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Lesart / Archiv | Beitrag vom 19.02.2016

Eshkol Nevo: "Die einsamen Liebenden"Realsatire auf das Leben einer frommen Provinzstadt

Von Sigrid Brinkmann

Der israelische Schriftsteller Eshkol Nevo (picture alliance / dpa)
Der israelische Schriftsteller Eshkol Nevo (picture alliance / dpa)

In einem fiktiven Pilgerort spielt der Roman "Die einsamen Liebenden" von Eshkol Nevo. Der israelische Autor erzählt darin vom komplizierten Bau eines koscheren Bades - und der mühevollen Beziehung zwischen einem arabischen Israeli und einer Hobby-Ornithologin.

Immer sind Eshkol Nevos Figuren auf der Suche nach einem tieferen Sinn des Lebens, leidenschaftlich entflammbar für die Idee eines Neuanfangs oder zutiefst erschrocken über die Möglichkeit, das eigene Leben in unbekannte Bahnen zu lenken. Mal planen sie den Aufbruch, mal fliehen sie. Aber egal an welchen Ort, in welches Land Nevo seine Charaktere schickt, stets kommt der Tag, an dem die Schwankenden von verlassenen Ehepartnern und Kindern, alten Freunden, Kibbuznikim oder ihrer religiösen Gemeinschaft, die nicht aufhört über sie zu wachen, verlässlich in die Pflicht genommen werden.

Die Protagonisten mögen an Einsamkeit leiden und das Leben im Kollektiv als schwere Bürde empfinden, doch dauerhaft allein zu leben, kommt Nevos Charakteren wie eine sträfliche Sünde vor. Auch in seinem jüngsten Roman neigen die einsam liebenden Paare dazu, sich ihre Resignation zu vergolden.

Eine Million post-sowjetische Einwanderer

Neu ist, dass Eshkol Nevo einen Roman als Realsatire auf das Leben in einer fiktiven frommen Provinzstadt beginnt und er die Geschichte dann mehr und mehr zum Märchen formt. Ein amerikanischer Witwer hat beschlossen, seiner Frau zum Gedenken ein koscheres Tauchbad in der Stadt-der-Gerechten bauen zu lassen. Eine Million Bürger der zerfallenen Sowjetunion sind in Israel eingewandert, und Nevo hat sich den Spaß erlaubt, eine Schar unproduktiver, atheistischer russischer Rentner ausgerechnet in jener Stadt ankommen zu lassen, die ein Pilgerort für "religiosniks" ist.

Die russischen Neu-Israelis werden im Viertel "Ehrenquell" angesiedelt, gleich neben einem Militärcamp. Sie haben keinen Elan, Hebräisch zu lernen, hören lieber Radio Moskva, essen Piroschki und ertragen stoisch das eklatante Maß an Vernachlässigung ihrer kulturellen Bedürfnisse seitens der Munizipalität. Intern heißt "Ehrenquell" nur "Sibirien". Als der Bürgermeister beschließt, die Mikve ausgerechnet in Sibirien errichten zu lassen, beginnen die Probleme.

Gekonnt verschränkte Erzählstränge

Sehr gekonnt verschränkt Nevo verschiedene Erzählstränge, mischt die Kritik an militärischer Arroganz mit Klischees vom russischen Kulturvolk und entwickelt nebenbei das Profil zweier Liebender, deren gemeinsame Zukunft ein ums andere Mal scheitert.

Baumeister der Mikve ist ein arabischer Israeli. Er wird der Militärspionage verdächtigt und inhaftiert, erwirkt aber schließlich unerschrocken seine Freilassung. Er, der seit früher Kindheit die Zugvögel beobachtet, ist der freieste Charakter des romanhaften Märchens, und Nevo parallelisiert die Entschlossenheit des jungen Muslims, Israel zu verlassen mit den unerklärlichen Abirrungen von Vögeln, die "plötzlich allein weit ab von ihrer normalen Zugroute in einem Teil der Welt auftauchen, in den sie gar nicht gehören".

Ornithologen nennen Vögel, deren "innerer Kompass" sich verschoben hat, "lost solos". Für die englische Übersetzung des Romans wurde dieser Begriff als Titel gewählt. Er weitet den Blick angenehm über die Befindlichkeiten der "einsamen Liebenden" hinaus. Dass es für den Vogelliebhaber, der sich sachte in eine weit gereiste Hobby-Ornithologin verliebt, keinen Platz in Israel gibt, auch das ist eine Aussage, die gut zum wehmütigen Generalsound der irrealen Geschichte passt.

Eshkol Nevo: Die einsamen Liebenden
Aus dem Hebräischen von Anne Birkenhauer
dtv, München 2016
288 Seiten, 16,90 Euro
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