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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 18.09.2013

Falsche Versprechen der Pharmaindustrie

Ben Goldacre: "Die Pharma-Lüge - Wie Arzneimittelkonzerne Ärzte irreführen und Patienten schaden", Kiepenheuer & Witsch, Köln 2013, 448 Seiten

Die Pharmaindustrie kennt zahlreiche Tricks, um ihre Produkte in bestem Licht erscheinen zu lassen. (picture alliance / dpa)
Die Pharmaindustrie kennt zahlreiche Tricks, um ihre Produkte in bestem Licht erscheinen zu lassen. (picture alliance / dpa)

Falsche Medikamentenempfehlungen und geschönte Studien - der Mediziner Ben Goldacre übt schonungslose Kritik an der Pharmaindustrie. In seinem neuen Buch macht er die medizinischen Hintergründe und oft unübersichtlichen Verstrickungen auch Laien verständlich.

Das neue Medikament wird von Forschern hochgepriesen als rasch wirksam und so gut wie nebenwirkungsfrei, besser als alles andere? Glauben Sie den vollmundigen Versprechungen der Pharmaindustrie besser nicht, die kennt nämlich zahlreiche Tricks, um ihre Produkte in bestem Licht erscheinen zu lassen. Das jedenfalls behauptet der britische Wissenschaftsautor und Mediziner Ben Goldacre in "Die Pharma-Lüge".

Auf gut 450 Seiten präsentiert er zahlreiche im Internet und Fachzeitschriften nachprüfbare Beweise, die seine Warnung untermauern. Ben Goldacre hat sorgfältig recherchiert, oft beruft er sich auf Ergebnisse der "Cochrane Organisation", eines unabhängigen internationales Netzwerkes von Wissenschaftlern und Ärzten. Dabei hält er die Pharmaforschung für verdienstvoll und wichtig, nur eben derzeit für unehrlich und unethisch.

In sechs Kapitel geht er systemtisch vom Problem fehlender Daten über Studientricks bis zum Pharmamarketing alle kritischen Punkte durch, die zu falschen Medikamentenverschreibungen der Ärzte führen können. Beispiele: Zum Antidepressivum Reboxitin wurden nur die positiven Ergebnisse veröffentlicht, negative Resultate nicht. Ein anderer Trick, neue Medikamente mit Placebos zu vergleichen statt mit den bereits vorhandenen Mitteln.

Einblick in Studienergebnisse wird nicht gewährt

Das Problem dabei ist, dass sich Ärzte auf die Resultate klinischer Studien verlassen und danach behandeln. Umso wichtiger wäre es, die Studienergebnisse nachlesen zu können. Doch nicht nur die Unternehmen mauern, so der Autor. Auch die Zulassungsbehörden verweigern - mit teils absurden Argumenten - die Veröffentlichung. So waren es unabhängige Forscher, nicht etwa staatliche Prüfer, die aufdeckten, dass die Studien für das Schmerzmittel Vioxx ein hohes Herzinfaktrisiko aufwiesen. Vioxx musste vom Markt genommen werden, aber da hatte es bereits eine Reihe von Todesfällen gegeben.

Selbst Studienergebnisse, die in renommierten Fachzeitschriften veröffentlicht werden, sind mit Vorsicht zu genießen, so Goldacre. Nicht selten haben Ghostwriter, also von den Pharmafirmen bezahlte Autoren, die Artikel geschrieben. Bekannte Wissenschaftler reichen sie dann unter ihrem Namen bei den Fachzeitschriften ein.

Ben Goldacre erklärt die medizinischen Hintergründe so gut, dass auch Laien die oft unübersichtlichen Verstrickungen durchschauen lernen. Seine Beispiele sind anschaulich und konkret. Der Mediziner belässt es aber nicht bei der Aufzählung der Missstände. Mit einem Katalog einfach zu erfüllender Forderungen, wie die jeweiligen Missstände beendet werden könnten, endet jedes Kapitel. Am Wichtigsten ist ihm Transparenz, d.h. die vollständige Veröffentlichung aller abgeschlossenen Studien. Dann können Ärzte, Wissenschaftler und auch Patienten überprüfen, ob die behaupteten Wirkungen auch tatsächlich erzielt wurden. Ben Goldacres schonungslose und fundierte Kritik ist - wenn auch nicht das Neuste - so doch zweifelsohne das Beste, was seit langem zu diesem Thema erschienen ist.

Besprochen von Johannes Kaiser

Ben Goldacre: Die Pharma-Lüge - Wie Arzneimittelkonzerne Ärzte irreführen und Patienten schaden
Kiepenheuer & Witsch Verlag, Köln 2013
448 Seiten, 19,99 Euro

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