für Palästina zu verhindern. Dass es im Verlaufe dieses Krieges auch auf jüdischer Seite zu Verbrechen kam, ändert nichts an der Tatsache, dass die Nakba – die "Katastrophe" der Palästinenser – keine Folge des Holocaust, sondern das Resultat dieses unnötigen und verlorenen Krieges war.

Gewiss, auch Achcar betont, dass sich Holocaust und Nakba "nicht völlig entsprechen." Was aber ist mit "nicht völlig" gemeint? War denn der Holocaust die Folge eines Überfalls, bei dem mehrere jüdische Armeen Deutschland auszulöschen suchten? Natürlich nicht. Der Holocaust war auch kein Vernichtungskrieg, er war gar kein Krieg – es war ein Massenmord an wehrlosen, nackten Zivilisten.

Man kann zwischen der Shoah und den Kriegsereignissen von 1948 in Palästina einfach keine Symmetrie herstellen, ohne den Holocaust zu instrumentalisieren und dessen tatsächliche Dimension zu entstellen. Der Autor legt aber auch bei einem anderen Thema – der arabischen Holocaustleugnung – eine befremdliche Parteinahme an den Tag, etwa wenn er fragt:

"Sind alle Formen der Holocaust-Leugnung gleich zu bewerten? Sollte nicht unterschieden werden, ob eine solche Leugnung von Unterdrückern ausgesprochen wird oder von Unterdrückten? Unterscheidet man nicht auch den Rassismus herrschender Weißer von dem beherrschter Schwarzer?"

Während der Autor also dafür eintritt, dem Antisemitismus der "Unterdrückten" mit Verständnis zu begegnen, findet Israel – laut Achcar "der einzige Staat der Welt, der drei Formen kolonialer Unterdrückung miteinander verbindet" – bei ihm kein Pardon. Mit so viel Einseitigkeit wird er bei eingefleischten Antizionisten Beifall erzeugen - die aufgeklärte Öffentlichkeit überzeugt er damit nicht.

"Schade!", kann man in der Bilanz nur sagen. Hier haben die Parolen des Agitators die Nuancen des Analytikers, die den ersten Teil dieses Buches lesenswert machen, übertrumpft. Achcars Studie zeigt, wie man eine wissenschaftliche Arbeit durch Überpolitisierung vermurkst.


Volker Koop: Hitlers Muslime. Die Geschichte einer unheiligen Allianz
be.bra-Verlag, Berlin 2012
288 Seiten, 24,95 Euro

Gilbert Achcar: Die Araber und der Holocaust. Der arabisch-israelische Krieg der Geschichtsschreibungen
Nautilus-Verlag, Hamburg 2012
368 Seiten, 29,90 Euro