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Thema / Archiv | Beitrag vom 27.02.2007

Extrem selektiv und diskriminierend

UN-Sonderberichterstatter rügt deutsches Bildungssystem

Von Jacqueline Boysen

Schüler einer Grundschulklasse in Frankfurt (AP)
Schüler einer Grundschulklasse in Frankfurt (AP)

Das Urteil des Sonderberichterstatters der UN-Menschenrechtskommission Vernor Muñoz über das deutsche Schulwesen fällt sehr deutlich aus: Das dreigliedrige System wirke sehr selektiv und diskriminierend. Insbesondere für Kinder aus sozial schwachen Elternhäusern, aus Migrantenfamilien und für behinderte Kinder sei das deutsche Bildungssystem zu starr.

"Nicht die Menschen müssen sich dem System anpassen, sondern das Bildungssystem muss sich den Menschen anpassen", rät der Sonderberichterstatter der UN-Menschenrechtskommission Vernor Muñoz in seinem 26-seitigen Bericht über das deutsche Schulwesen streng.

Insbesondere Kindern aus sozial schwachen Elternhäusern, Migranten und behinderten Schülern werde die Starre deutsche Ordnung des mehrgliedrigen Schulsystems mit seiner frühen Entscheidung für eine Schulform nicht gerecht. Es wirke "extrem selektiv" und diskriminierend – nicht zuletzt, weil die Sprünge von der Haupt- zur Realschule und schließlich auf das Gymnasium nahezu unmöglich seien. Es mangele also an Durchlässigkeit zwischen den Schulformen, was die soziale Schieflage in der Schülerschaft verstärke.

Dreißig Schulen in vier Bundesländern hat Muñoz im vergangenen Jahr besucht, um zu überprüfen, inwieweit das Recht auf Bildung in Deutschland getreu der Erklärung der Menschenrechte durchgesetzt ist. Die Folgen der deutschen Teilung für das Schulsystem zu beurteilen, fällt dem Jura-Professor aus Costa Rica sichtlich schwer, er reduziert sein Urteil darauf, eine Kluft zwischen armen und reichen Familien oder Bundesländern festzustellen.

Nicht alles freilich gilt ihm als kritikwürdig: So lobt der der UN-Menschenrechtsinspektor nach seinem Besuch das auf 18 Jahre heraufgesetzte, vergleichsweise lange Pflichtschulalter in Deutschland, konstatiert nach den PISA-Tests tatsächlich erste Reformschritte, moniert aber eine grundsätzliche Unwilligkeit in Deutschland, sich vom gegliederten Schulwesen zu verabschieden. Als Begründung gibt er die "Angst vor dem Verlust von Privilegien" an.

Deutsche Lehrer seien, so Muñoz’ Kritik, nicht immer ausreichend geschult, ihre Ausbildung müsse verbessert werden. Man arbeite in Deutschland traditionell die Defizite des einzelnen Schülers stark heraus, individuelle Fähigkeiten aber würden zu wenig betont – geschweige denn bewusst gestärkt. Das deutsche Bildungssystem wirke ausgrenzend, nicht integrativ, befindet nach den PISA-Bildungsforschern auch Muñoz und mahnt an, dass die Schulen sich ihrer Aufgabe als Regelschulen auch Behinderten gegenüber offener zeigen sollten. Die Eltern müssten selbst entscheiden können, welche Schule ihrem behinderten Kind die beste Ausbildung bieten kann: eine herkömmliche oder eine spezialisierte Sonderschule.

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