Seit 10:07 Uhr Lesart
 
Donnerstag, 26. Mai 2016MESZ10:41 Uhr

Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 13.04.2011

Europa: weltweit beliebt, aber harmlos

Warum die "Christian-Wulfferisierung" dem alten Kontinent eher schadet als nützt

Von Oliver Marc Hartwich

Flaggen vor dem Europarat in Brüssel (Europarat)
Flaggen vor dem Europarat in Brüssel (Europarat)

Keine Frage: Deutschland und Europa sind international beliebt. Das jedenfalls war jüngst das Ergebnis einer Umfrage des BBC World Service. Zu besonderen Freudenstürmen besteht allerdings bei genauerer Betrachtung kein Anlass.

Dafür muss man nicht einmal Machiavelli gelesen haben. Der hatte schon vor einem halben Jahrtausend bemerkt, dass es manchmal besser ist, gefürchtet zu sein, als geliebt zu werden.

Die europäische Beliebtheit hat eine unerfreuliche Kehrseite. Auf der Weltbühne präsentiert sich Europa nämlich inzwischen derart harmlos, dass man die Europäer fast schon aus Mitleid mögen muss. Europas globales Ansehen nimmt im selben Ausmaß zu wie seine Bedeutung abnimmt.

Das bestätigt die BBC-Studie beispielsweise für Australien. Auch hier genießt Europa ein blendendes Image. Die Sympathiewerte für einige europäische Länder liegen Down Under jenseits der Dreiviertelmarke.

Nun hatte in den letzten Jahrzehnten der australische Austausch mit Europa stark abgenommen. Wo die ehemalige britische Kolonie lange nach Europa schaute, orientieren sich die Australier seit dem Zweiten Weltkrieg sicherheitspolitisch an den Vereinigten Staaten. Australiens ökonomischer Fokus wiederum verschob sich in den letzten Jahrzehnten nach Asien. Kaum ein Land profitiert vom chinesischen Wirtschaftsboom so sehr wie das mit Rohstoffen gesegnete Australien.

Seine Sicherheit verdankt Australien damit den Amerikanern und einen guten Teil seiner Prosperität den Chinesen. Besonders beliebt gemacht hat dies bei den Australiern aber weder die einen noch die anderen. In der Umfrage erfuhren China und die USA fast exakt gleichviel Zustimmung wie Ablehnung auf dem fünften Kontinent. Politiker nennen solch durchwachsene Umfragewerte für gewöhnlich "ein ehrliches Ergebnis". Das sind sie wohl auch.

Mit Amerika und Asien pflegt Australien enge Arbeitsbeziehungen: freundlich, aber nicht frei von Spannungen. Aus dieser Reibung entsteht ein realistisches, vielschichtiges Bild.

Demgegenüber erscheint Europa den Australiern als eine sowohl sicherheits- als auch wirtschaftspolitisch vernachlässigbare Größe. Einladend und sympathisch ist es eigentlich nur noch als eine exotische Urlaubsdestination. In australischen Magazinen wird Europa wie ein historisch-kulturelles Freiluftmuseum dargestellt.

Aber ist das wirklich überraschend? Die Europäer können ja nicht einmal vor ihrer Haustür für Ordnung sorgen, wenn nordafrikanische Diktatoren ihre Bevölkerung massakrieren. Und Europas wirtschaftliche und demographische Probleme haben sich längst bis nach Sydney herumgesprochen.

Europa hat selbst die Vortäuschung sicherheitspolitischer oder ökonomischer Bedeutung aufgegeben. Seine politische Führung beschränkt sich stattdessen auf Symbolpolitik mit Wohlfühlgarantie. Man spricht lieber vom Bruttosozialglück als von Wachstum; sorgt sich mehr um das künftige Weltklima als um marode Staatsfinanzen; feiert die Meinungsfreiheit, zumindest solange keine "nicht hilfreichen" Bücher geschrieben werden. Militärische Interventionen, selbst wenn sie Völkermorde verhindern könnten, überlässt man lieber anderen.

Die Christian-Wulfferisierung Europas, an deren Ende alle Mauern in den Köpfen eingerissen, Gräben zugeschüttet und Brücken gebaut sind, ist weit vorangeschritten. Sie hat einen grundsympathischen Kontinent geschaffen, der aber als globaler Machtfaktor ein Totalausfall ist. Allein das Wort "Macht" klingt für Europäer schon verdächtig.

Es ist gut, dass Europa in der Welt nicht gefürchtet wird. Aber für einen ernst zu nehmenden Akteur der internationalen Politik reicht es auch nicht aus, immer nur geliebt zu werden.


Oliver Marc Hartwich (privat)Oliver Marc Hartwich, Ökonom und Publizist (privat)Dr. Oliver Marc Hartwich, Jahrgang 1975, ist Research Fellow am Centre for Independent Studies in Sydney, Australiens größtem unabhängigem Think Tank. Zuvor war er Chefökonom der Londoner Denkfabrik Policy Exchange. Der studierte Wirtschaftswissenschaftler und promovierte Jurist arbeitete nach dem Studium in Bochum, Bonn und Sydney zunächst als Referent von Lord Matthew Oakeshott of Seagrove Bay im britischen House of Lords.

Hartwich ist Mitglied im publizistischen Netzwerk "Die Achse des Guten" (www.achgut.com) und schreibt regelmäßig für australische und europäische Zeitungen. Weitere Informationen unter www.oliver-marc-hartwich.com.

Mehr bei deutschlandradio.de

Links bei dradio.de:

Politisches Zahlenspiel mit Flüchtlingen
Staatenbund ohne Macht

Politisches Feuilleton

Terminologie der RechtenSprache, die Verachtung idealisiert
Teilnehmer einer Kundgebung der Pegida-Bewegung haben sich am Königsufer in Dresden versammelt. (picture alliance/dpa - Sebastian Willnow)

Rechte Terminologie verwende die alte Technik, fremde Gruppen von Menschen zum "Freiwild" zu erklären, um das eigene Wir-Gefühl zu stärken, meint die Dresdner Journalistin und Trauma-Therapeutin Astrid von Friesen. Dieser Entzivilisierungs-Prozess bereite den Boden für Gewalt. Mehr

PopulismusWir sind ein Land der Opfer geworden
Parteitag der Partei "Die Linke" (Quelle: dpa / picture alliance / Arne Dedert) und Pegida-Kundgebung (picture-alliance / dpa / Hendrik Schmidt)

Populistische Bewegungen und Parteien erleben in Europa wieder starken Aufwind - von rechts wie von links. Deren Botschaft lautet "Ihr seid Opfer, und wir sind die Einzigen, die euch verstehen", meint der Philosoph Christian Schüle. Einen Ausweg sieht er nur in mühsamer Demokratie-Arbeit.Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

fghjghj