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Zeitfragen | Beitrag vom 16.03.2017

False-Memory-Forschung"Zur Herstellung von Aussagebereitschaft"

Von Jana Wuttke

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"Vernehmung! Nicht stören!" – Das Schild wurde an einer Tür der Kriminalpolizeiinspektion Rostock aufgenommen. (picture alliance / ZB / Bernd Wüstneck)
"Vernehmung! Nicht stören!" – Das Schild wurde an einer Tür der Kriminalpolizeiinspektion Rostock aufgenommen. (picture alliance / ZB / Bernd Wüstneck)

Mit suggestiven Fragen kann man bei fast jedem dritten Menschen falsche Erinnerungen erzeugen und im Gedächtnis verankern: Zu diesem Ergebnis kam die Psychologin Elisabeth Loftus in ihren Experimenten. Gutachter, Richter, aber auch Historiker stellt genau das vor große Probleme.

Hauptzweck heutiger polizeilicher Vernehmungstätigkeit ist die Gewinnung von Informationen, die für ein gerichtliches Strafverfahren notwendig sind. Die Vernehmungsmethoden haben dabei erheblichen Einfluss darauf, ob der Wahrheitsgehalt einer Aussage beurteilt werden kann. Verschiedene psychologische Studien belegen die Möglichkeit, durch Befragungsmethoden falsche Erinnerungen und damit auch falsche Geständnisse zu produzieren.

In diesem zweiten Teil des Features geht es darum, mit welchen Methoden Erinnerungen manipuliert werden können. Lesen Sie hier mehr über die Hintergründe des Features - und  nehmen Sie mit einer Virtual-Rality-App an einem Verhör teil.


Manuskript zur Sendung:

Als Peggy K. am 7. Mai 2001 auf dem Heimweg von der Schule verschwindet, beginnt eine lange Suche nach dem Mädchen. Die Ermittler präsentieren Ulvi Kulac als Tatverdächtigen. Er wird mehrfach verhört, teilweise ohne anwaltliche Begleitung, bis er schließlich ein Geständnis ablegt. Daraufhin wird er vom Landgericht Hof zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt.

Aufzeichnungen des Geständnisses gibt es nicht, erklärt Kulacs Rechtsanwalt Michael Euler: "Es gab lediglich ein im Nachhinein angefertigtes Gedächtnisprotokoll der anwesenden Polizeibeamten, sodass höchst fraglich ist, ob das, was dort in dem Protokoll steht, auch tatsächlich so stattgefunden hat."

Ulvi Kulac: "Geschrien hamse. Und mir wehgetan. An die Schultern oben reingedrückt."

Gudrun Röder: "Dass er ihn in vielen Vernehmungen regelrecht bedrängt wurde zuzugeben, er hat was mit der Peggy gemacht. Das war am einfachsten, aufgrund seiner geistigen Behinderung von ihm dann ein Geständnis zu erhalten. Obwohl er lange, muss man sagen, sich dagegen gewehrt hat und an dem Tag hatte er keine Chance mehr."

Seine damalige Betreuerin Gudrun Röder. Ein Gutachter stufte das Geständnis als glaubhaft ein. Ulvis Kulacs begrenzten intellektuellen Fähigkeiten hätten es ihm nicht ermöglicht, sich die vielen Details des Mordes auszudenken.

Ulvis Geständnis stand im Verdacht, durch den Einsatz der umstrittenen Reid-Methode entstanden zu sein. 2001 und 2002 führte die Firma Reid bei der Bayerischen Polizei insgesamt sechs Seminare mit circa 360 Teilnehmern durch. Die Methode ist für die Produktion von Geständnissen extrem erfolgreich, rechtlich ist sie jedoch höchst umstritten, erklärt der Rechtspsychologe Dietmar Heubrock:

"Ja, es ist sogar an den damaligen Polizei-Hochschulen, Fachhochschulen, ist das noch gelehrt worden, vor mehreren Jahren in Bayern, Baden-Württemberg. 'Ne Katastrophe. Der Bund Deutscher Kriminalbeamter hatte tatsächlich auch mal den überregionalen Workshop gemacht vor einigen Jahren, der sofort ausgebucht war, die mussten nachlegen. Das geht schon deswegen nicht, weil die Methoden, die in diesem Reid-Köfferchen, in diesem Handwerksköfferchen sind, sozusagen allesamt verbotene Vernehmungsmethoden sind."

