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Interview / Archiv | Beitrag vom 26.11.2012

"Es wird Klimaflüchtlinge geben"

Umweltaktivist Arved Fuchs warnt vor irreversiblen Klimaschäden in der Arktis

Moderation: Jörg Degenhardt

Bei der Klimadiskussion gehe es um Folgen von enormer politischer Brisanz, so Arved Fuchs.  (picture alliance / dpa / Carsten Rehder)
Bei der Klimadiskussion gehe es um Folgen von enormer politischer Brisanz, so Arved Fuchs. (picture alliance / dpa / Carsten Rehder)

Vor dem Beginn der UN-Klimakonferenz in Doha hat der Publizist und Umweltaktivist Arved Fuchs vor irreversiblen Schäden durch den Klimawandel gewarnt. Es gehe um Folgen von enormer politischer Brisanz, nach wie vor würden die Auswirkungen des Klimawandels unterschätzt.

Jörg Degenhardt: Die rote Linie ist überschritten, die Welt steuert nicht mehr auf zwei Grad Erderwärmung zu, sondern auf vier Grad, sagen ernst zu nehmende Wissenschaftler. Komisch nur, dass das Klimaschutztempo nicht zunimmt. Dabei ist das Schmelzen des Grönlandeises etwa nicht zu übersehen und Hurrikan Sandy dürfte Amerikanern noch in unguter Erinnerung sein. Also hoffen viele weltweit mal wieder, dass der Klimagipfel in Doha jetzt endlich eine Wende bringt und eine Fortschreibung des Kyotoprotokolls.

Die Werkzeuge weiter in Betrieb halten, so kann man es auch sagen, darum geht es in Doha. Deutschlands Umweltminister Altmaier wünscht sich in Katar eine globale Trendumkehr. Dagegen hat mit Sicherheit auch Arved Fuchs nichts. Arved Fuchs ist Polarforscher, seit über drei Jahrzehnten leitet er Expeditionen zu Nord- und Südpol, er ist Buchautor und für viele ist er längst ein Mahner und Chronist des Klimawandels geworden. Guten Morgen, Herr Fuchs!

Arved Fuchs: Schönen guten Morgen!

Degenhardt: Nehmen wir allein die Fakten, etwa den weltweiten Anstieg der CO2-Emissionen. Ist da nicht das Ziel einer Trendumkehr reines Wunschdenken?

Fuchs: Ja, momentan sieht es so aus, weil wir nicht weniger emittieren, sondern es derzeit immer mehr werden. Wir emittieren über 30 Milliarden Tonnen CO2 pro Jahr in ein geschlossenes System sozusagen, mit dem Effekt, dass sich das Klima immer weiter aufheizt.

Degenhardt: Heißt das, die Auswirkungen der Klimakatastrophe, die werden immer noch unterschätzt, alles halb so wild?

Fuchs: Ja, sie werden unterschätzt, es wird vertagt. Das Problem liegt darin, dass es eben ein Problem ist, was man nicht von heute auf morgen erkennt. Wenn sie aber etwas weiter in die hohen Breiten gehen, also in die Nordpolarregion, dann kann man dort feststellen – und das ist ja auch publik und öffentlich gemacht –, dass beispielsweise das Sommereis im Vergleich zu den 80er-Jahren um etwa die Hälfte geschrumpft ist. Und dieser Prozess des Auftauens, des Wärmerwerdens, zieht sich an Land weiter fort, im Bereich des Permafrostbodens oder auch eben das grönländische Inlandeis.

Und das Dramatische dabei ist wirklich, dass es ein irreversibler Prozess ist. Also, dass wir Menschen, selbst wenn wir dann die Dringlichkeit des Handelns einsehen, nicht mehr die Schraube zurückdrehen können, weil das ganz träge, lange Prozesse sind.

Degenhardt: Sie haben ... Entschuldigung, Sie haben den Prozess des Auftauens erwähnt. Da wird ja eher noch der Vorteil gesehen, dass sich dadurch ganz neue Schiffspassagen ergeben, dass man jetzt neue Rohstoffquellen hat. Also, alles wird sozusagen dem Wirtschaftsaspekt untergeordnet!

