Seit 12:30 Uhr Schlaglichter
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 12:30 Uhr Schlaglichter
 
 

Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 21.03.2016

Europa von außen gesehenLebensziel: Europäerin!

Von Ayse Buchara

Zwei Posaunen (picture-alliance / dpa / Riccardo Antimiani / Eidon)
Musikfest mit Posaune (picture-alliance / dpa / Riccardo Antimiani / Eidon)

Was macht Europa so anziehend? Die Europäer selbst scheinen das nicht mehr zu wissen. Als die Autorin Ayse Buchara vor 35 Jahren aus der Türkei nach Deutschland kam, wusste sie warum.

Ich wuchs während des kalten Krieges auf. In Ankara und in Istanbul. Auf unbebauten Grundstücken spielten meine Freunde und ich Spion. Wir sponnen Geschichten über das rätselhafte Land UdSSR. Doch damals in den Frühsiebzigern hatte ich ein klares Ziel für meine Zukunft: Ich wollte Europäerin werden.

Lange vor der EU war Europa für mich eine Einheit. Und Europäer sein eine bestimmte und anstrebenswerte Existenzform. Nun lebe ich schon lange in Europa und habe auch nicht mehr so oft an jene Jahre zurückgedacht, die so anders waren. Neulich aber sprach das Kind, das ich einmal war, zu mir und fragte: "Erinnerst Du Dich? Warum wolltest Du hierher? Du weißt es doch noch, oder?"

Welche Vision von Europa haben die Deutschen

Es war bei einem Sprachkurs für Erwachsene. (Ältere Menschen lernen Französisch, weltoffen, für Europa offen – sonst bräuchten sie das ja nicht!) Es wird über die Zukunft Europas debattiert. Ich höre zu. Wie so oft wird darüber gesprochen, was nicht sein darf und was gemieden werden müsse. Die üblichen Imperative werden wiederholt. Die EU wird als alternativlos angesehen.

Ich stelle eine Frage: "Wie genau sieht das Europa von morgen aus? Können Sie mir Ihre persönliche Vision beschreiben?"

Ich erhalte keine Antwort.

Das wundert mich nicht. Als sei es verboten, Visionen zu haben und sie auch noch in der Öffentlichkeit zu verbreiten, werden ausführliche Beschreibungen der Zukunft gemieden. Das ersehnte Leben, das erhoffte Menschendasein – man will es sich nicht ausmalen.

Ein Imperativ ohne Inhalt

Das sieht man auch an dem Imperativ: "Wir schaffen das!" Ja, was? Und wer oder was werden wir sein, nachdem wir "das" geschafft haben?

Als Kind träumte ich unbeschwert von einer besseren Welt. Politische Unruhen in der Türkei beschatteten meine Jugend. Umso mehr rechnete ich mit Utopia. Damals war Europa in meinen Träumen der Ort, an dem progressive Gedanken mehr Wert hatten als Goldschmuck und teure Autos.

Als mein verwegener Spion, der Held unserer Rollenspiele, schlafen ging, wusste er, dass weder die USA noch Breschnews UdSSR siegen durften: Ganz Europa würde eines Tages frei sein, die Filme würden immer besser werden, und in den Innenstädten würden keine Autos mehr fahren. Dafür würde das Straßentheater, die Straßenmusik so gut sein, dass man jeden Morgen mit einer neuen Erwartung aus dem Haus gehen würde. Zu Fuß – weil der Weg Spaß machte.

Die Kultur glänzt, nicht der materielle Wohlstand

Irgendwo da draußen existierte die sich weiter entwickelnde Kultur der Renaissance, der Aufklärung, der Belle Epoque – und besaß sogar sich gegenseitig inspirierende, deutlich unterscheidbare und über Jahrhunderte ausgeprägte Gesichter. Balzac neben Fontane, Camus neben Kafka, Graham Green neben Ingmar Bergmann. All diese berauschenden Perspektiven, Stimmen, Erkenntniswege. Reichtum und Aufgabe zugleich.

Ich wollte unbedingt mitmachen.

Mit 18 Jahren schon kam ich her, alleine.

Seither beobachte ich andere, die auch herkommen. Einer beträchtlichen Anzahl von ihnen ist Europa grundsätzlich fremd. Man könnte glauben, sie seien auf der Suche nach Eldorado, dem Land aus Gold, jenem bösen Schatten des amerikanischen Traums, böse, weil trügerisch und banal.

So wie ich im Französischkurs erleben auch sie, dass die Einheimischen – die eigentlichen Europäer, oft genug nicht sagen können, von welcher Zukunft sie träumen. Welches ureigene Bild von welchem menschlichen Sein erleuchtet ihr Inneres? So glänzt das glänzt das falsche Eldorado dann umso heller.

Und das ist traurig.

Ayse Buchara (Privat)Ayse Buchara (Privat)Ayse Buchara, Jahrgang 1959, studierte Psychologie und besuchte danach die Hochschule für Film und Fernsehen in München. Neben ihrer Tätigkeit als Filmemacherin und Autorin gibt sie seit vielen Jahren türkischen Jugendlichen Nachhilfe.

Mehr zum Thema

Falsches Verständnis für Protest gegen Flüchtlinge - Opfer, Täter und die ewige Wiederkehr des Gleichen
(Deutschlandradio Kultur, Politisches Feuilleton, 17.03.2016)

Falsche Utopien - Mitte unterliegt Populismus
(Deutschlandradio Kultur, Politisches Feuilleton, 16.03.2016)

Europa und Migration - Die fatale Dolchstoßlegende der Flüchtlingspolitik
(Deutschlandradio Kultur, Politisches Feuilleton, 07.03.2016)

Miteinander leben - Untergang des Abendlandes?
(Deutschlandfunk, Zur Diskussion, 09.03.2016)

Deutsche Identität - Das Grundgesetz bewahrt uns als gewachsene Kulturnation
(Deutschlandradio Kultur, Politisches Feuilleton, 25.02.2016)

Hörerkommentare

Wir behalten uns vor, Kommentare vor Veröffentlichung zu prüfen. Bitte befolgen Sie unsere Regeln. Für die Kommentarfunktion nutzen wir testweise ein System der US-Firma Disqus, Inc. Weitere Informationen finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

comments powered by Disqus

Politisches Feuilleton

Kollektive RegressionLieber Komfortzone als Daueralarm
Zeichnung eines angsteinflößenden Clowns von Marion Auburtin (Clown Maléfique - Serie La Nuit des Masques/ Marion Auburtin)

In der Komfortzone richten sich die Veränderungsunwilligen ein. Doch so schlecht sei diese Zone gar nicht, meint Psychotherapeut Christian Kohlross. Denn die Alternative dazu sei nicht gesund: Alarm als gesellschaftlicher Dauerzustand.Mehr

Politiker und ihre AusredenSorry, es war frei von der Leber weg
EU-Kommissar Günther Oettinger  (dpa / picture alliance / Patrick Seeger)

Wer sich entschuldigt, räumt eine Verfehlung ein und bittet um Vergebung – im günstigsten Fall versichert er glaubhaft, es nie wieder tun. Doch in der Politik und der öffentlichen Diskussion hat sich eine andere Art von Entschuldigung etabliert, meint Stephan Hebel.Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandradio Kultur