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Lesart | Beitrag vom 27.02.2016

Ex-Nazis als Verfassungsschützer"Fachleute waren knapp"

Constantin Goschler im Gespräch mit Florian Felix Weyh

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Der Eingang zu den Dienststellen des Bundeskriminalamtes und des Bundesamtes für Verfassungsschutzes. (picture alliance / dpa / Peer Grimm)
Das Bundesamt für Verfassungsschutz gründete in der Nachkriegszeit Tarnfirmen, um Alt-Nazis beschäftigen zu können. (picture alliance / dpa / Peer Grimm)

Warum konnten so viele Nazis in der jungen Bundesrepublik Deutschland für den Verfassungsschutz arbeiten? In ihrem Buch "Keine neue Gestapo" suchen die Historiker Constantin Goschler und Michael Wala nach Antworten.

"Natürlich haben im Bundesamt für Verfassungsschutz zahlreiche Personen Unterschlupf gefunden, die wir nach unserem heutigen Verständnis dort für fehl am Platz halten würden", erklärt Constantin Goschler – und weiter:

Constantin Goschler, Michael Wala: "Keine neue Gestapo - Das Bundesamt für Verfassungsschutz und die NS-Vergangenheit (Rowohlt)Constantin Goschler, Michael Wala: "Keine neue Gestapo - Das Bundesamt für Verfassungsschutz und die NS-Vergangenheit (Rowohlt)"Es waren dort zahlreiche ehemalige NSDAP-Mitglieder, es waren dort auch ehemalige Mitglieder der Gestapo, der SS oder des SD, des Reichsicherheitshauptamtes. Nun ist es so, dass sich diese Gestalten in allen Bereichen der deutschen Gesellschaft befunden haben, es waren einfach zu viele, um sie überall fernhalten zu können. Letztlich gingen die westlichen Alliierten davon aus, dass die ehemaligen Nationalsozialisten nicht stark genug sein könnten, um die westdeutsche Demokratie zu gefährden."

Das Bundesamt für Verfassungsschutz hat sich in den ersten Jahren darum bemüht, möglichst viele freie Mitarbeiter zu beschäftigen. Auf diese Weise wollte man einerseits die Alliierten nicht provozieren durch eine sofortige Festanstellung allzu stark belasteter Ex-Nazis. Andererseits war es das Ziel, möglichst viel Sachverstand und einschlägige Erfahrungen zu binden, erklärt Goschler:

"Denn Fachleute auf dem Gebiet der Geheimdienste waren zu diesem Zeitpunkt sehr knapp, und die Fachleute kamen eben alle aus dem Sicherheitsapparat des nationalsozialistischen Regimes. Um diese Beschränkungen zu umgehen, hat das Bundesamt Tarnfirmen gegründet, in denen sie diese Leute - die sie gerne beschäftigen wollten, die sie aber nicht offiziell einstellen konnten - dann eben als freie Mitarbeiter beschäftigt haben."

Eine Reise "auf dem Ticket des Antikommunismus"

Mit der Zeit wurden viele ehemals freie Mitarbeiter jedoch festangestellt. "Das war sicherlich ein problematischer Weg, den man dort eingeschlagen hat", sagt Constantin Goschler. Denn die Mitarbeit  bei der Gefahrenabwehr im Kalten Krieg bot vielen Nicht-Demokraten die Chance,

"möglichst nahtlos Anschluss in der Bundesrepublik zu finden, einfach in dem sie auf dem Ticket des Antikommunismus reisen konnten."

Gleichwohl wurde das Bundesamt für Verfassungsschutz den Autoren zufolge dem erklärten Ziel der alliierten Siegermächte gerecht, in Deutschland weder eine neue Gestapo noch eine Geheimpolizei entstehen zu lassen. Das Trennungsgebot zwischen polizeilicher und nachrichtendienstlicher Tätigkeit wurde stets eingehalten.

Goschler und Wala haben ihre drei Jahre dauernden Recherchen im Auftrag des Bundesamtes für Verfassungsschutz unternommen, das sich auf diese Weise seiner Vergangenheit stellen wollte. Bei ihrer Arbeit konnten die Bochumer Historiker nicht nur auf Akten des Amtes und anderer Behörden zurückgreifen, sondern auch auf Material der CIA. Die Unterlagen des US-Geheimdienstes hätten sich, so Goschler, als "besonders ergiebig" erwiesen.

Constantin Goschler, Michael Wala: "Keine neue Gestapo" - Das Bundesamt für Verfassungsschutz und die NS-Vergangenheit
Rowohlt 2015, 464 Seiten
Als Hardcover 29,95 Euro, als E-Book 26,99 Euro

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