Fuchs: Ja, das ist ja in der Betrachtungsweise leider immer der Fall. Aber in der langen Betrachtung wird es nur Verlierer geben und keine Gewinner, weil die Schäden, die Folgen dieser globalen Erwärmung die Volkswirtschaften in einem enormen Maße belasten werden. Also, wenn Sie beispielsweise sehen dass etwa 163 Millionen Städte am Meer liegen und quasi von einem Meeresspiegelanstieg betroffen sind, und man rechnet, dass etwa moderat geschätzt dieser Meeresspiegelanstieg bis zum Ende des Jahrhunderts einen Meter betragen kann, dass Sturmfluten anders auflaufen, dass Stürme an Gewalt zunehmen, dann belastet das die Volkswirtschaften in einem ganz enormen Maße.

Es wird sicherlich immer mal den einen oder anderen Wirtschaftszweig geben, der sich als Gewinner betrachtet, aber insgesamt beinhaltet das natürlich auch eine ungeheure politische Brisanz. Was sollen Menschen in Entwicklungsländern tun, deren Region unbewohnbar wird? Sie werden wandern, es wird Klimaflüchtlinge geben, es wird enorme politische Spannung daraus resultieren.

Also, Klimawandel, die Diskussion, was hier immer noch nicht richtig gesehen und verstanden wird, geht nicht darum, dass wir hier vielleicht im November noch im Strandkorb draußen sitzen können, sondern die Folgen sind enorm von einer politischen Brisanz und auch ökonomischen Brisanz.

Degenhardt: Sie sind – ich habe es gesagt – Polarforscher, kein Politiker, ganz klar. Aber Sie sind, wie wir alle natürlich, betroffen von diesem Klimawandel. Was würden Sie denn den Politikern zuallererst ins Stammbuch schreiben, worüber müssten sie in Doha zuallererst verhandeln?

Fuchs: Na ja, ich finde es schon bezeichnend, dass man in Doha tagt, also das reichste Land mit der höchsten CO2-pro-Kopf-Emission weltweit und mit 2-Cent-Strompreisen pro Kilowattstunde ist das auch bisschen eigenartiges Signal. Aber mal von der politischen Konsequenz abgesehen, kann man das Problem als einzelner Bürger auch nicht nur auf die Politik delegieren, sondern wir alle sind natürlich auch gefordert. Das große Ganze macht es.

Die Politik ist gefordert, wir als Bürger wählen die Politiker, wir müssen auch abfragen, was sie in unserem Namen machen, und natürlich müssen wir persönlich unseren Beitrag auch mit leisten. Also, wir können nicht weiter alte Glühbirnen reinschrauben und einen Wandel fordern. Also, wir müssen eben selbst auch aktiv werden.

Degenhardt: Deutschland, die Bundesregierung, Schwarz-Gelb hält sich die Energiewende zugute. Aber klimaschädlichen Kohlestrom gibt es nach wie vor, nicht zuletzt wegen des Kuhhandels mit den CO2-Verschmutzungsrechten. Wo liegt da der Ausweg? Man kann ja nicht wieder auf sauberen Atomstrom setzen?

Fuchs: Na ja, also, die Bundesregierung ist sich selbst ja auch nicht so ganz einig und deshalb hat Herr Altmaier auch keine so ganz leichte Position derzeit, weil das Wirtschaftsministerium da die Interessen der Wirtschaft breiter vertritt. Also, diese Vorreiterrolle, die Deutschland einstmals auch in dieser Klimaschutzdiskussion gehabt hat, die hat es im Moment eigentlich gar nicht mehr so, weil hier auch auf breiter Ebene Unstimmigkeit herrscht. Also, das ist leider auch in diesem Zusammenhang anzumerken.

Degenhardt: Das heißt, diese Kritik geht an den Wirtschaftsminister, an Herrn Rösler, der eine künstliche Verteuerung der besagten Zertifikate ablehnt.

Fuchs: So ist es. Also, dieser Handel der Zertifikate ist natürlich eine Möglichkeit, hier regelnd einzugreifen. Aber wenn es natürlich zu viel Zertifikate auf dem Markt gibt und man dieses entsprechend nicht nutzen will, dieses Instrumentarium, dann verpufft es.

Degenhardt: Der Polarforscher und Mahner in Sachen Klimawandel, Arved Fuchs, vor der Konferenz in Doha. Herr Fuchs, vielen Dank für das Gespräch!

Fuchs: Herzlich gerne!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

"Links bei dradio.de:"
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