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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 08.01.2016

Falsche Paris-BilderKlischees im Zeichen der Solidarität

Von Klaus Manfrass

Fenesterfront mit französischen Flaggen (Ian Langsdon)
Fensterfront mit französischen Flaggen (Ian Langsdon)

Paris – die Stadt der Liebe, des Lichts und der Freiheit. So gefalle uns die französische Hauptstadt, meint Klaus Manfrass. Dabei sei Paris auch die Stadt der Armut, der gesellschaftlichen Spaltung und der Ausgrenzung.

Eigentlich sollten wir unser Nachbarland mittlerweile bestens kennen. Gerade nach all den Solidaritätsbekundungen und Berichten seit den Anschlägen des vergangenen Jahres. Doch die haben unsere Klischeebilder von Paris kaum korrigiert, sondern nur durch neue ersetzt.

Der Eiffelturm als leuchtendes Symbol

Die Leitmelodie schlugen jene sichtbar gerührten ZDF-Moderatoren an, die Paris als "Stadt der Lebensfreude, der Liebe und des Lichts" vorstellten. Unter "Liebe" war wohl eine Mischung aus "Moulin Rouge", Nächstenliebe und Fraternité zu verstehen. Die Stadt des Lichtes, "La Ville Lumière", greift auf einen touristischen Werbeslogan des 19. Jahrhunderts zurück, als das von Gaslaternen erleuchtete Paris ganz Europa beeindruckte. Heute erstrahlt der Eiffelturm in den Farben der Trikolore und wird als leuchtendes Symbol westlicher Werte verkauft.

Die Ereignisse des vorigen Jahres spielten sich an Orten mit Namen wie "Bastille", "République" oder "Nation" ab, im Paris der Boulevards und Straßencafés, historisch und kulturell schwer befrachtet, ein Brennpunkt der Weltliteratur. Diesem Paris war die überwiegende Zahl von zum Teil hervorragenden Reportagen und filmischen Retrospektiven gewidmet.

Ein städtebaulich fortwährendes Desaster

Der historische Stadtkern ist aber nur ein kleiner Teil des heutigen Paris: Er endet an der ringförmigen Stadtautobahn, dem "Boulevard Périphérique", der eine kaum zu überwindende soziale und kulturelle Grenze bildet. Draußen liegen die ins Umland hineinwuchernden Vorstädte, die Banlieue. Dort lebt die überwiegende Mehrheit: fünf von sechs Parisern kennen den Stadtkern nur als arbeitende Gäste. Wenn überhaupt. Städtebaulich ein fortwährendes Desaster.

Seit den 60er Jahren sind dort große Komplexe des sozialen Wohnungsbaus entstanden sowie ein System von Trabantentädten, den "Villes Nouvelles". Einige Namen wie Sarcelles, Saint-Denis, Evry, Grigny sind aus der Terrorchronik des vorigen Jahres in Erinnerung. Menschen mit und ohne Migrationshintergrund koexistieren teils recht, teils aber auch schlecht. Jugendbanden und Drogenhandel haben das Sagen. Pädagogen und Sozialarbeiter mühen sich – meist ohne großen Erfolg.

Frust in der Banlieue

Hass entsteht auf diejenigen, die im Zentrum gut bezahlt arbeiten, studieren, ausgehen und feiern. Große Moscheen und muslimische Kulturzentren sind entstanden, teils finanziert aus Marokko, Saudi-Arabien oder Katar. Milliardenschwere Sanierungsprogramme versickern wirkungslos. Dort sind die IS-Touristen und die Terroristen des vorigen Jahres aufgewachsen.

Wer aus dem Zentrum zu den Königsschlössern im Umland fährt: nach Versailles, Fontainebleau, zur Kathedrale von Chartres, oder nur zum Flughafen Charles-de-Gaulle, fährt an ihnen vorbei, nimmt sie wahr – ahnt aber kaum etwas vom Leben an diesen Orten.

Keine Romantik im Paris der Gegenwart

Ein gewaltiger, millionenfacher Strom bewegt sich Tag für Tag über das sternförmige Nahverkehrsnetz, über Straßen und Stadtautobahnen, Smog und Umwelttote produzierend, aus der Banlieue ins Zentrum und zurück – alternativlos. An den zentralen Umsteigebahnhöfen und in den Bahnen lauert die Gefahr von Terroranschlägen: Es hat auch in früheren Jahren schon viele gegeben. Man gewöhnt sich daran – oder verinnerlicht die Panik.

Das ist das moderne Paris der Gegenwart. In anderen großstädtischen Ballungszentren wie Lyon oder Marseille sieht es ähnlich aus. Die Wirklichkeit entspricht nicht dem romantisch verklärten, von kultureller Fülle geprägten Bild, das mit dem Plazet des Tourismusgewerbes unverändert in Umlauf ist.

 

Klaus Manfrass (privat)Klaus Manfrass (privat)Klaus Manfrass hat seit Anfang der 1960er Jahre in Paris gelebt und mehr als 30 Jahre am Deutschen Historischen Institut Paris im Bereich Zeitgeschichte gearbeitet. Besonders geprägt hat ihn seine Zeit im heutigen Maison Heinrich-Heine der damaligen Cité Universitaire. Das deutsche Haus wurde noch vor dem Elysée-Vertrag eingeweiht und ist ein wichtiges Element deutsch-französischer Universitätskontakte. Später arbeitete Klaus Manfrass für die DGAP (Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik). Ende 2006 verließ er Paris und lebt jetzt im Ruhestand in Oberbayern.

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