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Extrem klimafeindliche Methan-Schleuder

Wissenschaftler kritisieren Amazonas-Wasserkraftwerke

Von Klaus Hart

Der Amazonas zeigt sich mit versandeten Ufern
Der Amazonas zeigt sich mit versandeten Ufern (AP Archiv)

Brasiliens Wasserkraftwerke decken den Strombedarf des Riesenlandes zu etwa 80 Prozent und werden als sehr klima- und umweltfreundlich gerühmt. Es gebe keinerlei schädliche Emissionen, so dass sauberer Strom erzeugt werde. Renommierte brasilianische Wissenschaftler nennen solche Argumente bereits seit den 90er-Jahren grundfalsch.

Gerade in Amazonien seien Wasserkraftwerke wegen der hohen Emissionen von giftigem Methan und CO2 häufig klimaschädlicher als Wärmekraftwerke. Das geplante Wasserkraftwerk Belo Monte werde eine regelrechte Treibhausgas-Fabrik.

Brasilianische Touristen schippern fröhlich mit einem Musikdampfer über einen Riesenstausee, trinken Caipirinha und bekommen von den Reiseleitern des mit veranstaltenden Energieunternehmens wortreich und blumig Naturschönheiten der Uferlandschaft erklärt. Dass es sich auch bei diesem Wasserkraftwerk um eine extrem klimafeindliche Methan-Schleuder handelt, erfahren sie natürlich nicht. Für Professor Dr. Sergio Pacca von der Bundesuniversität in Sao Paulo ist die Produktion von Treibhausgasen durch Wasserkraftwerke seit Jahren ein Forschungsgegenstand:

"Methan entsteht im Staubecken durch Zersetzung organischer Materie ohne Sauerstoff mittels Mikroorganismen. Je höher die Temperatur, umso schneller läuft der Prozess ab. In tropischen Ländern vermehren sich die Mikroorganismen rascher und bilden entsprechend mehr Methangas als in den kühleren Ländern. Bei einem neuen Staubecken wird die dortige reiche Biomasse überflutet – Basis der Methanproduktion. Selbst wenn die teilweise vorhandenen Wälder vorher gefällt wurden, bleibt noch umfangreiches Wurzelwerk im Boden. Das entstehende Methan wird an die Atmosphäre abgegeben, trägt sehr stark zum Treibhauseffekt bei."

Dr. Sergio Pacca betont, dass Methan die Klimaerwärmung viel stärker fördert als das Kohlendioxid CO2. Das Potential von einer Tonne Methangas sei 21-mal größer als von einer Tonne CO2, laut neueren Studien sogar 34-mal größer:

"Selbst kleinere Mengen Methan müssen daher beim globalen Klimawandel wichtig genommen werden. Und wenn bei stark wechselnden Wasserständen wie am Amazonasfluß Rio Madeira der Beckenschlamm, die Sedimente an den Uferwänden freiliegen und hoher Temperatur ausgesetzt sind, ergeben sich beste Bedingungen für die Methanproduktion, entweicht das Gas rasch in die Atmosphäre. Bei dem von der Regierung geplanten Amazonas-Wasserkraftwerk Belo Monte am Rio Madeira wird dieser Fall eintreten – wird Belo Monte daher signifikant zum Entstehen von Treibhausgasen beitragen. Es ist daher nicht haltbar, Wasserkraftwerke mit anderen Energietechnologien zu vergleichen, ohne den Methan-Faktor zu berücksichtigen."

Doch genau dies geschieht – weiterhin ist die Rede von klima- und umweltfreundlichen Staudämmen Brasiliens ohne schädliche Emissionen. Etwa 4000 Kilometer nördlich von Sao Paulo, in der Amazonasmetropole Manaus, forscht der weltweit angesehene Biologe Philip Fearnside in drückender Tropenhitze um die 40 Grad am staatlichen Nationalinstitut für Amazonasstudien/INPE – und nutzt gerne anschauliche Beispiele, wie das beim Öffnen einer Colaflasche zischend entweichende Gas oder die leer laufende Badewanne:

"Alles organische Material, Kohlenstoff im Boden, Bäume und Wasserpflanzen zersetzen sich auf dem Grund des Stausees – das Wasser dort ist also unter hohem Druck stark methanhaltig. Die Turbinen bekommen ihr Wasser von dort, ebenso der Sicherheitsablauf für überschüssiges Wasser, das dann wie aus einer Badewanne nach unten abfließt. Die Wassermassen treiben unter hohem Druck die Turbinen und gelangen dann plötzlich an die freie Atmosphäre. Die im Wasser gebundenen Gase, darunter Methan, zischen in Bläschen heraus, deshalb mein Vergleich mit der Colaflasche. Und so wird der Treibhauseffekt gefördert. In Amazonien wirken Wasserkraftwerke häufig schädlicher, negativer als die zur Elektrizitätsgewinnung verbrannten fossilen Energieträger."

Philip Fearnside nennt die Staudämme regelrechte Methanfabriken, erst nach etwa 100 Jahren würden die Emissionen geringer. Die bereits in Amazonien existierenden Wasserkraftwerke produzieren daher keineswegs saubere Energie, seien in Bezug auf den Klimaschutz keineswegs nützlich. Ebenso wie Dr. Pacca in Sao Paulo kritisiert der Biologe scharf das geplante Belo-Monte-Stauwerk:

"Vier Monate im Jahr kann man wegen tiefen Wasserstands keine einzige Turbine betreiben, entsteht dann ein Schlammbecken von 3500 Quadratkilometern, wo üppig Pflanzen wachsen, die später zu Methan zersetzt werden."

In amtlichen Umweltgutachten für Brasiliens Wasserkraftwerke wird stets nur der geringe Gasaustritt über die Wasseroberfläche berücksichtigt, nicht der über Turbinen und Sicherheitsablauf. Es ist daher zu befürchten, dass auch in Zukunft Touristen auf einem Musikdampfer sich nicht über blubberndes Wasser wundern werden.

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