Die Reid-Vernehmungsmethode arbeitet mit Angst

Die Reid-Vernehmungsmethode wurde vom US-amerikanischen Polizeibeamten John E. Reid 1947 entwickelt. Hierbei versucht der Polizist, in einem neunstufigen Verfahren die Angst vor einem Geständnis abzubauen und gleichzeitig die Angst des Beschuldigten vor den Folgen seines Leugnens zu vergrößern. Die Methode zielt einzig und allein darauf ab, ein Geständnis zu erhalten. 

In Stufe eins wird der Verdächtige mit dem Tatvorwurf konfrontiert, notfalls mit der Behauptung, entsprechende Beweise seien vorhanden. Ein Unschuldiger reagiert dabei überrascht, ehrlich und geschockt, ein Schuldiger dagegen baut Barrikaden auf, vermeidet Augenkontakt und zeigt "schwache" Ableugnungen.

Heubrock: "Das war zum Beispiel, dass der Beschuldigte zunächst einmal, ohne dass er sich die ersten 30 Minuten äußern muss, beschimpft wird mehr oder weniger. Was für ein Schwachmat er ist und wie gruselig das doch ist, was man ihm vorhält, und dass man so etwas Grausames noch nie in seinem ganzen Leben als Polizist erlebt hat. Und man sieht es ihm ja schon an, dass das ein Verbrecher-Typ ist. Das muss er sich 30 Minuten anhören."

In der zweiten Stufe geht es um die so genannte Themenbildung, indem die Vernehmungsperson dem Verdächtigen in einem etwa zehnminütigen Monolog psychologische und gesellschaftliche Rechtfertigungen anbietet, welche die persönliche, moralische Verwerflichkeit seiner Tat minimieren und dabei den Geschehensverlauf verharmlosen sollen.

Heubrock: "Oder dieses Minimieren so nach dem Motto: Hier ein zwei Morde kann ja jedem mal passieren. Also das sind alles Methoden, die spätestens in der Hauptverhandlung zu Recht kritisiert werden und das Beweismittel kaputtmachen."

Die Struktur der Verhöre von Ulvi Kulvac zeigt deutliche Parallelen zur Reid-Methode. Auch Formulierungen zu seinem "Aussageverhalten" lesen sich wie aus dem Schulungshandbuch der amerikanischen Kriminalisten. Trotz ihrer Fehleranfälligkeit werden Beschuldigten- und der Zeugenvernehmungen in der Praxis selten per Video oder Audioaufnahme festgehalten. Es ist vom Gesetzgeber nicht vorgeschrieben und obliegt dem Ermessen der jeweiligen Polizeibeamten oder Richter. Ein späterer Verdacht, dass suggestive Fragen gestellt oder Druck ausgeübt wurde, lässt sich kaum beweisen.

Julia Shaw, Gedächtnisforscherin und Autorin des Buches "The memory Illusion”: "In Amerika und teilweise in Deutschland wird es immer noch geübt: Das Ziel einer Befragung ist ein Geständnis. Und das ist höchst problematisch. Und da kommt es ganz schnell zu falschen Erinnerungen und falschen Geständnissen."

