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Interview / Archiv | Beitrag vom 18.10.2012

Europas Bankensektor: "Das kann auf keinen Fall lange so weitergehen"

Finanzexperte Krahnen über die anstehende Reform der europäischen Finanzbranche

Euro-Skulptur vor dem Hauptgebäude der Europäischen Zentralbank in Frankfurt (AP)
Euro-Skulptur vor dem Hauptgebäude der Europäischen Zentralbank in Frankfurt (AP)

Der europäische Bankensektor ist unsicher und instabil, sagt der Frankfurter Finanzprofessor Jan Pieter Krahnen. Er sieht schnellen Handlungsbedarf und erwartet, dass nun zügig eine länderübergreifende Finanzaufsicht für die Regulierung der Branche eingesetzt wird.

Jan-Christoph Kitzler: Alle stapeln tief vor dem Gipfel der EU-Staats- und Regierungschefs, der heute in Brüssel beginnt. Nicht zu hohe Erwartungen haben, heißt die Devise. Dabei gibt es genügend Baustellen und alle Welt fragt sich, wann Europa in der Krise nicht mehr nur auf Sicht fährt, sondern echte Reformen angeht, die die Union fit machen für die Zukunft.

Eins der großen Themen dabei ist: Wie geht Europa künftig mit den Banken um, die einen großen Anteil haben an der Krise? Die Richtung ist im Groben klar: Banken sollen direkte Hilfe bekommen aus dem europäischen Rettungsschirm, sie sollen aber auch künftig strenger und vor allem einheitlich beaufsichtigt werden. Kommt die EU voran beim Thema Banken? Das bespreche ich jetzt mit Jan Pieter Krahnen, er ist Direktor des Centers for Financial Studies in Frankfurt am Main und außerdem Mitglied der Expertengruppe der EU-Kommission zur Reform des europäischen Bankensektors. Schönen guten Morgen!

Jan Pieter Krahnen: Guten Morgen, Herr Kitzler!

Kitzler: Herr Krahnen, wie notwendig und vor allem wie dringend ist das denn, dass der Bankensektor in Europa stärker reguliert wird?

Krahnen: Ich denke, wir befinden uns jetzt in einer Phase, wo viele Regulierungsvorschläge zusammenlaufen. Wir haben ja heute den EU-Gipfel auch zu diesem Thema und ich glaube, dass eine lange, also fast jahrelange Vorbereitungszeit jetzt auf einen Entscheidungszeitpunkt hinläuft. Das ist absolut wichtig, denn wir haben eine große Unsicherheit und Instabilität im Bankensektor nach wie vor, und ohne die dauerhafte Unterstützung seitens der EZB hätten wir gar kein funktionierendes Finanzsystem in diesen Tagen.

Kitzler: Sie haben gesagt, an diesem Thema wird schon länger gearbeitet. Ein großes Thema ist ja mehr Kontrolle für die Banken in der Euro-Zone, die gemeinsame Bankenaufsicht. Das ist jetzt auch neu beim letzten Gipfel beschlossen worden, aber wie schnell kann man das eigentlich auf die Beine stellen?

Krahnen: Ja, das hängt vor allen Dingen davon ab, wie stark der Wille ist, jetzt in kürzester Zeit eine gemeinsame Aufsichtsinstitution zu schaffen und sich darauf zu einigen, wer das eigentlich mit welchen Kompetenzen durchführen soll. Hier gibt es immer noch abweichende Meinungen und der ehrgeizige Zeitplan, hier am 1. Januar mit einer neuen Aufsicht in Frankfurt bei der EZB beginnen zu können, der muss doch mit einem echten Fragezeichen versehen werden. Aber selbst wenn es im Januar nicht gelingt, wird es im Laufe des Jahres 2013 zu einer solchen einheitlichen Aufsicht kommen sollen und auch kommen müssen.

Kitzler: Die Frage ist ja, ob die EZB das überhaupt leisten kann. Es geht um 6000 Geldhäuser in der Euro-Zone und es wird angenommen, dass die EZB das wieder delegieren muss an nationale Einrichtungen. Was ist dann also gewonnen?

Krahnen: Ich denke, es wird einiges gewonnen. Erstens: Selbstverständlich wird die Aufsicht auch in Zukunft von den nationalen derzeitigen Aufsichten ausgeführt werden. Die Frage ist aber, wer hat sozusagen das Sagen, das Kommando, wer sorgt dafür, dass wir einheitliche Standards quer über Europa anwenden und in Krisenzeiten auch eine enge Abstimmung der Entscheidungsstränge haben Das hat in der Vergangenheit große Schwierigkeiten gemacht und ich denke, das könnte eine EZB oder eine andere Institution, die in Frankfurt das gemeinsam tut, durchaus leisten.

Kitzler: Heute beim EU-Gipfel in Brüssel geht es ja auch mal wieder um direkte Hilfe für die Banken aus dem europäischen Rettungsfonds. Die sind beschlossen, aber es gibt da immer noch unterschiedliche Lesarten. EU-Ratschef Van Rompuy zum Beispiel sagt, die sollte es so schnell wie möglich geben, gerade die Staaten Südeuropas machen da ja auch Druck; Bundesfinanzminister Schäuble ist aber der Meinung, diese Hilfen soll es nur gegen strenge Auflagen geben und auch erst, wenn die Bankenaufsicht so richtig arbeitet. Auf welcher Seite stehen Sie denn?

