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Interview / Archiv | Beitrag vom 14.03.2011

Experte: Katastrophe wie in Tschernobyl nicht ausgeschlossen

Explosionen im japanischen Atomkraftwerk

Michael Sailer im Gespräch mit Jan-Christoph Kitzler

Der beschädigte Reaktor 1 des AKW Fukushima (picture alliance / dpa)
Der beschädigte Reaktor 1 des AKW Fukushima (picture alliance / dpa)

Als das schlimmste mögliche Szenario bezeichnet der Sprecher der Geschäftsführung des Öko-Instituts Freiburg, Michael Sailer, eine Katastrophe wie in Tschernobyl. "Das ist technisch immer noch drin", so der Atomenergie-Experte.

Jan-Christoph Kitzler: Droht nun der GAU oder nicht nach dem schweren Erdbeben in Japan? Fakt ist, es hat Explosionen gegeben am Kernkraftwerk Fukushima 1, heute auch am dortigen Meiler 3, und dort wurden auch Teile des Reaktorgebäudes weggesprengt. Über dem Komplex, das zeigen Fernsehbilder, steht eine Rauchwolke. Was ist dort passiert und was passiert dort möglicherweise noch, was droht? Das will ich jetzt mit Michael Sailer besprechen, er gehört zur Geschäftsführung des Öko-Instituts und ist seit 1999 Mitglied der Reaktor-Sicherheitskommission. Schönen guten Morgen!

Michael Sailer: Ja, guten Morgen!

Kitzler: Kann man das überhaupt beurteilen, wie viel Zerstörung hat diese neue Explosion am Meiler 3 angerichtet?

Sailer: Also man kann nur das sehen, was aus den Fernsehbildern da ist. Die wichtigere Frage ist ja, ob das auch Beschädigungen jetzt an der inneren Stahlschale oder am Reaktorsystem oder an den Notmaßnahmen gemacht hat. Und das kann man so nicht beurteilen.

Kitzler: Die Japaner sagen ja, der Druckbehälter ist angeblich noch unbeschädigt. Man muss den ja weiterhin kühlen, um eine Kernschmelze zu verhindern. Ist das jetzt in diesen Trümmern überhaupt technisch machbar?

Sailer: Also die Japaner haben ja seit gestern versucht, in beiden Reaktoren, 1 und 3, mit der Mehrwasserflutung zu beginnen. Da wird außerhalb von dem Reaktordruckbehälter, aber innerhalb der Stahlschale des Sicherheitsbehälters das Wasser reingebracht. Die Hoffnung ist, dass genügend von der Wärme, die innerhalb vom Reaktordruckbehälter durch die Brennelemente oder vielleicht schon Schmelze produziert wird, wieder abzuziehen. Ob das funktioniert, hat keiner vorausgerechnet. Man wird sehen.

Kitzler: Bei Reaktor 3 sind ja Brennstäbe im Einsatz, die Plutonium enthalten, bei Reaktor 1 war das anders. Was bedeutet das denn für eine mögliche Kernschmelze?

Sailer: Das bedeutet keinen wesentlichen Unterschied, anders als viele Leute befürchten, weil Sie haben natürlich auch Plutonium in den Uranbrennstäben drin. Sie haben ein bisschen unterschiedliche Mengen, wenn Sie mit Plutonium anfangen, wenn Sie mit Uran anfangen, baut sich es auch auf. Die Frage, welche Auswirkung es hat, wenn massive Radioaktivitätsmengen nach außen kommen, das bedeutet eigentlich nur, es kann im%bereich anders sein von der Strahlenbelastung, aber da macht Wetter, Explosionen, Freisetzung viel mehr Unterschiede als Uranbrennstoff oder Plutoniumbrennstoff.

Kitzler: Ich möchte Sie mal bitten, zwei Szenarien zu entwerfen: Was ist denn in Ihren Augen jetzt angesichts der Lage ein glimpflicher Ausgang bei diesem Kernkraftwerk, und was passiert, wenn es zum GAU kommt?

Sailer: Also der glimpfliche Ausgang ... Ich muss jetzt sagen, es geht nicht nur um die zwei Kraftwerke, sondern es geht um die zehn Kraftwerke, die da in der Region sind, weil die anderen haben ja auch Kühlungsprobleme. Der glimpfliche Ausgang ist, man hält es im Stadium, wie es jetzt ist, vielleicht gibt es ab und zu noch eine Wasserstoffexplosion, vielleicht gibt es auch ab und zu Freisetzungen von Radioaktivitätsmengen, wie es ja in den letzten Stunden schon passiert ist, das ist noch relativ wenig, und es gelingt über diese Meerwassergeschichte auf Dauer, die Schmelze, die Brennelemente wieder so weit abzukühlen, dass man Richtung eines kühlbaren Zustands kommt. Dann gibt es eben keine massive Freisetzung von Radioaktivität.

Kitzler: Und ein möglicher GAU hätte ja dann aber massive Folgen auch für die Bevölkerung. Reicht denn diese Zone, die jetzt eingerichtet wurde von 20 Kilometern, dann aus?

Sailer: Das hängt total vom Wetter ab, es sind viele Wettersituationen vorstellbar, bei denen die nicht ausreichen würde.

Kitzler: Wie kann man überhaupt die Bevölkerung sinnvoll schützen? Also jetzt wird hier immer davon berichtet, man soll sich nasse Lappen vor Mund und Nase halten, es werden Jodtabletten verteilt. Ist das überhaupt wirksam?

Sailer: Also wenn Sie Jodtabletten, spezielle Jodtabletten nehmen, bevor die Wolke vorbeikommt nach der Freisetzung, dann ist die Schilddrüse blockiert, dann nehmen Sie viel weniger radioaktives Jod im Körper auf, das hilft. Und wenn Sie im Haus bleiben, ist natürlich die Strahlung aus der radioaktiven Wolke ein Stück weit durch die Wände und durchs Dach abgeschirmt. Auf Dauer hilft das natürlich nichts, aber um die erste große Strahlendosis zu reduzieren, helfen die Maßnahmen schon was.

Kitzler: Sie haben vorhin von dem günstigen Szenario gesprochen, da ist ja immer viel vom Wind die Rede, dass die Wolke möglicherweise auf den Pazifik hinausgetrieben wird. Kann da die Strahlung nicht auch Schäden anrichten?

Sailer: Die Strahlung, wenn sie rauskommt, wird natürlich Schäden anrichten, aber die Frage ist, wo und in welcher Intensität. Und das wird man erst sehen, wenn wir da durch sind.

Kitzler: Es wird ja jetzt immer viel verglichen mit Tschernobyl. Ist das in Ihren Augen ein legitimer Vergleich?

Sailer: Also das schlimme Szenario, Sie haben mich ja vorhin danach gefragt, ist, dass es zu ähnlich hohen Freisetzungen kommt und die sich auch in Japan oder Umgebung niederschlagen. Und das ist technisch immer noch drin.

Kitzler: Michael Sailer war das, er gehört zur Geschäftsführung des Öko-Instituts und ist seit '99 Mitglied der Reaktor-Sicherheitskommission. Haben Sie vielen Dank für die Einschätzung!

Sailer: Ja, bitte schön!



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Zweiter Block gelüftet - <br> Notmaßnahmen auch in Block 3 von Fukushima Dai'ichi
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