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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 30.03.2009

Essay über Licht und Schatten

Ernst H. Gombrich: "Schatten. Ihre Darstellung in der abendländischen Kunst", Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2009, 96 Seiten

Charlotte Rudolph: Palucca mit doppeltem Schatten, 1925 (Kupferstich-Kabinett der Staatlichen Kunstsammlung Dresden)
Charlotte Rudolph: Palucca mit doppeltem Schatten, 1925 (Kupferstich-Kabinett der Staatlichen Kunstsammlung Dresden)

Der Kunsthistoriker Ernst H. Gombrich legt sein Augenmerk auf ein Darstellungsmittel, das in der Kunstgeschichte wenig beachtet wurde. In dem reich bebilderten Band finden sich viele Beispiele von Gemälden, an denen er das Wechselspiel von Licht und Schatten zeigt. Gombrich wäre am 30. März 100 Jahre alt geworden.

Ernst H. Gombrich war fasziniert vom scheinbar Nebensächlichen. So zeigte er sich in seiner 1995 in Englisch erschienenen Studie angezogen vom Schatten in der abendländischen Kunst. Gombrich, der vor hundert Jahren am 30. März 1909 in Wien geboren wurde, emigrierte 1936 nach England, um den Nachlass des 1929 gestorbenen Kunsthistorikers Aby Warburg zu untersuchen.

In der Auseinandersetzung mit dessen Schriften – von 1959 - 1976 war Gombrich Direktor des Londoner Warburg-Instituts – hat dieser bedeutende Kunstgelehrte des 20. Jahrhunderts sein methodisches Denken entwickelt. Sein Buch die "Geschichte der Kunst" wurde in 15 Sprachen übersetzt.

Gombrich richtet in seiner knappen Darstellung – ausführlicher lässt sich Victor I. Stoichita in "Eine kurze Geschichte des Schattens" auf das Phänomen ein – das Augenmerk auf ein künstlerisches Darstellungsmittel, das in der Kunstgeschichte wenig beachtet wurde. Das lag wohl auch an Leonardo da Vincis Verdikt, dass die Darstellung des Schattens bei Malern "tadelnswerth" sei. Sein Hinweis, man solle als Maler den Schatten "übersehen", erinnert an Adelbert von Chamissos "Peter Schlemihls wundersame Geschichte", in der Schlemihl seinen Schatten an den Teufel verkauft und dadurch zum Außenseiter wird. Während er etwas veräußerte, was er für entbehrlich hielt, löste gerade das Fehlende bei jenen Verwunderung aus, denen er begegnete.

Gombrich schärft den Blick für ein Phänomen, indem er auf das Verhältnis von Präsenz und Absenz aufmerksam macht. In dem reich bebilderten Band finden sich viele Beispiele, an denen Gombrich das Wechselspiel von Licht und Schatten entwickelt. Eindrucksvoll gelingt ihm das u.a. an Masacios Bild "Schattenheilung durch Petrus" von 1425. Während Petrus den Kranken keines Blickes würdigt, reicht sein auf den Kranken fallender Schatten, um das Wunder zu vollbringen.

An wenigen, dafür aber an sehr prägnanten Beispielen vermag Gombrich in seinem Schatten-Essay einen Bogen vom frühen 15. bis ins 20. Jahrhundert zu schlagen. Das Bedrohliche, das die Schatten auf den Bildern von de Chirico bewirken, hängt damit zusammen, dass mit dem Schattenreich das Reich der Toten assoziiert wird.

Gombrich, den Nebensächliches interessiert, versteht es, ein Phänomen ins Zentrum der Aufmerksamkeit zu rücken, das zu verfolgen jeden Museumsbesuch interessant werden lässt, weil man bei dieser Spurensuche zu den Ursprüngen der Malerei gelangen kann. Denn der Schatten gilt nach Plinius (1. Jh. n. Ch.) als die Geburtsstunde der Malerei, die geboren wurde, als man zum ersten Mal eine Linie um den Schatten eines Menschen zog. Festgehalten hat dieses Ereignis u.a. David Allan auf dem Bild "Der Ursprung der Malerei" von 1775.
Ein kleines, sehr feines, äußerst informatives und leicht zu lesendes Buch für alle, die sich für Kunst interessieren.

Rezensiert von Michael Opitz

Ernst H. Gombrich: Schatten. Ihre Darstellung in der abendländischen Kunst
Aus dem Englischen von Robin Cackett
Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2009
96 Seiten, 15,90 Euro

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