Die Rechtspsychologin Julia Shaw forscht zum Thema "false memory - falsche Erinnerungen". (imago/APress)Die Rechtspsychologin Julia Shaw: "Es gibt Lüge, Wahrheit und falsche Erinnerung." (imago/APress)
Dass Zeugenaussagen und Geständnisse bei Gerichtsverfahren eine so bedeutende Rolle spielen, liegt auch daran, dass Strafverfolger und Richter zu wenig darüber wissen, wie unser Gedächtnis funktioniert, erklärt Shaw:

"Das heißt, ich glaube schon, dass Polizisten wissen, dass Erinnerung tatsächlich falsch sein kann. Aber ich glaube, die wenigsten wissen, wie dramatisch falsch sie sein können und dass nur, weil jemand etwas mit hoher Selbstsicherheit, mit vielen Details erzählt, heißt das nicht unbedingt, dass es stimmt. Das geht gegen unsere automatische Einschätzung von Menschen - wir vertrauen diesen Menschen. Er erzählt ja auch keine Lüge. Aber wir müssen halt wissen und die Polizei muss wissen, dass es drei Optionen gibt: Es gibt nicht nur Lüge oder Wahrheit. Es gibt Lüge, Wahrheit und falsche Erinnerung."

Wie aber kommt diese falsche Erinnerung zustande? Wie fehlbar ist unser Gedächtnis tatsächlich?

Shaw: "Das ist natürlich eine große Frage: Wie sieht ein Gedächtnis im Gehirn aus. Und da gibt es eine ziemlich einfache Antwort: Und zwar ist ein Gedächtnis ein Netzwerk von Neuronen von Gehirnzellen. Und die werden durch Aufmerksamkeit, durch Wahrnehmung tatsächlich eingeprägt. Und diese Netzwerke werden auch eingeflochten mit Netzwerken, die schon existieren. Also wir wissen vielleicht, wie ein Stuhl aussieht. Das heißt, wenn wir uns an einem bestimmten Stuhl erinnern wollen, haben wir das Konzept schon und wir hängen dann etwas dran, was diesen besonderen Stuhl ausmacht."

Die Aufmerksamkeit ist der "Kleber" zwischen der Realität und Erinnerung

Eine sichelförmige Struktur im Gehirn - der Hippocampus - ist darauf spezialisiert, Informationen aus unseren Sinnesorganen miteinander zu vernetzen. Die Gedächtnisinhalte werden dann an verschiedenen Stellen in der Großhirnrinde gespeichert. Dabei knüpfen wir immer an das an, was wir bereits kennen. Außerdem nehmen wir vieles wahr, dem wir keine Aufmerksamkeit schenken. Die Aufmerksamkeit ist der "Kleber" zwischen der Realität und Erinnerung. Sie entscheidet darüber, ob wir uns überhaupt an etwas erinnern.

Shaw: "Das Einprägen von Erinnerungen - das heißt auch auf Englisch 'stamping'. Das heißt sie werden eingestampft die Erinnerung und das ist organisch. Also es hat mit physischen Verbindungen zu tun und mit chemischen Verbindungen zu tun."

Nicht alles, was wir wahrnehmen, wird im Langzeitgedächtnis gespeichert. Auch wenn es in manchen Situation hilfreich sein könnte - wer möchte sich an alles, was er erlebt hat, erinnern? An jedes Gespräch, jedes Gesicht, jedes Ereignis? Was ausgesiebt und was gespeichert wird, hängt auch vom emotionalen Gehalt einer Situation ab. Gefühle sind ein natürlicher Verstärker des Gedächtnisses.

Shaw: "Das ist bei jedem Menschen anders. Jede Erinnerung sieht für jeden Menschen anders aus. Dieselbe Erfahrung sieht für verschiedene Menschen auch anders aus. Und jedes Mal, wenn man sich an etwas erinnert, verändert man auch dieses Netzwerk. Das heißt, es wird neu eingestampft und in diesem Prozess kann es zu Fehlern kommen."

Erinnerung ähnelt einem Bild, das von mehreren mäßig begabten Künstlern ständig übermalt wird. Teile verschwinden oder entstehen in ganz anderen Farben neu.

"Laien haben die Vorstellung, dass unser Gedächtnis wie ein Videorecorder funktioniert und man das Ereignis aufzeichnen und es später wieder abspielen kann. Aber die Forschung hat gezeigt, dass das keine gute Beschreibung dafür ist, wie unser Gedächtnis arbeitet."

