Kalenderblatt / Archiv /

Falle für den Kaiser

Vor 200 Jahren begann Napoleon I. seinen Feldzug gegen Russland

Von Bernd Ulrich

Napoleon Bonaparte auf einem Gemälde des französischen Malers  Paul Delaroche
Napoleon Bonaparte auf einem Gemälde des französischen Malers Paul Delaroche (AP Archiv)

Im Juni 1812 begann Napoleon seinen Feldzug gegen das zaristische Russland. In nur einem halben Jahr entwickelte sich der Einmarsch zur militärischen Katastrophe für den französischen Kaiser. Mehr als eine Million Menschen starben in diesem Krieg.

In der Nacht zum 24. Juni 1812, am Ende eines heißen Sommertags, wurden auf Befehl Napoleons drei Brücken von den Pionieren seiner Grande Armée über den russischen Grenzfluss Njemen geschlagen. Die Arbeiten daran hörte auch der Seconde-Lieutenant von Kalckreuth vom 5. Pommerschen Husarenregiment. Der Beginn des Einmarsches nach Russland stand kurz bevor:

"Ein sehr schweres Gewitter stand gerade über uns, als wir die Brücke passierten, mehreremal schlug der Blitz in den Njemen ein und machte unsere Pferde scheu, gleichzeitig regnete es so heftig, dass wir ganz durchnäßt auf russischem Boden ankamen. Leider eine üble Vorbedeutung!"

Von Kalckreuths Ahnung trog nicht. Und das war erst der Anfang! Seit Ende des Jahres 1811 hatte Napoleon Truppen zusammengezogen, den Krieg mit dem verbündeten Zarenreich vor Augen. Schließlich waren es mehr als eine halbe Million Soldaten, nicht mitgerechnet die Zivilisten, die diese Heeressäulen begleiteten. In ihnen spiegelte sich das geografische und ethnische Ausmaß des napoleonischen Universalreiches. Die Wenigsten von ihnen sollten wiederkehren.

"Soldaten! In Tilsit schwor Rußland ewiges Bündnis mit Frankreich und Krieg gegen England. Heute bricht es seine Schwüre. Es stellt uns zwischen Entehrung und Krieg. Die Wahl kann nicht zweifelhaft sein. Marschieren wir also! Gehen wir über den Njemen und tragen den Krieg auf russischen Boden."

Napoleons Proklamation wurde am Morgen des 24. Juni verkündet. Doch der russische Boden, auf den er den Krieg zu tragen gedachte, zeigte sich widerständig. Schon die Bedingungen des Vormarsches waren schrecklich: Gewaltmärsche auf Sand- oder Schlammpisten bestimmten die ersten Tage. Bei 36 Grad Celsius Hitze, unterbrochen von heftigen Regengüssen, umschwirrt von Bremsen und Mücken, deprimiert durch den Wegesrand säumende tote Kameraden und Pferde und angeekelt vom aufsteigenden Gestank, plagte die Männer Durchfall, Hunger und Durst. Auch die Pferde litten, wie der britische Historiker Adam Zamoyski zu berichten weiß:

"Aufgrund ungewohnten Futters bekamen sie Koliken und Durchfall oder Verstopfung. Ein Artillerieoffizier notierte, dass er und seine Männer den armen Kreaturen den Arm bis zum Ellbogen in den Anus stecken mussten, um sie von steinharten Kotklumpen zu befreien. Ohne eine derartige Fürsorge blähten sich die Pferdemägen auf und explodierten."

Trotz aller Widrigkeiten kamen die Truppen voran. Aber eine Entscheidungsschlacht, als deren taktischer Meister sich Napoleon immer wieder gezeigt hatte, blieb zunächst aus. Als sie dann kam – bei Smolensk und vor Moskau, bei Borodino – führte sie zu immensen Verlusten, aber nicht zu einer Entscheidung. Der Kaiser hätte gewarnt sein können. Unmittelbar vor dem Einmarsch ließ ihm Zar Alexander I. mitteilen:

"Wenn das Waffenglück gegen mich sein sollte, zöge ich mich lieber bis nach Kamtschatka zurück, als dass ich Provinzen abträte. Der Franzose ist tapfer; aber lange Entbehrungen und ein hartes Klima entmutigen ihn. Unser Klima, unser Winter werden für uns kämpfen."

