Seit 17:07 Uhr Studio 9
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 17:07 Uhr Studio 9
 
 

Religionen / Archiv | Beitrag vom 03.05.2008

Evangelikal glauben, homosexuell lieben

Der schwierige Umgang mit einem Tabuthema

Von Michael Hollenbach

Ein schwules Paar küsst sich - manche evangelikale Christen stören sich noch immer daran. (AP Archiv)
Ein schwules Paar küsst sich - manche evangelikale Christen stören sich noch immer daran. (AP Archiv)

Das offene Ausleben von Homosexualität - für manche evangelikale Christen ist das noch immer ein Problem. Das "Christival", zum dem sich am Wochenende in Bremen rund 20.000 fromme Jugendliche treffen, geriet deswegen in die Schlagzeilen: In einem Seminar sollte Schwulen und Lesben der Weg in die Heterosexualität gewiesen werden.

Der Berliner Wolfgang Perlack ist in einem evangelikalen Umfeld groß geworden. Als er in der Pubertät merkte, dass er schwul war, wusste er, dass er das lieber gegenüber seinen Brüdern und Schwestern in der Gemeinde verschweigt:

"Das war ein Versteckspiel, vor allem auch vor mir selbst; auch das Denken: Naja, dann lebe ich für mich selbst und versuche das zu unterdrücken, aber irgendwann merkte ich: Das geht überhaupt nicht. Und dann gab es zwei Möglichkeiten: Entweder die Theorie stimmt nicht oder mein Leben stimmt nicht."

Wenn ein Mann sich mit einem anderen Mann wie mit einer Frau vergeht, haben beide Schändliches begangen. Sie sollen mit dem Tode bestraft werden; es lastet Blutschuld auf ihnen.
So steht es im Alten Testament bei Leviticus, und evangelikale Christen legen Wert darauf, die Bibel wörtlich zu verstehen. Der heute 40-jährige Wolfgang Perlack begann schon als Jugendlicher, die evangelikale Schwulenfeindlichkeit zu hinterfragen:

"Ich bin dann auch theologisch dahinter gekommen, dass die evangelikale Theorie einfach falsch ist, also für mich falsch ist, und ich finde sie auch generell menschenverachtend und unchristlich."

Bei Bernd Hartwig hat es wesentlich länger gedauert. Mit 15 hatte er zum ersten Mal einem evangelikalen Seelsorger anvertraut, dass er schwul sei. Danach folgten 13 Jahre, in denen er versuchte, seine Homosexualität loszuwerden und möglichst eine Familie zu gründen:

"Da habe ich keine Mühen und Kosten gescheut, war auf Seminaren, habe biblisch-therapeutische Seelsorge in Anspruch genommen, (...) wo es darum ging, von den homosexuellen Gefühlen loszukommen."

Die Prämisse in den evangelikalen Seminarangeboten war klar: Homosexualität entspricht nicht dem Willen Gottes. Das sagt auch Hartmut Steeb, Generalsekretär der Deutschen Evangelischen Allianz, und einer der Mitveranstalter des Christivals:

"Wir kommen von der Schöpfung her, (...) gehen davon aus, dass der Mensch ganz bewusst als Mann und Frau erschaffen wurde, und im Normalfall tatsächlich auch die Gemeinschaft zwischen Mann und Frau in einer lebenslänglichen Ehe- und Treuegemeinschaft gelebt werden kann und soll."

Wer von dieser Norm abweicht, dem könne geholfen werden, lautet das Credo der frommen Therapeuten. Gelebte Homosexualität ist für evangelikale Christen eine Sünde - und wird behandelt wie eine Krankheit.

Hartmut Steeb: "Man kann das meinetwegen als Krankheit bezeichnen (...) ich finde, es ist nicht der Normalweg für die Entwicklung eines Menschen."

Bernd Hartwig: "Das war ein Problem, wie ein Alkoholkranker mit seiner Sucht umgehen muss, so musste ich als homosexuell empfindender Mann damit umgehen und leben lernen."