Die Psychologin Elisabeth Loftus ist eine Pionierin der Gedächtnisforschung. Sie hat unseren Blick auf die Art und Weise, wie wir uns an etwas erinnern, grundlegend verändert. Berühmt wurde sie mit Experimenten, die belegen, dass man Erinnerungen systematisch manipulieren kann.

"Wir wollten herausfinden, ob wir die Leute dazu bringen konnten, zu glauben, dass sie im Alter von fünf oder sechs Jahren mal in einem Einkaufszentrum verloren gegangen sind. Und tatsächlich konnten wir diese falsche Erinnerung entweder vollständig oder zumindest teilweise bei einem Viertel unserer Versuchspersonen verankern – mit drei suggestiven Interviews in einigen Studien betrug der Anteil sogar die Hälfte der Leute. Im Durchschnitt ist es ungefähr ein Drittel."

"Wir erzählen kleine Erfahrungsstückchen, um etwas zu erzeugen, das sich wie eine Erinnerung 'anfühlt'"

Ohne zusätzliche Anhaltspunkte kann man die Erinnerung an vorgestellte und tatsächlich erlebte Ereignisse kaum auseinanderhalten. Aber wie kommt es überhaupt zu so detailliert wiedergegebenen Täuschungen? Eine mittlerweile beträchtliche Anzahl von Studien aus den letzten Jahrzehnten belegt, dass dies bei manchen Menschen ziemlich leicht zu erreichen ist.

Elisabeth Loftus: "Wir erzählen kleine Erfahrungsstückchen und verbinden sie, um etwas zu erzeugen, das sich wie eine Erinnerung 'anfühlt'. Wir haben das semantische Gedächtnis untersucht - ein Gedächtnis für Worte und Konzepte - und versucht herauszufinden, wie Informationen, die wir gut kennen, in unserem Langzeitgedächtnis organisiert werden."

Erinnerungen werden vor allem dann verändert, wenn wir mit anderen Menschen darüber sprechen, dazu befragt werden oder in den Medien auf Berichte über ein Ereignis stoßen, das wir selbst miterlebt haben.

Elisabeth Loftus: "Ich und andere Psychologen haben viele Jahre Experimente durchgeführt, in denen wir die Erinnerungen an Ereignisse, die Menschen wirklich erlebt hatten, verzerrt haben. Wenn zum Beispiel jemand einen simulierten Autounfall oder ein simuliertes Verbrechen gesehen hatte, veränderten wir die Details in ihrem Gedächtnisprotokoll. Wir ließen die Leute glauben, dass sie ein Auto gesehen haben, dass ein Stopp-Schild überfahren hat anstelle eines Vorfahrt-Gewähren-Zeichens. Dabei haben wir festgestellt, dass es gar nicht so schwer ist, die Erinnerungen der Menschen an diese erlebten Ereignisse zu verändern."

Es macht jedoch einen großen Unterschied, ob man bloß ein oder zwei Details in einer ansonsten echten Erinnerung verändert oder jemandem die komplette Illusion eines tatsächlich nie stattgefundenen Ereignisses einpflanzt. Julia Shaw erforscht diese Form von Verfälschungen und versucht, Gedächtnisinhalte zu kreieren, die als Erfahrung zumindest leicht traumatisch gewesen wären.

Julia Shaw: "In meinen Studien geht es darum, ganze Ereignisse einzupflanzen. Wo überhaupt nichts passiert ist. Also nicht nur Verzerrungen, sondern richtig Manipulation auf größte Art und Weise. Dass sie ein Verbrechen begangen haben oder dass sie etwas Emotionales erlebt haben, zum Beispiel dass sie von einem Tier attackiert wurden, einem Hund. Dass sie sich verletzt hatten, dass sie etwas gestohlen haben, dass sie jemanden geschlagen haben. Weil, ich will zeigen, dass es einfach ist, von nichts eine ganze Erinnerung zu erzaubern."

In ihrem Experiment versuchte Shaw Studenten davon zu überzeugen, sie hätten eine Straftat begangen.

