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Fazit / Archiv | Beitrag vom 04.10.2013

Fahl, flau, flach

Enrico Lübbes Saison- und Intendanz-Start am Schauspiel Leipzig

Von Michael Laages

Der Intendant des Schauspiel Leipzig, Enrico Lübbe, will eine neue Ära starten. (picture alliance / dpa / Hendrik Schmidt)
Der Intendant des Schauspiel Leipzig, Enrico Lübbe, will eine neue Ära starten. (picture alliance / dpa / Hendrik Schmidt)

Offensichtlich möchte sich Enrico Lübbe, der neue Intendant am Schaupiel Leipzig, von seinem Vorgänger Sebastian Hartmann abgrenzen. Beim Auftakt bietet Lübbe ein ein breites Spektrum an Theaterstücken, kann aber Hartmanns Saisonstart vor fünf Jahren nicht übertrumpfen.

Dass staatliche Gremien für derlei Schmarren noch immer Gelder locker machen, hat fast das Zeug zum Skandal. In Leipzig jedenfalls markierte ausgerechnet die "freie Szene" den Tiefstpunkt der Leipziger Eröffnung. Sehnsüchtig mag sich, wer dabei war, an Sebastian Hartmanns Auftakt vor fünf Jahren erinnern: und damit an eine überwältigende Überforderung für alle, Theater und Publikum. Nicht nur dagegen blieb Lübbes Start bedenklich fahl und flau und flach.

Mit gutem Grund hat Enrico Lübbe, der neue Intendant am Leipziger Schauspiel, zum Auftakt der ersten eigenen Saison, möglichst viele Regie-Profile an den Start geschickt und sich selbst sogar dezent zurück gehalten bis zum allerletzten der drei Eröffnungsabende. Dem Vorgänger Sebastian Hartmann war zuvor stets vorgehalten worden, er präge mit der eigenen umstrittenen Handschrift viel zu sehr das Profil des Hauses – auch darum setzt der Nachfolger nun konsequent auf Vielfalt.

Und Lübbes eigener Blick auf Lessings "Emilia Galotti" markierte den Schlusspunkt – das aber war auch nötig. Denn der Marathon zuvor geriet mehr als durchwachsen; und nur Claudia Bauers Uraufführung von Wolfram Hölls jüngstem Text "Und dann …", ausgezeichnet im Vorjahr auf dem "Stückemarkt" beim "Theatertreffen" in Berlin, hat die Erwartungen erfüllen können.

Erinnerungen an die DDR

Einmal mehr beschwört Höll die verschwindenden Erinnerungen an die Endzeit der DDR – aus der Sicht eines Kindes, dem nicht nur die Gewissheiten gesellschaftlicher Ordnung abhanden kamen, sondern das zuvor offenbar auch schon die Mutter verlor; wodurch auch immer, Scheidung, Ausreise oder Tod.

Der Vater, vermutlich im Leipziger Uni-Betrieb an höherer Stelle beschäftigt und technisch höchst versiert als Radio-Bastler und Hobbyfilmer, kreiert im schönsten Moment des Textes eine sehr spezielle Erinnerung an Mama: als er auf dem Plattenbau gegenüber per Film-Projektor Mutter wieder auferstehen lässt, sie zurück holt ins Leben der Kinder.

Der Text ist nicht auffällig theatralisch, eher rätselhaft in Poesie und Erzählung – Regisseurin Bauer und Ausstatter Andreas Auerbach kontern ihn mit Kinder- und Puppenspiel, Ganzkopfmasken, ausgestopften Bäuchen und riesigen Micky-Maus-Händen; sogar Pittiplatsch und seine Freunde, aus dem Paläozoikum des DDR-Kinderfernsehens, sind mit dabei. Das schmerzhafte Erinnern wird so zum furiosen, intelligenten Spiel mit fast vergessener Wirklichkeit.

Keine der anderen Leipziger Auftakt-Inszenierungen erreichte diese Intensität: auch nicht das Gedankenspiel um Liebe und Pflicht in Grillparzers fundamentaler Fabel um "Des Meeres und der Liebe Wellen", das die slowenische Regisseurin Mateja Koleznik zwar konzentriert und verdichtet auf hoher Felsenklippe zeigte, aber nie an den Punkt zu bringen verstand, in dem die Mythen-Beschwörung um Hero und Leander notwendig wird fürs Hier und Heute.

Nur ein halber Othello

Auch Christoph Mehler hatte die Chance mit "Othello" letztlich vertan am Abend zuvor – zwar löste er geschickt die ewige Frage um Schwarz oder Weiss beim Titelhelden, indem er ihn fast abendfüllend ins bühnengroße Wasserbecken stellte und so beleuchtete, dass er immer nur als dunkler Schatten präsent war. Erst als ihm das Gift der Eifersucht eingepflanzt ist, stürzt er ins Wasser, bindet sich nackt die schwarze Jacke als Lendenschurz um und darf nun in neuem Licht weiß und tödlich verwirrt sein. Der starken Idee opfert Mehlers nun allerdings und durchaus konsequent den Rest des Stückes; kaum ist Othello eifersüchtig, mordet er auch. Und Schluss. Da käme noch mindestens ein ganzer Akt. Und auch generell ist das kaum mehr als der halbe "Othello".

"Der Lärm-Krieg" jedoch, Kathrin Rögglas neuer Text, ist als Leipziger Auftragsarbeit nicht mal diese Hälfte wert – das fahrige Gewurschtel um Frankfurter Wutbürger, die gegen eine neue Start-und-Landebahn am Flughafen kämpfen, gewinnt auch in Dieter Boyers Inszenierung keine Kaft. Den Gipfel der Belanglosigkeit leistete sich Leipzigs Schauspiel aber gleich zu Beginn – mit "Who’s there?", einer sage und schreibe fünfeinhalb Minuten langen Performance der freien Gruppe "Monster Truck", die jeweils ein Stück Publikum zwischen vier kleinen Podien platziert, von denen herab vier Publikümmer den Gast im Wechsel bestaunen - fünfeinhalb Minuten lang. Dann darf der Kunde bleiben und mitstaunen oder gehen. Gehen ist besser – "Monster Truck" beweist vor allem die grundsätzliche Geistlosigkeit, die auch in aktuellen Freie-Szene-Produktionen grassiert.

Dass staatliche Gremien für derlei Schmarren noch immer Gelder locker machen, hat fast das Zeug zum Skandal. In Leipzig jedenfalls markierte ausgerechnet die "freie Szene" den Tiefstpunkt der Leipziger Eröffnung. Sehnsüchtig mag sich, wer dabei war, an Sebastian Hartmanns Auftakt vor fünf Jahren erinnern: und damit an eine überwältigende Überforderung für alle, Theater und Publikum. Nicht nur dagegen blieb Lübbes Start bedenklich fahl und flau und flach.


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