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Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 26.06.2006

Faszination der rasenden Maschinen

1906 wurde in Le Mans der erste Grand Prix von Frankreich ausgetragen

Von Martin Hartwig

Mike Hawthorn nach seinem Sieg beim 24-Stunden-Rennen von Le Mans am 12. Juni 1955. (AP Archiv)
Mike Hawthorn nach seinem Sieg beim 24-Stunden-Rennen von Le Mans am 12. Juni 1955. (AP Archiv)

Die "24 Stunden von Le Mans" sind eines der bekanntesten Autorennen der Welt. Vor 100 Jahren fand in dem kleinen Städtchen bei Paris der erste Grand Prix von Frankreich statt. Damit wurde der Motorrennsport begründet, wie er heute noch die Massen begeistert.

"Feuriger Gott aus stählernem Geschlecht,
Automobil, das fernensüchtig
geängstigt stampft, in scharfen Zähnen das Gebiss!
Japanisch-fürchterliches Untier, schmiederfeueräugig, mit Flammen und mit Ölen aufgenährt, nach Horizonten gierig und nach Sternenbeute.
Ich lasse den metallenen Zügel los und du
Stürmst trunken in befreiende Unendlichkeit."

So besang der Dichter und spätere Kulturminister des faschistischen Italien, Filippo Tommaso Marinetti, 1905 das Rennautomobil. Die Futuristen um Marinetti waren nicht die einzigen, die die Geschwindigkeit feierten. Viele Zeitgenossen waren fasziniert von den rasenden Maschinen, die seit zehn Jahren stinkend und rauchend über die Straßen donnerten. Die Pariser Zeitung "Petit Journal" hatte 1894 den Motorsport ins Leben gerufen:

"Unsere Zeitung hat sich entschlossen, diese neue revolutionäre Art der menschlichen Fortbewegung ohne Pferde mit allen Mitteln zu fördern. Zu diesem Zweck schreibt unser Blatt einen Wettbewerb aus."

Mit gut 20 Stundenkilometern war das Durchschnittstempo des Siegers der 126 Kilometer langen Wettfahrt von Paris nach Rouen allerdings noch nicht sehr beeindruckend. Die ersten Rennen dienten vor allem dazu, die Zuverlässigkeit und Alltagstauglichkeit der neuen Gefährte zu demonstrieren.

Deshalb waren die meisten Wettkämpfe Fernfahrten. Meist von Paris aus gestartet, führten sie nach Bordeaux, nach Madrid oder nach Berlin. Dabei wurden die Wagen jedoch von Jahr zu Jahr schneller.

"Ob Mercedes, ob Panhard oder Mors auf der Straße zuerst die von den Anhängern des Schnelligkeitswahns so heiß herbeigesehnten "Hundert in der Stunde" erreichen wird, das darf und muss all jenen, die in dem Automobil mehr als den "geölten Blitz" sehen, gleichgültig sein. Wir meinen, es wäre besser gewesen, wenn die Sucht einiger französischer Fabriken, sich hauptsächlich auf die Fabrikation von überschnellen Wagen zu verlegen, nicht nach Deutschland hinübergegriffen hätte","

schrieb die "Allgemeine Automobilzeitung" im April. Ihre im Kern bis heute gültige Form bekamen die Autorennen im Juni 1906 mit der ersten Austragung des Grand Prix von Frankreich. Die "Vossische Zeitung" berichtete:

""Paris 26. Juni. Das Automobilrennen um den Grand Prix des Automobilklubs de France auf der Sahrtestrecke hat heute begonnen. Das erste Fahrzeug startete um 6 Uhr früh. Das Wetter ist prächtig und der Zudrang ungeheuer."

32 Fahrer gingen auf den 103 Kilometer langen Kurs rund um das Städtchen Le Mans bei Paris. Als Favoriten galten die Wagen von Renault, Mercedes-Benz, Fiat und Itala. Der erste Grand Prix war zwar als internationales Rennen ausgeschrieben, über den genauen Rennverlauf erfuhren deutsche Rennsportanhänger allerdings wenig. Das "Berliner Tageblatt" verkündete lediglich das Ergebnis des Rennens:

"Paris, den 27. Juni Grand Prix de France. Um 12 Uhr 14 Min passierte Sißz als Erster, die letzte Runde hatte er in 1 Stunde 7 Min. 34 Sekunde zurückgelegt. Er wurde mit lebhaften Ovationen empfangen."

Ferenc Sißz, ein in Frankreich lebender Ungar, hatte das Rennen in einem Renault gewonnen. Ihm folgte mit 31 Minuten Rückstand der Italiener Felice Nazarro in einem Fiat. Die Durchschnittsgeschwindigkeit des Siegers lag bei 101 km/h, seine Höchstgeschwindigkeit bei 154 km/h.

Seinen Platz in der Geschichte des Motorsports erhielt der erste Grand Prix von Frankreich weniger durch einen spektakulären Verlauf, als dadurch, dass mit ihm die bis heute ausgetragene internationale Grand Prix Serie begründet wurde. Rundkursrennen sind seitdem der maßgebliche Austragungsmodus. Darüber hinaus war dieses Rennen der Vorläufer der seit 1923 ausgetragenen "24 Stunden von Le Mans" - bis heute eines der bedeutendsten Motorsportspektakel der Welt.

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