Shaw: "60 Probanden insgesamt, 30 davon wurde eingeredet, dass sie Straftaten begangen haben. Den anderen 30, denen wurde eingeredet, sie hätten etwas Emotionales erlebt, das nie passiert ist."

Den Studienteilnehmern erzählte sie, es gehe darum, verschüttete Erinnerungen auszugraben. Die Befragungen wiederholte sie zweimal im Abstand von je einer Woche.

Ich werde Sie nun zu zwei Erlebnissen befragen, die willkürlich aus dem Fragebogen ausgewählt wurden. Es ist ok, wenn Sie sich nicht daran erinnern können, dass dieses Ereignis stattgefunden hat. Ich möchte Sie bitten, die nächsten Minuten dazu zu nutzen, sich darauf zu konzentrieren, diese Erinnerungen wieder auszugraben.

Shaw: "Was meine Forschung zeigt ist, dass Menschen leicht beeinflussbar sind, wenn man ein paar Informationen über diesen Menschen weiß. Das heißt, man weiß, dass dieser Mensch in einer bestimmten Stadt aufgewachsen ist, weiß, wie der Name des besten Freundes ist."

Hm, immer noch nichts? - Das ist in Ordnung. Viele Leute können sich zunächst nicht an bestimmte Ereignisse erinnern, weil sie lange nicht an sie gedacht haben. Ich möchte jetzt nicht sagen, dass die Erinnerungen unterdrückt wurden, aber manchmal schieben wir sie einfach beiseite.

Shaw: "Aber mit Vertrauen! Dass ich sagen kann: Ich habe ihre Eltern gefragt, was in Ihrer Jugend passiert ist und Ihre Eltern haben mir berichtet, dass Sie, als sie 14 waren, jemanden geschlagen haben mit Polizei-Kontakt. Was ist denn da passiert?"

Hier habe ich Informationen aus den Fragebögen bekommen, die Ihre Eltern uns ausgefüllt haben. Darin haben Sie diese Ereignisse beschrieben, die Sie im Alter zwischen elf und 14 erlebt haben. Ich werde Sie nun zu zweien dieser Erlebnisse befragen, die willkürlich aus dem Fragebogen ausgewählt wurden.

Shaw: "Und wenn dieser Proband mich anschaut und weiß, dass ich tatsächlich die Eltern angeschrieben habe und dass diese Informationen stimmen und dass der Name des Freundes stimmt und die Heimatstadt stimmt, das passt dann alles zusammen. Und dann denkt der Mensch: 'Huch, vielleicht?' Vielleicht ist das doch passiert, auch wenn ich mich nicht daran erinnere."

Wiederholung von echten Erinnerungen und fremden Suggestionen

Das Konstrukt einer falschen Erinnerung entsteht dabei aus der Wiederholung echter Erinnerungen mit fremden Suggestionen. Die Betroffenen können später nicht mehr nachvollziehen, woher die Information stammt – Inhalt und Herkunft der Information fallen auseinander.

Gut, okay. Sie haben gesagt, ein Polizist sei gekommen und Sie habe mit Ihnen geredet. Können Sie mir noch mehr dazu erzählen?

Shaw: "Stellen Sie sich mal vor, Sie sind vierzehn. Wie sah es denn aus? Wir können diese Erinnerung wieder aufrufen, wenn Sie es nur probieren. Sie müssen es nur versuchen. Und dann wenn der Proband das mehrfach macht und sich das vorstellt, wie es hätte sein können, dann kommt es über wenige Sitzungen dazu, dass dieser Proband am Ende sagt: Ja und so ist das passiert."

Ja, ich sehe sie so, wie sie in einem Polizeiauto ankommen und dann zwei von ihnen, ja zwei, glaube ich, also zwei von ihnen gehen zum Feuer und kümmern sich darum und um die Kids, und einer kommt dann. Und ich glaube, dass der, der gekommen ist, der gleiche war, der öfter mal zu unserer Schule gekommen ist und dort Vorträge gehalten hat. Ich weiß nicht, was der da gemacht hat. Ich glaube in den Highschools gibt es diese Vorträge oder sowas bei Versammlungen. Ich weiß nicht worüber, aber ich glaube, es war der gleiche Typ. Er ist eher groß, mittelalt, und sieht europäisch aus.

