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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 13.06.2012

Europas Geisterbahn

Andrzej Sapkowski: "Etwas endet, etwas beginnt", Deutscher Taschenbuch Verlag, 426 Seiten

Hexen, Halblinge und Hokuspukus - in Andrzej Sapkowskis Roman hat die Fantasy-Literatur ihren großen Auftritt (dpa / picture alliance / Matthias Bein)
Hexen, Halblinge und Hokuspukus - in Andrzej Sapkowskis Roman hat die Fantasy-Literatur ihren großen Auftritt (dpa / picture alliance / Matthias Bein)

Wie einst Cervantes die populären Ritterromane parodierte, so spielt Andrzej Sapkowski mit Elementen der Fantasy-Literatur. Voller Witz und Intelligenz verdichtet der polnische Autor den Aberwitz der Umbruchphase nach 1989 zur Groteske.

Der etwas ungeübte Leser stutzt natürlich, wenn er von "Murmelmenschen", "Halblingen" oder "Krahlingen" liest, und wenn er auf die monströse Angstfigur aus einer dieser schauerlichen Erzählungen stößt, die ein "Knoch" ist, wird er vermutlich den Kopf schütteln. Nun ja, hier ist eine spezielle Art von Fantasie gefragt, das Genre, dem alle diese Texte angehören, nennt sich in ehrlichster Weise genau so: Fantasy.

Also hinein in diese seltsame Welt, in der es von Hexern und Heilern, rätselhaften Gefahren und merkwürdigen Erscheinungen, von nie gehörten Wörtern und allem möglichen Hokuspokus nur so wimmelt! Bald schon wird dem ungeübten Leser der Kopf schwirren, diese Geisterbahn wird ihn schwindelig machen, er wird bei der überaus komplizierten Frage ankommen: Was mache ich hier?

Aber spätestens, wenn er auf einen Satz stößt wie diesen: "Der Prophet (…) behauptete, er sei der wahre, konnte das aber nicht beweisen." wird er zunächst in helles Lachen ausbrechen, weil der Satz irgendwie das Absurde dieser Welt schlechthin ausdrückt. Er wird ins Stutzen geraten und schließlich zu der Erkenntnis, Teilnehmer einer riesigen Parodie geworden zu sein. Er wird den ganzen Spuk, dem er da beiwohnt, mit einem heiteren Auge betrachten (und dabei munter weiterlachen). Wie einst Miguel de Cervantes seine Parodie auf die seinerzeit populären Ritterromane einsetzte, spielt Sapkowski mit den Elementen der Fantasy-Literatur.

Er ist ein überaus belesener und intelligenter Spieler, der sich bei Walther von der Vogelweide ebenso zu bedienen weiß wie bei Lewis Carroll. Der den ganzen Aberwitz jener europäischen Umbruchphase, die auf den Mauerfall 1989 folgte, verdichtet zu einer Groteske, die von Nationalismus und Bürgerkrieg, von Ideologie und Manipulation, von Geschichtsklitterung und Propaganda auf eine Weise erzählt, dass man vor Lachen in traurige Tränen ausbrechen kann.

In einem der kurzen einführenden Kommentare, die jeder Erzählung dieses Bandes vorangestellt sind, berichtet der Autor von einem Akt der Zensur, der im Prinzip nur stilistische Fragen betraf. Der zuständige Redakteur habe bestimmte Begriffe verändert, weil man sie "damals" wohl kaum verwendet haben dürfte. In seinem Kommentar vermerkt der Autor trocken, dass seine Vorstellung von Fantasy-Literatur sich keineswegs auf ein "Damals" richte.

Und so sollte man diese Geschichten wohl auch "entschlüsseln": als fantastische Verwandlungen voller Witz und Intelligenz, die ihre abwegig anmutenden Verkleidungen benutzen, um die Wirklichkeit darzustellen.

Besprochen von Gregor Ziolkowski

Andrzej Sapkowski: Etwas endet, etwas beginnt
Aus dem Polnischen von Erik Simon
Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2012
426 Seiten, 8,95 Euro