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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 30.09.2010

Familien raus - Historiker rein!

Wie die RAF-Phase aufgearbeitet werden sollte?

Von Claire-Lise Buis

Siegfried Buback wurde am 7. April 1977 in Karlsruhe ermordet. (AP)
Siegfried Buback wurde am 7. April 1977 in Karlsruhe ermordet. (AP)

Die Erwartungen sind hoch. Endlich soll Licht gebracht werden in die Ereignisse des Gründonnerstags 1977, eines der dunkelsten Kapitel in der Geschichte der Bundesrepublik. Die Anwälte von Michael Buback, dem Sohn des ehemaligen Generalbundesanwalts, wollen entscheidende Beweisstücke vorlegen.

Die Täter werden zwar nichts verraten, eingemauert in ein absurdes, selbstauferlegtes Schweigegelübde. Die Generation der Kinder hat jedoch akribisch die Aufgabe der Rekonstruktion übernommen: Die Nachfahren der Opfer oder der ehemaligen Terroristen geben sich mit Legenden nicht mehr zufrieden.

Eine Chance für eine bessere Aufarbeitung der Vergangenheit – in Form einer Abrechnung? Mitnichten.

Die Kinder sind nämlich Beteiligte. Der Vorwurf, Michael Buback betreibe posttraumatische Nachforschung zwecks innerer Selbstjustiz, mutet diffamierend an. Dennoch stimmt es, dass sein Unterfangen nicht unparteiisch sein kann. Die Eiferer der Wahrheit machen sich angreifbar, wenn sie selbst keine distanzierte Position einnehmen können. Auch in Frankreich und in Italien haben die Kinder der 68er-Generation Bücher verfasst. Doch ihre Stimme kann nur auf eine bestimmte Weise gehört werden - als Stimme der Rache oder Appell für eine Wiedergutmachung.

Aber die Justiz, diese Waage der Gerechtigkeit? Ist sie nicht besser imstande, eine neutrale, realitätstreue Aufarbeitung zu ermöglichen? Nein. Zwar können Staatsanwälte und Richter gut ermitteln und Beweise prüfen. Schließlich stehen ihnen die Sonderrechte der Strafprozessordnung zur Verfügung.

Und sie können auch historisch gesehen beachtliches Material zusammentragen. Doch sie schreiben nicht Geschichte. Sondern sie haben Taten, Einzelereignisse auch einzelnen Personen zuzuordnen, die strafrechtliche Verantwortung von Angeklagten zu beweisen. Übrigens scheitern sie häufig an dieser Aufgabe, ohne dass die historische Wahrheit verfälscht würde.

Genauso sollte es für den Fall Buback und die gesamte RAF-Geschichte gelten: Eine strafrechtliche Verfolgung der Täter ist notwendig; die Belange der Opferfamilien und der Staatsanwaltschaft sind durchaus legitim. Doch sie sind keine Historiker. Neben die strafrechtliche muss also eine weitere Aufarbeitung treten. Lassen wir die Profis der Archiv-Forschung, die Wissenschaftler, arbeiten!

Wie der Staat mit Terroristen umging und welche Lektionen heute daraus gezogen werden - das sind die dringenden Fragen für die gesamte Gesellschaft. Justiz, Polizei und Geheimdienste waren am Kampf gegen den linken Terrorismus beteiligt. Als neutrale Instanzen können sie also genauso wenig wie die Täter, die Opfer und ihre Kinder fungieren. Schon die seltsamen Vorkommnisse im Zusammenhang mit den Becker-Akten sind ein Beweis dafür. Die Verfassungsschutzdokumente waren gesperrt, gelten jetzt für die einen als unvollständig, für die anderen als manipuliert. Dem Staat zu vertrauen ist abenteuerlich, weil er selbst verstrickt war.

Wem also glauben? Journalisten, seit Jahrzehnten Vorposten der RAF-Geschichtsschreibung, haben sich bisher nur bedingt von Generationskämpfen gelöst. In den Feuilletons wird noch sehr tendenziös argumentiert. Daher sollte die Wahrheitsfindung eher in den Bereich der Forschung verlegt werden. Zeithistoriker, Politik-, Sozial-, Rechtswissenschaftler sind gefragt. Die zuständigen Behörden müssen ihnen den möglichst freien Zugang zu den Quellen gewähren. Nur eine seriöse, zeitaufwendige Wissenschaft kann helfen, den Deutschen Herbst besser zu verstehen.

Es wird noch viel Klärungsbedarf geben - nach dem letzten Verhandlungstag in Stammheim.


Claire-Lise Buis (Michael Fahrig)Claire-Lise Buis (Michael Fahrig)Claire-Lise Buis, geboren 1978 in der Nähe von Paris, ist Politikwissenschaftlerin und freie Publizistin. Sie befasste sich in ihrer Dissertation mit der Figur des "inneren Feindes" im demokratischen Kontext und lehrt politische Theorie an der Freien Universität Berlin. Ihre Forschung und ihre verschiedenen journalistischen Tätigkeiten führten sie von Frankreich über Brüssel und Luxemburg nach Deutschland.

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