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Lesart / Archiv | Beitrag vom 17.03.2015

Fantasiewesen aus dem MittelalterAls Monster die Meere bewohnten

Von Günther Wessel

Ein Krakenwesen auf der Karte von Island (British Library)
Ein Krakenwesen auf der Karte von Island - ein Schmuckstück aus dem Buch. (British Library)

Das Meer galt im Mittelalter als unbeherrschbar. Autoren beschrieben bizarre Wesen, die dort leben sollten, etwa eine Mischung aus Schwein und Hund mit dornigen Stacheln. In seinem Buch präsentiert Chet van Duzer solche "Seeungeheuer und Monsterfische".

Geflügelte Seedrachen und Fische mit entsetzlichen Hauern, Wasserwesen, die Schiffe attackieren und Seeleute verschlingen, Wale so groß, dass Schiffe auf ihnen landen, und Mischungen aus Schweinen und Hunden, bewehrt mit dornigen Stacheln: All diese Fabelwesen bevölkern die Meere auf Karten aus dem Mittelalter und der Renaissance. Der amerikanische Historiker Chet van Duzer hat sich in einem sehr schön gestalteten und klugen Buch auf ihre Spur begeben.

Bilder von Ungeheuern förderten den Absatz

Was sind Seeungeheuer und woher stammen sie? Für Chet van Duzer sind es zunächst nur phantastische Tiere. Antike und mittelalterliche Autoren stritten sich jedoch ernsthaft darum, ob diese Wesen gegen die Natur entstanden seien oder als Teil des göttlichen Schöpfungsplans bizarre Zierden des Universums wären, die die Menschen vor den Gefahren des Südens warnten. Dass es sie wirklich gab, daran zweifelte niemand. Der Glaube an ihre Existenz entstand schon in der Antike. Denn Plinius der Ältere schrieb in seiner Naturgeschichte, dass jedes Landtier sein entsprechendes Gegenstück im Meer besäße. Daher sind auch bereits auf antiken Mosaiken Mischwesen zwischen Fisch und Löwe zu finden.

Jona wird von Bord zum Seeungeheuer geworfen. (British Library)Eine Szene aus dem Buch: Jona wird von Bord zum Seeungeheuer geworfen. (British Library)

Die Blütezeit der Meeresungeheuer beginnt allerdings erst im 10. Jahrhundert mit den "mappae mundi", frühen Weltkarten, und mit den ab dem 13. Jahrhundert aufkommende Portolankarten, Navigationshilfen mit Küstenlinien ohne Details des Landesinnern. All diese Karten wurden auf Bestellung handgemalt, und wenn der Auftraggeber es wollte und zahlte, wurde sie ausgeschmückt – mit Monsterfischen und Seeungeheuern. Bei den gedruckten Karten, die ab dem späten 15. Jahrhundert aufkamen, förderten die Ungeheuer den Absatz.

Die Kunstfertigkeit der Kartenzeichner

Chet van Duzer verfolgt die Geschichte einiger dieser Fabelwesen. Er stellt Stammbäume auf, weist nach, auf welchen Karten welche Monster zuerst auftauchten, wer von wem abkupferte und zeigt so Ähnlichkeiten zwischen dem Orca, einem Fisch mit Männerkopf, auf Johannes Schöners Globus von 1515 und dem Buch "Hortus sanitatis" von 1491. Oder er dokumentiert, wie sich die Darstellung eines Walrosses immer mehr der Natur annähert - auf dem ersten Bild, 1516, sieht es noch eher wie ein Elefant mit Flossen aus. Das alles zeigt der Autor mit reichlich und gut ausgesuchtem Bildmaterial in hervorragender Druckqualität.

Die Darstellung der Seeungeheuer hatte - laut Chet van Duzer - mehrere Funktionen: Sie bewies die Kunstfertigkeit des Kartenzeichners, seine Belesenheit, seine Kenntnis der antiken Mythen und Sagen – und sie warnte vor konkreten oder vermeintlichen Gefahren: Wenn reiche Fischgründe auf Karten von Seeungeheuern umgeben waren, dann diente das auch dazu, konkurrierende Fischer von dort fernzuhalten.

Anfang des 17. Jahrhunderts verschwinden die Monster allmählich aus den Meeren. So zeigt eine Karte von 1625 stattdessen in realistischer Darstellung eine Waljagd, inklusive der Tötung und Zerlegung des Tieres. Die Meere werden auf den Karten nun von stolzen Schiffen durchquert: Der Mensch hat gelernt, die Natur zu besiegen.

Chet van Duzer: Seeungeheuer und Monsterfische. Sagenhafte Kreaturen auf alten Karten.
Aus dem Englischen von Hanne Henninger und Jan Beaufort
Philip von Zabern Verlag, Darmstadt 2015
126 Seiten, 147 farbige Abbildungen, 39.95 Euro

Mehr zum Thema:

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