Hartmut Steeb: "Es gibt Menschen, die von ihrer homosexuellen Neigung freigekommen sind, heute heterosexuell leben, und ich halte es nicht nur für legitim, sondern auch für schöpfungsgemäß."

Aber wissenschaftlich nicht haltbar: denn die sexuelle Orientierung hat genetische und hormonelle Ursachen. Zahlreiche seriöse Studien belegen, dass man Homosexuelle nicht umpolen kann. Bernd Hartwig hat 13 Jahre lang Seminare, Workshops und Therapien durchlaufen, um ein Hetero zu werden:

"Ich habe niemanden kennengelernt, wo ich dachte: Ja, das ist ein Vorbild, der ist so geheilt, dass es für mich überzeugend wäre, da will ich hin, sondern das waren alles Menschen, die auf dem Weg waren."

Lange Zeit betrachtete Bernd Hartwig sein Schwulsein durch die evangelikale Brille: Er sah seine Homosexualität als eine Krankheit, aber er machte die Erfahrung: Das Schwul-Sein war nicht wegzutherapieren.

"Ich kam irgendwann an einen Punkt, (...) wo klar war, ich kann nicht mehr, und wenn ich jetzt hier weiter mache, dann drehe ich echt durch, und wo mir klar war, ich sehe keinen Ausweg mehr und mir bleibt nur noch, einen Strick zu nehmen."

Der Kölner hatte das Gefühl, er müsse sich ultimativ zwischen der Liebe Gottes und der Liebe zu anderen Männern entscheiden. Und er zweifelte an seinem Gott: Was war das für ein Gott, der ihm keinen Weg aus der Sackgasse wies?

"Ich bin am Rhein ganz lang spazieren gegangen. Das war wie eine Art Zusammenbruch, (....) und es war nur so ein Schrei nach Gott: Hey, wenn du irgendein Interesse an mir hast, (...) dann zeige dich, und wenn da nichts dran ist, dann ist alles egal."

Danach hat er versucht, die Frage nach Gott und nach seiner Sexualität nicht mehr in Schwarz-Weiß-Kategorien zu sehen.

"Ich habe dann angefangen, mich langsam wieder in das schwule Leben reinzutasten und gemerkt, wie Gott mich damit segnet und dass das ein unglaubliches Geschenk ist. Ich habe ganz langsam gelernt, mich anzunehmen als schwuler Mann und als schwuler Mann, den Gott liebt."

Der Mediendesigner sagt, er sei noch einmal ohne bleibende psychische Schäden davon gekommen.

"Ich habe auch Menschen kennengelernt, die daran fast zerbrochen sind und für die das zu viel des Leides war."

Der 37-Jährige lebt heute glücklich in einer Beziehung - mit seinem Freund. Und er versteht sich noch immer als ein evangelikaler Christ. Er fordert von seinen Brüdern und Schwestern, dass Schwule und Lesben als ganz normale Christinnen und Christen in der Gemeinde akzeptiert werden.

Doch für Hartmut Steeb von der Deutschen Evangelischen Allianz ist und bleibt gelebte Homosexualität Sünde:

"Aber es kann ja nicht so sein, dass wir jetzt diesen Fall der Homosexualität anders beurteilen, als andere Dinge, die außerhalb des Willens Gottes geschehen."

Religionen

Katholische Kirche und Front NationalEin offenes Ohr für Le Pen
Demonstration gegen Lager für Geflüchtete in Versailles am 11. November 2016. (Deutschlandradio - Bettina Kaps)

24 Prozent der praktizierenden Katholiken in Frankreich gaben Marine Le Pens Front National bei den Regionalwahlen im vergangenen Jahr ihre Stimme. Einige christliche Institutionen versuchen dagegen zu halten. Andere hoffen auf einen Sieg der Repulikaner mit François Fillon.Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandradio Kultur