Krahnen: Also, ich denke auf jeden Fall, dass wir das Zeitfenster, in dem wir eine Einigung unter sehr unterschiedlichen Partnern erzielen können, nutzen müssen. Und dieses Zeitfenster heißt, eine Handlung machen, bevor wir die Hilfeleistungen aus dem ESM bereitstellen. Ich bin da auch ganz auf der Seite der Bundesregierung, die sagt, erst die institutionelle Basis schaffen, die Voraussetzung für Hilfe, dann die Hilfe. Denn nur dann, nur jetzt also, werden wir alle Partner letztlich zu einem Zugeständnis bewegen können. Und diese Zugeständnisse werden gebraucht, wenn wir zu einem gemeinsamen Abkommen kommen wollen.

Kitzler: Das heißt aber, bis die Finanzaufsicht arbeitet, müssen wir mit großen Risiken leben, zum Beispiel in Spanien?

Krahnen: So ist es und wir tun das schon eine ganze Weile. Also, im Moment, würde ich sagen, haben wir die Europäische Zentralbank als so eine Art Puffer eingesetzt, die diese Risiken auffängt durch ihre Refinanzierungspolitik. Das kann auf keinen Fall lange so weitergehen, deswegen bleibt der Zeitdruck hoch und ich glaube, alle Beteiligten spüren das. Aber wir sollten auf keinen Fall mit den Auszahlungen aus dem Fonds beginnen, bevor alle Beteiligten auch zugestimmt haben, dass wir eine starke, mit Kompetenzen ausgestattete Aufsicht auch wirklich erhalten.

Kitzler: Einer der Vorschläge der Expertengruppe, in der Sie sitzen, die die gemacht hat, ist ja, dass große Banken das Investmentgeschäft abtrennen sollen vom Kredit- und Einlagengeschäft, um die Risiken zu verteilen. Glauben Sie, dass das mehrheitsfähig ist?

Krahnen: Ich denke, schon. Wir haben jetzt einen Vorschlag vorgelegt, der aus zwei großen Elementen besteht, nämlich diese Trenn-Idee, wobei das eine sehr – wie soll ich sagen – chirurgische Trennung ist, keine einfache Investmentbank versus Geschäftsbank, sondern wir wollen nur den Handelsbereich raustrennen. Und der zweite Vorschlag betrifft die Erschaffung von Fremdkapital, das wirklich in Haftung genommen werden kann. Diese beiden Dinge liegen jetzt zur Konsultation aus. Ich bin der Auffassung, dass das zusammen ein sehr leistungsfähiges Paket sein wird, das wir unbedingt brauchen.

Kitzler: Bisher war der Königsweg ja, die Banken brauchen mehr Eigenkapital. Warum reicht das eigentlich nicht mehr aus in der jetzigen Situation?

Krahnen: Ich glaube, dass die Hauptproblematik, die wir in Europa und auch in den USA im Übrigen haben, die Vernetzung der Banken untereinander ist. Und dadurch die Tatsache, dass wir bei einer kleinen, lokalen Bankenkrise, einer einzelnen Bank, sehr schnell von einer Systemkrise sprechen müssen, denn die Banken stecken sich untereinander an. Und diese Abhängigkeit wird durch Eigenkapitalerhöhung nicht wirklich betroffen.

Und wir wollen vor diesem Hintergrund eben weitergehen und sowohl das Risiko des Gesamtsystems reduzieren, dafür diese Trennbanken-Idee, und gleichzeitig wollen wir die Inhaftungnahme der Gläubiger in einer einzelnen Bankenkrise weiter ausbauen. Die ist bisher praktisch nicht existent, springt immer der Steuerzahler ein. Der soll in Zukunft weitgehend geschützt werden.

Kitzler: Was bedeutet die Reform des Bankensektors eigentlich für die deutschen Banken? Es gibt ja Berichte darüber, dass die Deutsche Bank Probleme bekommen könnte, und auch die Sparkassen halten nicht so viel von der Kontrolle, von der einheitlichen europäischen. Was wird sich also ändern im deutschen Bankensektor?

Krahnen: Ich denke, die einheitliche Kontrolle wird alle Institute betreffen, weil es natürlich darum geht, einheitliche Standards für Europa durchzusetzen. Und insoweit es – wie soll ich sagen – besondere deutsche Anwendungsregeln gegeben hat, werden die in Zukunft auf dem Prüfstand stehen. Inwieweit jetzt die unterschiedlichen Institute davon unterschiedlich betroffen werden, kann ich nicht sagen. Aber aus den Reaktionen muss man entnehmen, dass sich hier doch sehr viele angesprochen fühlen. Ich denke, es wird Zeit, dass wir zu solchen einheitlichen Standards kommen.

Kitzler: Das schwierige Feld der Reform des Bankensektors in Europa. Das war Jan Pieter Krahnen, Direktor des Centers for Financial Studies an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main. Haben Sie vielen Dank für das Gespräch und einen schönen Tag!

Krahnen: Danke, Herr Kitzler, auf Wiederhören!


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.


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