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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 21.04.2014

EssaysArchäologie der Gegenwart

Erich Auerbach: "Kultur als Politik"

Von Carsten Hueck

Die Sultan Ahmet-Moschee im europäischen Teil von Istanbul (dpa / picture alliance)
Die Sultan Ahmet-Moschee im europäischen Teil von Istanbul (dpa / picture alliance)

Dieser Band enthält zwölf Texte, die der deutsche Romanist Erich Auerbach während seines türkischen Exils zu Papier gebracht hat. Er reflektiert darin Phänomene der europäischen Geschichte. Eine Lektüre, die auch heute noch lohnt.

Den Umschlag des Buches ziert eine Fotografie: Auf einem Hügel erhebt sich, weithin sichtbar, die im 16. Jahrhundert erbaute Süleymaniye-Moschee, darunter schmiegen sich Gebäude terrassenförmig an das Goldene Horn, auf dem Wasser davor ein Gewimmel von Ruderbooten. Auf dem Istanbuler Schwarzweißbild aus den 1960er-Jahren scheinen sich Zeitschichten übereinander zu legen, es könnte drei Jahrhunderte früher aufgenommen worden sein – oder drei Jahrzehnte früher, als der deutsche Romanist Erich Auerbach am Bosporus lehrte und die Türkei zum Sprung in die Moderne ansetzte.

"Kultur als Politik. Aufsätze aus dem Exil zur Geschichte und Zukunft Europas (1938-1947)" lautet der ausladende Titel dieser Sammlung von zwölf Texten, die der frühere Marburger Professor während seines türkischen Exils zu Papier gebracht hat. Sechs von ihnen sind verschriftlichte Vorträge, die Auerbach an der 1933 gegründeten Istanbul-Universität hielt, die übrigen sind Publikationen für türkische Zeitungen. Sie werden, aus dem Türkischen übersetzt, zum ersten Mal auf Deutsch publiziert.

Bekannt ist Erich Auerbach vor allem durch sein epochemachendes Werk "Mimesis", eine Geschichte der abendländischen Literatur, in der er die Nachahmung von Wirklichkeit als literarisches Konzept untersucht und zu einem neuen Verständnis von Realismus gelangt. Dieses Werk setzt sich aus vielen Einzeluntersuchungen zusammen – und genau so lesen sich auch die Aufsätze in "Kultur als Politik". Sie verdeutlichen Auerbachs Prämissen und stellen seine Themen und Protagonisten vor, darunter Voltaire, Machiavelli und Dante. Vergangenheitsbetrachtung ist für den Autor dabei stets "Archäologie der Gegenwart."

Kenntnisreich und originell

Dezidiert in der Jetztzeit angesiedelt ist der Aufsatz über das "Studium der Romanistik in Istanbul" sowie jener über den italienischen Historiker und Philosophen Benedetto Croce. Alle anderen Essays – am interessantesten "Literatur und Krieg", "Die Wirkung von Monarchien auf die Demokratie" und "Die Entstehung von Nationalsprachen im Europa des 16. Jahrhunderts" – beschäftigen sich mit historischen Phänomenen. Auerbach reflektiert sie jedoch so kenntnisreich und originell, dass die Lektüre auch mit Blick auf heutige Probleme lohnt.

Das liegt vor allem am klaren Stil des Autors und seinem Vermögen, verschiedenartige Wissenspartikel zu neuen Erkenntnissen zusammenzusetzen. In der Türkei vom etablierten Wissenschaftsbetrieb weitgehend abgeschnitten und von einem im Zweiten Weltkrieg untergehenden Europa weit genug entfernt, aus doppelter Distanz also entwickelt Auerbach eine freiere Betrachtungsweise europäischer Geschichte. Er betont beispielsweise die Bedeutung der Monarchie für die Herausbildung eines demokratischen Bewusstseins oder leitet aus dem Realismus russischer Romane die Zunahme eines "gemeinsamen Lebens der Menschen auf der Erde" ab – also das, was wir heute Globalisierung nennen.

Die Aufsätze aus dem Exil veranschaulichen Erich Auerbachs literaturwissenschaftliche und kulturhistorische Denk- und Deutungsmuster. Sie sind eine hervorragende Einführung in die Methodik dieses bedeutenden Wissenschaftlers.

Erich Auerbach: Kultur als Politik
Aufsätze aus dem Exil zur Geschichte und Zukunft Europas (1938-1947)
Hrsg. von Christian Rivoletti
Aus dem Türkischen von Christoph Neumann
Konstanz University Press, Konstanz 2014
200 Seiten, 29,90 Euro

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