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Fazit / Archiv | Beitrag vom 15.03.2005

Exot und Wanderer

Ausstellung über Elias Canetti

Von Oliver Seppelfricke

Elias Canetti in Zürich 1977 (Museum Strauhof Zürich; © Bildarchiv Elias Canetti Erben durch Carl Hanser Verlag, München)
Elias Canetti in Zürich 1977 (Museum Strauhof Zürich; © Bildarchiv Elias Canetti Erben durch Carl Hanser Verlag, München)

Elias Canetti ist unter den Schriftstellern des 20. Jahrhundert ein Exot. Vier Sprachen erlernte er in seiner Kindheit, er erlebte die antisemitischen Pogrome in Österreich und anschließende Flucht, und schrieb doch ganz selbstverständlich auf Deutsch. Das Zürcher Museum Strauhof widmet Canetti nun zu dessen 100. Geburtstag eine große Ausstellung zu Leben und Werk.

Unter den Schriftstellern des 20. Jahrhundert ist er ein Exot. Schon allein seiner Herkunft wegen. Aufgewachsen ist er in Bulgarien. Von den Eltern, die levanthinische Juden waren, lernte er erst Spaniolisch, dann Deutsch, mit sechs zieht er nach England, von da geht es nach Wien und dann nach Zürich und Frankfurt. Ein Leben im Durchzug und in vier Sprachen. Und so ist es kein Wunder, dass Sprache für Elias Canetti immer ein ganz besonderes Thema war. Sven Hanuschek, Canetti-Biograf und Leiter der Ausstellung im Züricher Museum Strauhof:

"Ich würde doch sagen, dass Sprache etwas Bedrohtes war, wenn Sie diesen Lebenslauf ansehen. Er hat Ladino gelernt als erste Sprache, Bulgarisch sicher noch im Ohr von den Kindermädchen, Türkisch dazu. Canetti war ja Türke, um das mal ganz deutlich zu sagen von der Staatsbürgerschaft. Auch nach der Souveränität Bulgariens ist er Osmane geblieben, die ganze Familie.

Es gab dann diese Umzüge. Nach England. Er hat da Lesen gelernt, in englisch, ist dort zum ersten Mal in die Schule gegangen. Und dann kam eigentlich das Deutsche dazu. Das waren sehr frühe grundsätzliche Wechsel. Und dann kam in den dreißiger Jahren das Exil dazu. Also Sprache ist schon etwas, was man sich sehr schwer erarbeiten muss."

Canetti: "Ich kam als Kind von etwa acht Jahren von England nach Wien und als man "Heil Dir im Siegerkranz" sang, sang ich aus Trotz dieselbe Melodie zu den Worten der englischen Hymne mit meinen kleinen Brüdern und wurde daraufhin von der Menge, die da um uns stand und die eigentlich ganz aus Erwachsenen bestand, verprügelt. Das war das erste Erlebnis dessen, was ich eine Hetzmeute nenne."

Die Ausstellung in Züricher Museum Strauhof breitet Leben und Werk des Elias Canetti ungeheuer materialreich und ausführlich aus. Zahlreiche Fotos, Briefe, Ton- und Filmdokumente, Bücher, Theaterplakate und Handschriften geben einen lebendigen Eindruck von diesem reichen Dichterleben. Als er 17 war, fand Canetti den Stoff seines Lebens. In Deutschland.

Canetti: "Später dann, in Frankfurt – ich ging ja in Frankfurt zur Schule später – da erinnere ich mich an die erste Demonstration, politische Demonstration würde ich sagen, das war nach der Ermordung Rathenaus im Jahr ´22, glaube ich. Da war eine große Arbeiterdemonstration auf der Zeil. Und da wurde ich zum ersten Mal selbst ein Mitglied, ein Angehöriger einer Masse. Ich spürte plötzlich, dass etwas mit mir geschieht. Ich war sehr aufgeregt. Ich verstand nicht, was mit mir geschieht. Und eigentlich von diesem Augenblick an habe ich mich immer gefragt, was eine Masse eigentlich ist."