Russische Offiziere befahlen zwar nur widerwillig den Rückzug. Doch nahmen so die Entfernungen für die Grande Armée zu, und die Versorgung wurde immer schwieriger. Zum Glück, so notierte ein französischer Offizier, ...

"... haben wir grenzenloses Vertrauen in das überragende Genie Napoleons. Er ist der Armee Vater, Held und Halbgott."

Als Napoleon Bonaparte am 14. September 1812 für ein paar Tage sein Quartier im Kreml bezog, war der Feldzug verloren. Er entpuppte sich als eine riesige Falle, die in Moskau zuschnappte. Am 19. Oktober begann der Rückzug aus der verbrannten und geplünderten Stadt. Beladen mit Beutegut, fortwährend dezimiert durch einen schonungslosen Partisanen- und Kosakenkrieg und ausgezehrt von Hungerödemen und Typhus, marschierten die Soldaten ins Unvermeidliche: in den russischen Winter. Am Ende sind – unvorstellbar bis dahin – in diesem Krieg auf beiden Seiten über eine Million Menschen umgekommen.

Am 18. Dezember 1812 erreichte der Kaiser Paris und mit ihm die Nachricht, dass die Grande Armée aufgehört hatte zu existieren. Napoleon bemerkte gegenüber seinen Ministern:

"Das Glück hat mich geblendet. Ich bin in Moskau gewesen. Ich hatte geglaubt, dass ich dort einen Friedensvertrag unterzeichnen würde. Ich habe einen Fehler gemacht. Ich bin zu lange geblieben."

Ich, ich, ich – kein Wort zum Tod und den Qualen seiner Männer. Noch im Exil auf Sankt Helena ist er überzeugt: Wäre er bei Borodino gefallen, so wäre ihm der Ruhm sicher gewesen. Als ewiger Sieger aber war er entzaubert und seine Aura dahin.

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Kalenderblatt

SpionageEin Spitzel im Kanzleramt

Ausgelassen kickt Bundeskanzler Willy Brandt am 13.6.1973 bei einer Gartenparty einen Ball über den Rasen vor dem Palais Schaumburg. Unter den Zuschauern: Günter Guillaume (Mitte, heller Anzug)

Die Nachricht der Verhaftung des Agentenpaares Günter und Christel Guillaume am 24. April 1974 sorgte in der Bonner Republik für einen Schock. Es folgte das Ende der Ära von Bundeskanzler Willy Brandt.

TheaterZum Klingen gebrachte Sprache

Ein bislang unbekanntes Portrait des englischen Lyrikers William Shakespeare wird am 12.02.2014 in Mainz (Rheinland-Pfalz) präsentiert.

Am 23. April 1564 soll er geboren sein - darauf hat sich die Forschung verständigt. Dokumente über das Leben Shakespeares sind rar. Dennoch sind sich Literaturwissenschaftler einig - er ist einer der bedeutendsten Dramatiker.

Vor 125 JahrenUS-Regierung verschenkte Land der Indianer

Die meisten der mehr als 300.000 Cherokee in Oklahoma.

Der "Oklahoma Land Run" war ein spektakuläres Ereignis: ein gigantisches Wettrennen mit Gratis-Farmland als Preis. Noch immer wird es regelmäßig nachgespielt - als Höhepunkt des Pioniergeistes.

 

Zeitreisen

SemantikAlles klar?

Aktivisten demonstrieren am 18.10.2012 in Berlin vor dem Reichstag für mehr Transparenz bei den Nebeneinkünften von Bundestagsabgeordneten. 

Transparenz ist eines der wichtigsten Schlagworte des gesellschaftlichen Diskurses. Doch der Traum von totaler Durchsichtigkeit ist nicht erst eine Erfindung des digitalen Zeitalters.