Am Ende ihres Experiments hatte Shaw bei 70 Prozent der Probanden eine falsche Erinnerung erzeugt.

Shaw: "Ja das ist passiert. Und so ist es passiert, hier sind Details und das ist der Grund und so hat es gerochen. Und so sah es aus."

Eine Episode in unserem Gedächtnis besteht aus unendlich vielen Details. Gerüche, Bilder, eigene Emotionen, Intentionen von anderen: Erinnerungen sind vor allem mit uns nahestehenden Menschen, aber auch mit Erwartungen der Gesellschaft verknüpft. Werden Eltern und Geschwister bei der Rekonstruktion von Kindheitserinnerungen befragt, stützen und ergänzen sie die eigenen Erinnerungen. Dieses Vertrauen nutzt auch der Vernehmer aus.

Shaw: "Da sieht man immer und immer wieder, dass diese leichteren, diese positiven, diese netten Methoden genauso zu falschen Erinnerungen führen können, vielleicht sogar noch schneller. Die Forschung sagt, dass wir vorsichtig sein müssen mit Vertrauen. Dass wir damit vorsichtig umgehen müssen und das nicht ausnutzen dürfen. Aber natürlich stimmt es, dass man auch ein bestimmtes Level an Vertrauen braucht, damit Menschen einem erzählen, was tatsächlich passiert ist."

Niehaus: "Jemandem, dem ich gestehe, an den ich sozusagen wirklich ein Geständnis adressiere, den erkenne ich in dem Moment als Instanz an, die das Geständnis entgegen nimmt und das ist wenn man so will, ein Akt der Unterwerfung weil es ein Akt der Anerkennung ist. Aber es ist eben auch ein Akt der Befreiung, wenn ich gestehe."

Der Literaturwissenschaftler Michael Niehaus untersucht historische Darstellungen von Verhören in Ermittlungsverfahren seit der Antike.

Niehaus: "Ganz am Anfang des Inquisitionsprozesses durften die Verhörten auch schriftlich antworten, bekamen bestimmte Fragen vorgelegt und konnten darauf eben Stellung nehmen. Das Verhör beginnt eigentlich erst dann, wenn sich zwei Personen gegenübersitzen und ein Dritter Protokoll führt. Das heißt, es gibt eben das Verhör nur als eine intensivierte Beobachtungssituation."

Ulvi K. ist sehr zurückhaltend, fast scheu. Er zeigte an nicht angebrachten Stellen ein verlegenes Lächeln.

Niehaus: "Das kann man vielleicht am besten an den sogenannten Gebärden-Protokollen sehen, die vorgeschrieben wurden von den Strafprozessordnungen, wo dann irgendwie aufgeschrieben wurde, ob der Verhörte errötet oder erbleicht oder stottert oder was auch immer macht."

Ulvi K spielte fortwährend mit seinem Finger, zog sich ein Heftpflaster von einem Finger, seine Augen wanderten im Zimmer umher.

Niehaus: "Es stehen sich zwei Leute gegenüber. Und der eine soll Wahrheit produzieren, und der andere unterscheidet Wahrheit von Nicht-Wahrheit. Das ist sozusagen erst mal das gemeinsame Setting. Auf der Basis dieser Unterscheidung ist es eine Beobachtungssituation im Sinne eines Verhörs."

So liegt das Drama jeder polizeilichen Vernehmung im Dialog, in der Konfrontation zwischen dem, der schweigen muss, und dem, der wissen will.
 
Niehaus: "Es beginnt dann eben sozusagen in der Verhörpsychologie um 1800. Mit dem Verschwinden der Folter macht man sich eben vermehrt darüber Gedanken, mit welchen guten Mitteln im gütlichen Verhör - so heißt das ja - im gütlichen Verhör eine Geständnisbereitschaft hergestellt werden kann."

