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Lesart / Archiv | Beitrag vom 04.07.2014

FamiliengeschichteFür immer vereint

Marcello Fois: "Zwischen den Zeiten"

Von Maike Albath

Blick auf die an einem Berghang gelegene Ortschaft Baunei in der Ogliastra auf der italienischen Insel Sardinien (Aufnahme vom 20.05.2010). Als Ogliastra bezeichnet man die südlich des Golfs von Orosei liegende Küstenebene um Tortoli und Arbatax samt der sie umgebenden Berghänge. (picture alliance / dpa / Roland Holschneider )
Blick auf die an einem Berghang gelegene Ortschaft Baunei auf Sardinien - Marcello Fois gelingt ein fesselndes Gemälde seiner Insel. (picture alliance / dpa / Roland Holschneider )

Sardinien Anfang der 1940er-Jahre: Der junge Vincenzo Chironi findet seinen Großvater wieder und fühlt sich endlich zuhause angekommen. Der Roman zeigt, wie unauflösbar die familiären Bande auf Sardinien sind.

Der sardische Romancier Marcello Fois, Jahrgang 1960, stammt aus der Provinzhauptstadt Nuòro, und Nuòro ist nicht irgendein Ort. Hier wurde die Nobelpreisträgerin von 1926 Grazia Deledda geboren, außerdem ist Nuòro auch der Schauplatz eines der geheimnisvollsten Bücher der neueren italienischen Literatur: "Der Tag des Gerichts", im Verborgenen verfasst von Salvatore Satta, einem renommierten Juristen, 1977 posthum erschienen und inzwischen zum Klassiker avanciert. Fois trägt dieses literarische Erbe in sich, und wer die jetzt auf Deutsch erschienene Familienchronik "Zwischen den Zeiten" aufschlägt, spürt das Vermächtnis auf jeder Seite.

Die Geschichte beginnt kurz nach dem Waffenstillstand 1943 mit der Ankunft eines jungen Mannes aus dem Friaul namens Vincenzo Chironi. Sardinien lag abseits der Kriegsgeschehnisse, aber die Insel wurde von schweren Malariaepidemien gebeutelt, die ganze Dörfer vernichtete. Vincenzo durchmisst die karge, spröde Landschaft zu Fuß. Sein Ziel ist Nuòro, denn dort sollen noch Verwandte leben. Aufgewachsen in einem Waisenhaus, erfuhr er erst mit zehn Jahren von der Herkunft seines Vaters, der im Ersten Weltkrieg fiel und kurz zuvor die Vaterschaft notariell beglaubigen ließ.

Der Fluch kehrt zurück

Als Vincenzo nach mehreren Tagen Wanderschaft an das Tor seines Großvaters Michele Angelo klopft, scheint ein Fluch gebrochen: Nach einer langen Serie von Todesfällen steht auf einmal ein Enkel vor dem alten Schmied, von dessen Existenz er nichts wusste. Auch für seine Tochter Marianna, die Mann und Tochter verlor, bedeutet der Neffe ein spätes Glück. Vincenzo, schon durch sein Aussehen als echter Chironi erkennbar, findet in Nuòro zum ersten Mal in seinem Leben ein Zuhause. Doch als er die bereits versprochene Braut eines anderen heiratet und Cecilia zwei Mal lebensbedrohliche Fehlgeburten erleidet, scheint der alte Fluch zurückzukehren. Erst eine Generation später wenden sich die Dinge.

Marcello Fois ist durch düstere Krimis bekannt geworden, hatte aber bereits mit "Mercede und der Meisterschmied" (2011) das Genre gewechselt und die eindrucksvolle Saga der Chironis begonnen. "Zwischen den Zeiten"umfasst vier Generationen und ragt bis in die Siebziger Jahre hinein. Es ist etwas sehr eigenes, das dieser Roman besitzt, und das hängt mit dem spezifischen sardischen Begriff von familiärer Zugehörigkeit zusammen: Die Bindungen innerhalb der Sippe sind unauflösbar, das Individuum ordnet sich dem Clan unter. Der Name Chironi bürgt für Vincenzo und schützt ihn, gleichzeitig scheint sein Lebensweg eine unausweichliche Wendung zu nehmen. Das Schicksal ist schon in ihn eingeschrieben.

Archaisches und Zeitgenössisches verschmelzen

So archaisch die Geschehnisse anmuten mögen, Fois gelingt ein fesselndes Gemälde seiner Insel. Sein epischer Tonfall und die bildhafte Erzählweise passen sowohl zur Landschaft als auch zum Sujet. Nur manchmal kippt seine Ausdrucksweise ins Manierierte: Wenn vom "Odem" oder "Antlitz" die Rede ist oder wenn "der Frühling sein smaragdgrünes Lied singt". Insgesamt ist das Regionale aber das große Pfund von Fois, der mit Michela Murgia, Milena Agus, Flavio Sorriga, Salvatore Niffoi und einigen anderen zur "Literarischen Sardischen Nouvelle Vague" gehört, aus der viele Impulse kommen. Die Verknüpfung von Archaischem und Zeitgenössischem wirkt vitalisierend. Marcello Fois bietet das beste Beispiel. 

 

Marcello Fois: Zwischen den Zeiten. Roman
Aus dem Italienischen übersetzt von Monika Lustig
Die andere Bibliothek, Berlin 2014
281 Seiten, 38,00 Euro

Mehr zum Thema:

Der böse Blick - Unterwegs mit Heilern und Hexen auf Sardinien (Deutschlandradio Kultur, Die Reportage, 17.11.2013)

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