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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 20.07.2011

Ewige Freundschaft mit tödlichen Folgen

Mechtild Borrmann: "Wer das Schweigen bricht", Bielefeld 2011, 246 Seiten

"Stolpersteine" als Erinnerung an Menschen, die von den Nazis ermordet wurden.
"Stolpersteine" als Erinnerung an Menschen, die von den Nazis ermordet wurden. (AP)

Mechthild Borrmann hat keine klassische Autoren-Karriere hinter sich, doch hat sie für ihre vier Kriminalromane bereits große Anerkennung erhalten. Ihr neuer Roman führt zurück in die Nazizeit und thematisiert die Schuld ganz normaler Menschen.

Am Anfang ist es nur Neugier. Robert Lubisch findet im Nachlass seines Vaters ein altes Foto mit einer unbekannten Frau darauf. Er versucht, mehr über sie herauszubekommen – doch dann wird die Journalistin, die ihm bei der Suche hilft, ermordet.

Ihr Tod scheint im Zusammenhang mit den Recherchen zu stehen: War die junge Frau auf dem Foto also doch nicht einfach nur eine bislang verschwiegene Geliebte? Die Polizei ermittelt, und Robert Lubisch fährt selbst in den Ort, in dem sein Vater aufgewachsen ist und stellt Fragen. Nach und nach zeichnet sich eine Geschichte ab, die weit in die Vergangenheit zurückführt. Eine Gruppe von Freunden hatte sich Ende der 30er-Jahre Treue und ewige Freundschaft geschworen. Als sie erwachsen wurden, zerbrach dieser Bund – zuletzt mit tödlichen Folgen.

Mechtild Borrmann hat keine klassische Schriftstellerkarriere hinter sich. Sie hat als Therapeutin mit behinderten und kranken Menschen gearbeitet, sie war Regisseurin und Choreographin und leitet seit einigen Jahren ein Restaurant in Bielefeld. Darüber hinaus hat sie vier Kriminalromane geschrieben. Sie handeln von Kindesmissbrauch, Familienverstrickungen, von alltäglichen Verbrechen in einer Kleinstadt – und alle sind von der Kritik hoch gelobt worden für ihren leisen und präzisen Stil.

Und auch Borrmanns neuestes Buch verdient höchstes Lob. Auf den ersten Blick ist eine komplizierte und verwickelte Geschichte, an deren Ende der Mord an der Journalistin steht. Doch zunächst einmal berichtet Mechtild Borrmann in der Rückschau knapp und berührend von einer Freundschaft in der Zeit des Nationalsozialismus: "Wer das Schweigen bricht" ist nicht einfach nur ein weiterer Kriminalroman, der vor dem Hintergrund der Verbrechen des Faschismus angelegt ist. Er erzählt von Menschen, die in drückenden Verhältnissen ganz normal gelebt haben, die ihren Wünschen und Sehnsüchten gefolgt sind – und sich dabei zuletzt schuldig gemacht haben.

Borrmann selber sagt von sich, dass es sie interessiere, welche Auswirkungen die großen Ereignisse auf die Kleinen haben, und in diesem Sinne sei "Wer das Schweigen bricht" für sie ein politischer Krimi. Das stimmt in der Tat: Die Fehler und Vergehen der Protagonisten sind nur im nationalsozialistischen Unterdrückungsregime möglich – Robert Lubisch erfährt unter anderem, dass eine junge Frau in dem Freundkreis damals aus Zorn über die Zurückweisung ihrer Liebe zwei Männer bei den Behörden als homosexuell denunziert hat. Andere dagegen haben Haltung gezeigt und solchen dunklen Möglichkeiten bewusst ausgeschlagen.

Damit erzählt "Wer das Schweigen bricht" auf beeindruckende, gar nicht missionarische Weise von der persönlichen Verantwortung für Entscheidungen. Kein Verweis auf die Verhältnisse entschuldigt das Fehlverhalten – eine Erkenntnis, die Bedeutung auch unter demokratischen Bedingungen hat.

Besprochen von Andrea Fischer

Mechtild Borrmann: Wer das Schweigen bricht
Pendragon Verlag, Bielefeld 2011
246 Seiten, 12,90 Euro