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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 08.04.2010

Ewige Wiederkehr?

Die neuen Rollen von Religion, Kultur und Nation in einer entgrenzten Welt

Von Josef Schmid

Unbehaglich wird den Westeuropäern angesichts einer Wiederkehr der Religion. (Stock.XCHNG / Robert Aichinger)
Unbehaglich wird den Westeuropäern angesichts einer Wiederkehr der Religion. (Stock.XCHNG / Robert Aichinger)

Die Öffnung der Welt während der Wende hat die voreilige Hoffnung genährt, dass die Menschheit nun über alle Grenzen hinweg zu einer großen Einheit gegenseitigen Verstehens werden würde. Diesem Überschwang folgte ein Dämpfer nach dem anderen: Migrantenströme machen wieder Grenzen erforderlich, der ominöse 11. September macht den Weltkulturkonflikt offenkundig. Er dauert bis heute an und ruft erneut den starken, kontrollierenden Staat hervor.

Nach dem Weltfinanzdesaster hat man den Eindruck, dass die Globalisierung auf dem Rückzug ist, zumindest langsam wieder zurückkriecht von dem, was sie alles aufzurollen versprach. Aus Flut folgt nun Ebbe. Denn es ist zu vermelden, dass aus einer Weltinnenpolitik nicht so recht was werden will. Die kosmopolitischen Denker scheinen sich zu verschätzt zu haben: Die Stolpersteine, die der politischen Einheit des Planeten im Wege stehen, als da sind Religion, Kultur und Nationalstaat, erweisen sich als lebendige und nicht nur angenehme Wiedergänger:

Unbehaglich wird den Westeuropäern angesichts einer Wiederkehr der Religion. Nicht dass wir fromm und gläubig würden wie unsere Vorfahren, sondern dass wir uns plötzlich und unerwartet mit Religion konfrontiert sehen, wo wir nicht mehr damit rechnen. Wir halten unsere Welt für säkularisiert, entzaubert und ernüchtert durch Wissenschaft und Politik, in einem unumkehrbaren Prozess. Nun sind wir gezwungen, uns mit Religion zu befassen, weil wir über Einwanderung aus orientalischen Räumen sichtbare, alltagsrelevante Religion importiert haben.

Zu glauben, Fremderlebnisse würden einmal Routine und Gewohnheit und bald nicht mehr auffallen, dürfte ein Irrtum sein, weil die Anwesenheit von Importreligionen in aller Welt zu Störfällen führt. Wir halten uns viel zugute auf die Aufklärung und erkämpfte Religionsfreiheit als die Grundlage unseres Religionsfriedens. Doch in die private Religiosität kommt ein Störfaktor, wenn sich in Europa ein religiös fundiertes, außereuropäisches Sendungsbewusstsein und Weltmachtstreben niederlässt.

Wir erleben seit der Wende eine Gegenbewegung zu globalen Heilsversprechen, wie die angeblich überragende Rolle des Einzelnen, des Individualismus. Freiheit, Unabhängigkeit und Wohlergehen will nicht der Einzelne für sich, sondern für die Seinen: für Volksgruppe, Stamm und Nation, wie neu definiert oder "erfunden" auch immer.

Gleichartige Kultur und Sprache bilden den Vertrauensraum in chaotischer, "entgrenzter Welt" und gerade die Grenzen um das Vertraute will man nun deutlich gezogen und bewacht sehen. Das erklärt die Verdoppelung der Zahl der Nationalstaaten im Zuge der Wende, die Territorialkriege, Unabhängigkeitsbewegungen und Stammesfehden, in die nichts ahnend deutsche Urlauber geraten.

Kulturkonflikte wurzeln im kollektiven Gedächtnis der Nationen, sind alt und dauerhaft und nicht zu lösen nach dem Muster von Grenzstreitigkeiten. Die Forderung aller Einwanderungsländer nach geistiger und politischer Integration der Neuankömmlinge bestätigt Kultur als herrschenden Zustand im klaren Geltungsbereich.

Der allmähliche Widerstand der Migranten dagegen, wie er sich von Wortführern verbandsmäßig organisierter Zuwanderer vernehmen lässt, bestätigt den Befund von der Gegenseite her: Kultur – einst ein weicher Faktor der Politik – wird zum harten, wo sich Freiräume auftun und zu Rivalität und Landnahme einladen.

Religion ist nicht mehr eine Sache von Glaubenssätzen, sondern von Zugehörigkeit. Nach Kultur als Orientierungsprinzip bleibt die Nation das erfolgreichste Emotionsmanagement der Moderne, wenn es gilt, Rechte und Pflichten zu verteilen. Das ist weder an ein Europa noch an eine Menschheit zu delegieren. Die Globalisierung als chaotischer Zustand lockt mächtig und in neuer Funktion das hervor, was sie zu beseitigen vorgibt.

Josef Schmid (Maurer-Hörsch)Josef Schmid (Maurer-Hörsch)Josef Schmid, Soziologe und Bevölkerungswissenschaftler, geboren 1937 in Linz/Donau, Österreich, zählt zu den profiliertesten deutschen Wissenschaftlern auf seinem Gebiet. Er studierte Betriebs- und Volkswirtschaft sowie Soziologie, Philosophie und Psychologie. Von 1980 bis 2005 war Schmid Inhaber des Lehrstuhls für Bevölkerungswissenschaft an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg. Seine Hauptthemen: Bevölkerungsprobleme der industrialisierten Welt und der Entwicklungsländer, Kulturelle Evolution und Systemökologie. Schmid ist Mitglied namhafter nationaler und internationaler Fachgremien. Veröffentlichungen u.a.: "Einführung in die Bevölkerungssoziologie" (1976); "Bevölkerung und soziale Entwicklung" (1984); "Das verlorene Gleichgewicht – eine Kulturökologie der Gegenwart" (1992); "Sozialprognose – Die Belastung der nachwachsenden Generation" (2000). In "Die Moralgesellschaft – Vom Elend der heutigen Politik" (Herbig Verlag, 1999) wird der Widerspruch zwischen Vergangenheitsfixiertheit und der Fähigkeit zur Lösung von Gegenwarts- und Zukunftsaufgaben scharfsichtig analysiert.

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