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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 03.06.2009

Falsches Spiel

Boualem Sansal: "Das Dorf des Deutschen oder Das Tagebuch der Brüder Schiller", Merlin Verlag, Gifkendorf 2009, 278 Seiten

Am Rande von Stadt und Gesellschaft: Jugendliche sitzen auf einem Betonklotz in der Pariser Vorstadt Clichy-sous-Bois. (AP Archiv)
Am Rande von Stadt und Gesellschaft: Jugendliche sitzen auf einem Betonklotz in der Pariser Vorstadt Clichy-sous-Bois. (AP Archiv)

Die algerischen Brüder Rachel und Malrich wachsen in der Pariser Banlieue auf. Als ihre Eltern im algerischen Bürgerkrieg umkommen, machen sie eine grausige Entdeckung: Ihr Vater - ein Deutscher, der in seinem algerischen Heimatdorf als Befreiungskämpfer galt - war früher in die Machenschaften der SS verstrickt.

Bis dato ist der algerische Schriftsteller Boualem Sansal nur einem eher kleineren Lesepublikum bekannt. Das aber dürfte sich mit seinem neuen, nun auf Deutsch vorliegenden Roman ändern. Denn "Das Dorf des Deutschen oder Das Tagebuch der Brüder Schiller" ist so brisant wie aktuell, zieht Sansal darin doch eine gewagte Parallele zwischen dem Vernichtungswahn der einstigen Shoah und den Methoden der Islamisten, die in den tristen Pariser Vorstadtsiedlungen ihr Unwesen treiben.

In einer dieser Siedlungen wachsen die beiden algerischen Brüder Rachel und Malrich Schiller auf, ihre Eltern - der Vater ist Deutscher, die Mutter Algerierin - sind dagegen in einem kleinen Dorf in Algerien geblieben. Dort wütet - wir sind im Jahre 1994 - mittlerweile der Bürgerkrieg, dem eines Tages auch die Eltern der beiden Brüder bei einem Überfall von Islamisten zum Opfer fallen. Doch Rachel, der nach Algerien reist, macht vor Ort eine weitere furchtbare Entdeckung: Die Habseligkeiten des Vaters, der im Dorf als algerischer Widerstandskämpfer verehrt wurde, belegen, dass er in Deutschland als Scherge der SS in die Vernichtung der Juden verwickelt war. Für Rachel und Malrich bricht eine Welt zusammen - und es beginnt eine schmerzliche Reise in die eigene Vergangenheit, die von der Frage nach Schuld und Identität begleitet ist.

Die Antwort der beiden Brüder könnte nicht unterschiedlicher sein: Rachel, der Ältere, bereist all jene Stätten der Vernichtung, an denen sein Vater dem Töten gedient hat. Am Ende wird er an seinem Wissen zerbrechen und den Sühnetod wählen, den der Vater in seinen Augen durch die Flucht nach Algerien vereitelt hat. Malrich, den Jüngeren, dagegen führt die Auseinandersetzung mit dem Schrecken der Vergangenheit in die Abgründe seiner eigenen Gegenwart: Ihm scheinen der Hass und die Indoktrination der Islamisten in den Vorstädten von Paris wie eine grausame Wiederholung der Geschichte.

Sansals Roman zieht somit einen so gewagten wie überraschenden Bogen von der jüngeren Vergangenheit in unsere unmittelbare Gegenwart hinein, ist voll beunruhigender Fakten und geißelt bei aller sprachlichen Eleganz unerbittlich den erschreckenden Verlust von Freiheit im Namen der Religion, ja jeglicher menschenverachtender Ideologie. Sein Befund: Dem gesellschaftlichen Schweigen über die Verbrechen - seien es die der Deutschen oder die der Islamisten - steht das politisch gewollte Unwissen vieler arabisch-muslimischer Länder über die Shoah gegenüber.

Die Islamisierung der französischen Vorstädte aber ist, so Sansals Tenor, nicht zu denken ohne die gleichzeitige Untätigkeit einer Regierung, die stillschweigend toleriert, was sie lauthals anprangert. In Frankreich hat der Roman daher bei seinem Erscheinen eine aufgeregte Debatte ausgelöst - umso gespannter darf man sein, wie er nun in Deutschland aufgenommen werden wird. Anlass zur Debatte liefert Boualem Sansal auf alle Fälle reichlich.

Besprochen von Claudia Kramatschek

Boualem Sansal: Das Dorf des Deutschen oder Das Tagebuch der Brüder Schiller
Aus dem Französischen von Ulrich Zieger
Merlin Verlag, Gifkendorf 2009
278 Seiten, 22,90 Euro

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