"Obwohl es objektiv, aus Beschuldigtensicht, gut wäre, die Klappe zu halten, tun es die wenigsten"

Heubrock: "Das ist ganz unterschiedlich. Es gibt Zeugen, die brennen richtig darauf, endlich loszuwerden, was sie entweder wahrgenommen haben oder aber, wenn sie Opfer-Zeugen sind, es sich von der Seele zu reden. Wir haben aber auch gerade bei bedrohten Zeugen oder solchen, die noch nie bei der Polizei waren, eher so einen Aussage-Widerstand. Die sind verunsichert. Zunächst einmal ist die Belehrung eine andere. Der Beschuldigte muss ja dann auch in seinem Beschuldigten-Status belehrt werden. Er muss sich ja überhaupt nicht einlassen, weil, es ist ja auch die klügste Reaktion zu sagen 'Ich sage gar nichts', wie es im Krimi immer so schön auftaucht. Das ist interessanterweise relativ selten. Obwohl es objektiv, aus Beschuldigtensicht, gut wäre, die Klappe zu halten, tun es die wenigsten."

Niehaus: "Man muss sozusagen in der Situation zunächst mal die Stirn haben, gegen kommunikative Regeln zu verstoßen. Derjenige Verhörte, der sich jetzt einfach aufs Schweigen zurückzieht, der muss einen Verstoß gegen Gesprächsregeln machen."

Der Vernehmer suggeriert dem Verhörten, zu einer Art Wahrhaftigkeit zurückzufinden. Indem er ihn spiegelt und in sein kommunikatives Spiel einsteigt:
 
Heubrock: "Ja, ich versuche herauszufinden, welches das Grundbedürfnis in der Vernehmungssituation meines Gegenübers ist. Ist das jemand, der Aufmerksamkeit sucht, jemand, der Wert darauf legt, endlich mal ernst genommen und wichtig genommen zu werden? Ist das jemand, der gerne manipulativ mit seinem Gegenüber spielt? Dann würde ich mich darauf einlassen, ein längeres Vorgeplänkel haben. Es spielt sich auf mehreren Ebenen ab. Es ist immer ein psychologischer Aspekt, nicht nur sprachlich, sondern eben auch das Nonverbale oder auch das Paraverbale spielt eine Rolle - also Stimmlage, Tonfall. Auch das Tempo: Dass sie merken, dass ich etwas langsamer spreche. Das könnte jemand, der besonders schnell etwas raushaut, auch dazu bringen, sich meinem Tempo anzupassen. Auch schweigen natürlich."

Wie geht es Ihnen? Sind Sie gut hergekommen?

"Wenn es nach allen Regeln der Kunst laufen sollte, muss der freie Bericht am Anfang stehen. Dann als nächstes wären die Verständnis-Fragen dran."

Berichten Sie alles! Versuchen Sie, sich die Situation möglichst genau vorzustellen.
Wie sah die Umgebung aus? Was hatte die Person an?

Heubrock: "Danach möglichst viele offene Fragen. Und am Ende werden sich auch geschlossene Fragen nicht vermeiden lassen. Ein Aspekt ist mir da besonders wichtig: Alle Fragen, auch die offenen, enthalten suggestive Anteile. Leute haben häufig die Sorge: 'Oh bloß keine suggestiven Fragen stellen.' Das wird man nachher in der Hauptverhandlung von der Verteidigung um die Ohren gehauen. Nur selbst eine offene Frage 'Wie haben Sie das wahrgenommen?' ist bereits suggestiv. Denn sie unterstellt, dass der Zeuge überhaupt etwas wahrgenommen hat."

Shaw: "Durch die Sprache kann man viel Druck ausüben und zum Beispiel nett sein. Das hat auch wieder was mit Vertrauen zu tun. Das hat damit zu tun, dass wenn man nett ist, und der andere Mensch einen mag, dann versucht der Mensch einem zu helfen und, ja, der macht dann eher mit. Und wenn man dann in dieser Situation, wo man den Mensch schon mag, dann leitende Fragen stellt. 'Sie waren doch da und da am Mittwochabend, und Sie haben doch das und das gemacht, auch wenn Sie sich nicht erinnern…' - wenn man leitende Fragen stellt, dann ist es eher, dass der Mensch dann mitmacht."

