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Facetten des arabischen Alltags und eine Reise in die Vergangenheit

Das 4. Festival des arabischen Films in Berlin

Von Wolfgang Martin Hamdorf

Im Eröffnungsfilm "Fidaï" thematisiert Regisseur Damien Ounouri die algerische Unabhängigkeitsbewegung.
Im Eröffnungsfilm "Fidaï" thematisiert Regisseur Damien Ounouri die algerische Unabhängigkeitsbewegung. (picture alliance / dpa / AFP)

Auf dem 4. Arabischen Filmfestival in Berlin geht es nicht nur um die jüngsten Umbrüche in der arabischen Welt. Einige der arbaischen Filmemacher setzen sich auch mit den Unabhängigkeits- und Befreiungsbewegungen der Vergangenheit auseinander.

Algerien, vor mehr als 50 Jahren: Die Soldaten der Kolonialmacht, Verhaftungen, Erschießungen. Ein grauhaariger, gebeugter Mann erzählt lebhaft von seinen Erinnerungen an den Widerstand. En – Hadi ist der Großonkel des algerischen Regisseurs Damien Ounouri. Während des Algerienkrieges ging er nach Frankreich und war Mitglied einer geheimen Widerstandszelle, plante Morde und tötete. FIDAI, das bedeutet auf arabisch Kämpfer, bewaffneter Kämpfer, und in seinem gleichnamigen Dokumentarfilm fährt der Regisseur mit seinem 70-jährigen Großonkel an die Orte von Repression, Folter und Widerstand; - eine Reise auch in die dunklen Seiten der Vergangenheit, aber auch eine Annäherung von zwei Generationen über die Erinnerung. Für die deutsche Koproduzentin Irit Neidhardt ist FIDAI eine Gratwanderung:

"Einerseits den Großonkel zu verehren, das hat ja auch etwas heldenhaftes zu kämpfen und gleichzeitig die Herausforderung keinen Helden aus ihm zu machen, eben weil der Mord eine Rolle spielt. Für mich ist das eben die zentrale Frage gewesen, die sich durch den Film zieht und auch durch alle Gespräche: Also, dass wir alle, die wir in dem Film beteiligt sind, in welcher Form auch immer, natürlich erst einmal hinter dem Befreiungskampf stehen, auch wissen, dass er bewaffnet war und andererseits eine Ebene zu haben, wo durch diesen sehr , warmen fragilen alten Mann eine ganz andere Dimension bekommt. Also wir haben hier nicht den potenten Kämpfer, Macho, Chauvi vor uns gehabt, der sicherlich auch etwas abstoßendes hat in seiner Heldenhaftigkeit, sondern einen sehr bescheidenen, sehr ruhigen alten Mann."

Auch Filmemacher aus anderen arabischen Ländern setzen sich über persönliche Familiengeschichte mit der kollektiven Vergangenheit von Widerstand und Unterdrückung auseinander. Dabei reduziert die persönliche Dimension auch das Pathos offizieller Berichterstattung oder Erinnerungskultur, sagt Fadi Abdelnour, der künstlerische Leiter des Festivals:

"Besonders in diesen Filmen ist die Leistung der Filmemacher, dass die trotzdem aus dieser persönlichen Geschichte einen Film machen, der für alle interessant ist, dass auch jeder seinen Teil finden kann, seine persönliche Geschichten reflektiert, Sachen, die er aus den Medien gehört hat, oder Nachrichten wieder reflektiert."

So untersucht ein junger palästinensischer Filmemacher die Umstände des Todes seines Onkels, der angeblich als sogenannter Märtyrer gegen die israelische Besatzung umgekommen ist. Ein junger libanesischer Regisseur porträtiert seine Mutter und erzählt so von den tiefen Wunden, die der Bürgerkrieg im Libanon hinterlassen hat. Die 13 Spiel- und Dokumentarfilme zeigen stilistisch sehr unterschiedlich, vom schwarzen Humor bis zum sozialen Melodrama, vom persönlichen Interview zum verfremdenden Einsatz von Archivmaterialien, ganz unterschiedliche Facetten des Arabischen Alltags. Für die Programmleiterin des Festivals Claudia Romdhane beschreiben die Filme des Festivals auch ein neues Lebensgefühl:

"Aber ich denke, man kann diese Stimmung, die sich einerseits in der Revolution niedergeschlagen hat, andererseits aber auch in so persönlichen Geschichten, die eben dann auch historische Hintergründe aufgreifen, kann man wirklich zusammenfassen als eine Jugendbewegung, also weil es eben sehr viele junge Filmemacher sind, die ein ganz anderes Verhältnis zu ihrem Land, zu ihrer Geschichte und auch zu ihrem Nächsten haben."

Dieser neue Blick zeigt sich als Nebeneinander von Spektakulärem und Alltäglichem, etwa in dem ägyptischen Dokumentarfilm "On the Road to Downtown". Der junge Regisseur Sherif El Bendary zeigt die alltäglichen Seiten des charismatischen Tahrir Platzes, der zum Zentrum der Protestbewegung wurde. Er dokumentiert jetzt in vielen kleinen Details eine Gegenwart zwischen Routine und Umbruch, zeigt das Leben um den Platz, die Straßenverkäufer, das Verkehrschaos, den Ehrgeiz der Stadtplaner und die Erinnerungen an den Ausnahmezustand.

"Ich wollte keinen Film über die Revolution drehen. Ich hatte meinen Film schon vorher geplant, dann drang die Revolution in mein Projekt ein. Ich wollte einen Film über diesen Platz machen und hier kam es plötzlich zur Revolution. Ich konnte das nicht ignorieren, wollte mein Konzept aber auch nicht völlig ändern. Die politische Dimension ist am Ende natürlich auch dabei, aber in einer erträglichen Dosis."

Die politische Dimension in erträglicher Dosis, und die Revolution, der arabische Frühling und die ganz großen Themen in einem persönlichen Kontext, charakterisieren viele der arabischen Filme in Berlin. Das macht sie zu einem angenehmen Kontrast zum andauernden Erregungszustand vereinfachender Fernsehberichterstattung.

Information:
Das 4. Alfilm-Festivalfindet vom 5. bis zum 11. November in Berlin statt.

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