Über 40 Jahre lang hat Canetti über diese Frage nachgedacht, über 20 Jahre lang hat er an seinem Hauptwerk "Masse und Macht" geschrieben. Erst 1960 erschien es in Hamburg. Der Autor blickte damals auf ein reiches Werk zurück. Ein Roman, "Die Blendung", die 1935 veröffentlicht, im deutschen Sprachraum sang- und klanglos unterging, vier Theaterstücke, von denen einige Aufführungsskandale erregten, viele Tausend Seiten Aufzeichnungen, die er ab 1942 täglich führte - ein Mammutwerk. Und doch war Canetti in den 60er Jahren immer noch ein Geheimtipp.

Sven Hanuschek: "Er war so etwas wie ein Autor ohne Werk. Er war wirklich ein Bohèmien. Der berühmt war, aber man wusste aber nicht so recht, wofür. Der zwar schrieb, aber man wußte nicht genau was, weil man das nicht nachlesen konnte. 1946 ist dann die englische "Blendung" erschienen. Das war der erste sehr große Erfolg in seinem Leben. Da war das dann so etwas berechtigt, aber es kam dann nie so etwas nach. Man wusste dann, der schreibt irgendwas über die Masse und auch da wusste man nicht, was. Das ist ja auch ewig nicht erschienen. Es ist ja erst in den sechziger Jahren... Er hat ja mehr als zwanzig Jahre daran gesessen."

Erst in den 60er Jahren kamen die Literaturpreise, 1981 der Nobelpreis. "Für ein schriftstellerisches Werk, geprägt von Weitblick, Ideenreichtum und künstlerischer Kraft", wie die schwedische Akademie damals in der Begründung schrieb.

Elias Canetti hatte damals zwei Ehen und viele Lebenskrisen hinter sich. Er hatte in Bulgarien, England, der Schweiz und Österreich gelebt, er hatte in Chemie promoviert, sein naturwissenschaftliches Interesse hatte sich sozusagen auf die Chemie der Menschen, auf ihre Anziehung und Abstoßung verlagert, auf "Masse" und "Macht".

Das Interesse eines Naturforschers legte er auch an den Tag, als er ein anderes seiner großen Themen fand, die sogenannte "akustische Maske".

Canetti: "Es schien mir, dass man die dramatische Figur ableiten müsse von etwas, was ich die "akustische Maske" nennen. Ich meine damit, dass jeder Mensch eine ganz eigene Sprache hat, die sich durchaus von der aller anderen Menschen unterscheidet. Jeder Mensch gebraucht bestimmte Worte, die ihm liegen, die er oft wiederholt. Hat einen anderen Sprechrhythmus, ein anderes Tempo, eine andere Höhe des Sprechens. So dass, wenn man genau hinhört, die Gestalt eines Menschen schon an dieser "akustischen Maske", wie ich es nenne, erkennen kann."

Dieses Verfahren setze Elias Canetti in seinen Theaterstücken ein. Und auch in seiner vielbändigen Autobiografie, die zu den großen Werken dieses Genres im 20. Jahrhundert gehört, setzt er es ein. Um Künstlerkollegen wie Karl Kraus, den er bewunderte, oder Musil, Kafka und Broch, die seine literarischen Väter waren, zu kennzeichnen.

Das Böse und der Tod, die er als die größten Gegner des Menschen betrachtet, als eigentliches Skandalon des Lebens, waren weitere große Themen des Schriftstellers, der abgeschottet in einer "selbstgeschaffenen Wüste" lebte, wie er sagte.

Dass er Deutsch schrieb, sei so selbstverständlich gewesen wie Atmen oder Gehen, sagte er einmal. Und von den vielen Zehntausend Seiten an Aufzeichnungen, die er in 70 Jahren schriftstellerischer Tätigkeit schuf, sind erst erstaunlich wenige publiziert!

Service:
Ausstellung Elias Canetti (1905-1994) - Das Jahrhundert an der Gurgel packen im Museum Strauhof Zürich bis zum 29.5.2005.

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Externe Links:

Ausstellung über Elias Canetti im Museum Strauhof Zürich

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