"Also meiner Meinung nach sind Erinnerungen unsere ganze Identität"

Je mehr Zeit vergeht, umso stärker vervollständigen wir fehlende Teile. Dabei liebt das Gedächtnis 'lineare Geschichten': Wenn sich Menschen an etwas Konkretes erinnern, werden ähnliche, in der Stimmigkeit der Geschichte störende Details allmählich vergessen. Das Gehirn unterdrückt aktiv die konkurrierenden Erinnerungen, sodass der Prozess des Erinnerns mitbestimmt, welche Aspekte der Vergangenheit zugänglich bleiben und welche nicht.

Shaw: "Also meiner Meinung nach sind Erinnerungen unsere ganze Identität. Wir sind die Summe von den Ereignissen, die wir glauben erlebt zu haben. Dass wir unsere Mutter lieben. Das ist eine Erinnerung. Dass wir eine schöne Kindheit oder eine nicht schöne Kindheit hatten. Für mich ist tatsächlich die Identität die Summe unserer Erinnerung."

Wenn sich die Erinnerungen aber manipulieren lassen, was heißt das dann für unsere Identität? Ist man nicht zu einem großen Teil derjenige, der man glaubt, gewesen zu sein?

Shaw: "Wenn man glaubt, man hat etwas Schlechtes in der Vergangenheit gemacht, kann das auch beeinflussen, wie man in der Zukunft vielleicht reagiert und was man dann macht. Und die Antwort ist: Es beeinflusst wahrscheinlich den Menschen. Da gab es einige Folgesachen, die ich gemacht habe mit den Probanden. Und es beeinflusst wohl schon die Identität, wenn man glaubt, man hat etwas Schlechtes gemacht."

Gefühle wie Schuld, Rache oder Angst können ein Leben bestimmen, ihm eine ganz neue Wendung geben. Das gibt denjenigen, die sie auslösen können, eine Art von Macht.

Shaw: "Ich habe mal mit einer Gruppe von Israelis über diese Studie geredet. Und natürlich weiß ich, es kann natürlich auch als Waffe benutzt werden, dass man Menschen falsche Erinnerung einpflanzt und dann glaubt der Mensch, jemand hat etwas gemacht, der es gar nicht gemacht hat. Und plötzlich kam es zu ganz schlimmen Situationen, auch international relevanten Situationen."

Dass man echte Erinnerungen nicht von falschen unterscheiden kann. liegt vor allem daran, dass unser Gehirn nicht zwischen ihnen unterscheidet. "Das Gedächtnis wird bei jedem Abruf neu geboren", resümiert die Gedächtnisforscherin und Gutachterin Elisabeth Loftus.

Gutachter, Richter, aber auch Historiker stellt genau das vor große Probleme. Wie können sie herausfinden, wie glaubwürdig die Erinnerungen von Beschuldigten, Beobachtern oder Zeitzeugen tatsächlich ist?

Ein psychiatrischer Gutachter hielt es 2014 – anders als zehn Jahre zuvor - für "wissenschaftlich denkmöglich", dass Ulvi K. sich das Geständnis auch ausgedacht haben könne. Er wurde 2014 im Wiederaufnahmeverfahren freigesprochen. (huc)

Der Angeklagte Ulvi K. lächelt nach der Urteilsverkündung im Mai 2014 im Schwurgerichtssaal des Landgerichts Bayreuth: Im erneuten Mordprozess um die spurlos verschwundene Peggy wurde der geistig behinderte Mann vom Vorwurf des Mordes freigesprochen. (picture alliance / dpa)Der Angeklagte Ulvi K. lächelt nach der Urteilsverkündung im Mai 2014 im Schwurgerichtssaal des Landgerichts Bayreuth: Im erneuten Mordprozess um die spurlos verschwundene Peggy wurde der geistig behinderte Mann vom Vorwurf des Mordes freigesprochen. (picture alliance / dpa)

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